Keine Einzel­fälle: Anti­mus­li­mischer Rassis­mus in der Schweiz

Erfahrungen von anti­mus­li­mischem Rassis­mus in der Schweiz sind keine Einzel­fälle, sondern weit ver­breitet. Er kommt in allen Lebens­bereichen vor: in Schulen, Kranken­häusern oder am Arbeits­platz und kann weit­reichende Kon­sequen­zen für die Be­troffenen haben.

Asmaa Dehbi und Noemi TruccoMarch 05, 2025

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Zunehmende Spaltung der Gesell­schaft: Anti­mus­li­mischer Rassis­mus kommt in der Schweiz syste­matisch in zentralen Lebens­bereichen vor.© Pexels

«Wart nur ab, bis du grösser wirst, dann wirst du auch zum Kopf­tuch ge­zwungen!» – «Gehen Sie zurück in Ihr Land, Sie ge­hören nicht hier­her.» – «Du häss­licher arabischer Bastard, geh nach Hause, um mit deinen parasitären faschistischen, untermenschlichen, paläs­ti­nen­sischen Kameraden zu ficken, wir wollen euch nicht mehr in Europa haben, verschwindet.»

Die drei Aus­sagen stehen exemplarisch dafür, was Muslim:innen und muslimisch ge­lesene Menschen in der Schweiz immer wieder er­leben. Die drei Be­trof­fenen, die wir hier zitie­ren, haben uns ihre Er­leb­nisse im Rahmen einer Studie über anti­mus­li­mischen Rassis­mus erzählt, oder – im Falle des dritten Bei­spiels – in Form einer E-Mail vor­gelegt.

Es handelt sich um die aller­erste Studie des Bundes zu anti­mus­li­mi­schem Rassis­mus. Das Schwei­ze­rische Zentrum für Islam und Gesell­schaft (SZIG) hat sie im Auf­trag der Fach­stelle für Rassismus­bekämpfung (FRB) er­ar­beitet. Für die Studie haben wir mit siebzehn Be­trof­fenen ge­sprochen und rund 30 Expert:innen von Fach­stellen, Be­hörden, mus­li­mischen Orga­ni­satio­nen und Uni­versi­täten be­fragt. Zudem haben wir über 200 wissen­schaft­liche Publi­ka­tionen aus­ge­wertet.

Das Er­geb­nis ist ein­deutig: Er­fah­rungen von anti­mus­li­mi­schem Rassis­mus sind keine Einzel­fälle. Anti­mus­li­mi­scher Rassis­mus ist er­schreckend weit ver­breitet und findet prak­tisch in jedem Alltags- und Lebens­bereich statt.

Nur findet das Thema in der breiten Öffent­lich­keit bis­her kaum Be­ach­tung. Selbst gra­vie­rende Taten gegen Muslim:innen er­hal­ten wenig mediale Auf­merk­sam­keit. Sei es der An­schlag auf eine Moschee 2016 oder der anti­mus­li­mi­sche Über­griff in Bad Ragaz 2024: Medien be­richte­ten ent­weder gar nicht oder stellten die Ver­brechen als Aus­reisser dar.

Was ist mit anti­mus­li­mi­schem Rassis­mus ge­meint?

Anti­mus­li­mi­scher Rassis­mus stellt «den Westen» und «den Islam» als gegen­sätz­lich und un­verein­bar dar. Das Muster ähnelt jenem von anderen Rassismus­formen: Eine Bevölkerungs­gruppe wird auf­grund ihrer ver­meint­lichen Kul­tur, Reli­gion oder Her­kunft als «anders» kon­stru­iert, mit einer impli­ziten Hierar­chie, die die «anderen» als rück­ständig, religiös-­fanatisch, gewalt­bereit, sexis­tisch oder demokratie­feindlich zeichnet. Die oben zitierte Hass-­E-Mail zeigt sehr deut­lich, wie Mus­lim:innen in diesem Prozess ab­ge­wertet und gar ent­mensch­licht werden.

Davon betroffen sind nicht nur Muslim:innen. Sondern auch Men­schen, die auf­grund ihres Namens, ihrer Her­kunft oder ihres Aus­sehens als mus­li­misch wahr­ge­nommen werden, auch wenn sie nicht dem isla­mi­schen Glau­ben an­ge­hören.

Gleichzeitig sind nicht alle Muslim:innen gleich von Dis­kri­mi­nie­rung und Ge­walt be­troffen: Es trifft besonders jene, die als «ein­deutig mus­li­misch» wahr­ge­nommen werden – etwa, weil sie ein Kopf­tuch tragen oder lange Bärte. Vor allem das Kopf­tuch dient häufig als An­knüpfungs­möglich­keit für Rassis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung: «Man weiss immer, was ich bin», sagte uns eine Be­fragte.

Die Ent­stehung von anti­mus­li­mi­schem Rassis­mus ist eng mit der eu­ro­päi­schen Kolonial­geschichte ver­bunden. Die wichtigste Theorie dazu ent­wickelte der palästinensisch-­ame­rika­nische Literatur­theortiker Edward Said in den 1970er Jahren, in seinem richtungs­weisenden Werk «Ori­en­ta­lis­mus»: Unter dem Be­griff ver­steht Said den eu­ro­päi­schen Blick auf Süd­west­asien und Nord­afrika in Kunst, Litera­tur und Wissen­schaft.

Orientalismus – und in der Folge anti­mus­li­mi­scher Rassi­mus – er­füllt zwei Funk­tio­nen: Er kon­stru­iert den «Orient» als Vergleichs­folie für das Selbs­tbild Euro­pas. Euro­pa gilt dabei als fort­schritt­lich, demo­kra­tisch und geschlechter­gerecht, während «der Orient» als rück­schritt­lich, anti­demo­kra­tisch und ge­schlech­ter­dis­kri­mi­nie­rend ge­rahmt wird.

Dieses stereo­type Bild wird auf Mus­lim:innen über­tragen und dient als Legi­ti­ma­tion für deren Dis­kri­mi­nie­rung. Man spricht ihnen ab, zur Mehr­heits­gesell­schaft zu ge­hören, und er­schwert oder ver­hindert ihnen den Zu­gang zu gesell­schaft­lich rele­van­ten Lebens­bereichen.

Ein subtiles Bei­spiel findet sich in der Bot­schaft des Bundes­rats zur Ver­hüllungs­verbots­initiative 2021. Dort schreibt der Bundes­rat, dass die Gesichts­ver­schleierung die freie Wahl einer Person sein kann – zum Beispiel bei kon­ver­tier­ten Schwei­ze­rin­nen. Da­durch, dass er die freie Wahl expli­zit Schweizer Kon­ver­titin­nen zu­schreibt, stützt der Bundes­rat impli­zit das oben be­schrie­bene Bild: Alle anderen Mus­li­min­nen, die ein Kopf­tuch tragen, treffen also keine freie Wahl, son­dern werden dazu ge­zwungen.

Das Bei­spiel zeigt, wie massen­mediale und poli­tische De­bat­ten der Schweiz an kolonial ge­prägte Vor­stellungen an­knüpfen. Ins­beson­dere die De­bat­ten vor der Minarett­verbots­initiative 2009 haben stark dazu bei­ge­tragen, dass die Öffent­lich­keit Mus­lim:innen als Problem sieht.

Diskussionen drehen sich häufiger um Mus­lim:innen – statt dass mit ihnen ge­sprochen würde. Schliess­lich seien Mus­lim:innen, so das Bild, ausser­euro­päisch, fremd und ent­sprechend «die Anderen». Anti­mus­li­mi­scher Rassi­mus reiht sich damit ein in die ver­schie­denen «Über­fremdungs­narra­tive», die in der Schweiz schon lange exis­tie­ren: gegen Jüdin­nen und Juden, Kom­mu­nist:innen und migran­tische Arbeiter:innen.

Ein spezifisches Merk­mal des anti­mus­li­mischen Rassis­mus ist, dass er häufig mit einem Bedrohungs­narrativ auftritt: Eine von der Eid­ge­nös­sischen Kom­mission für Rassis­mus in Auf­trag ge­gebene Studie be­legt, dass 2017 jeder zweite Medien­beitrag zu Islam und Mus­lim:innen die Themen Radi­ka­li­sie­rung und Terror be­handel­te. Das prägt das Bild von Mus­lim:innen als Sicher­heits­risiko. Ent­sprechend er­zählt eine von uns be­fragte Person: «Ich werde oft als Terrorist be­schimpft».

Mus­lim:innen stehen unter General­ver­dacht, während für die Mehr­heits­gesell­schaft die Un­schulds­ver­mutung gilt. Das Bedrohungs­narrativ dient als Legi­ti­mation, anti­mus­li­mi­scher Rassis­mus wird in der Folge norma­li­siert. Unter­schwellig hält sich die Vor­stellung, dass die Dis­kri­mi­nie­rung gegen Mus­lim:innen irgend­wie be­rechtigt sei.

Es ist denn auch nicht über­raschend, dass laut Bundes­amt für Statis­tik fast 35% der Mus­lim:innen in der Schweiz an­geben, rassis­tische Dis­kri­mi­nie­rung er­lebt zu haben. Die Dunkel­ziffer dürfte weit höher liegen. Alle von uns be­frag­ten Perso­nen be­richten, dass sie wieder­holt und in unter­schied­lichsten Alltags­situa­tionen Rassis­mus er­fahren haben. Da­bei haben wir sie nicht spezi­fisch nach Lebens­bereichen ge­fragt, son­dern diese aus den auf­ge­zeich­ne­ten und trans­kribier­ten Ge­sprächen heraus­ge­arbeitet.

Anti­mus­li­mi­scher Rassis­mus im Schwei­zer Bildungs­system

In Schulen, Kinder­gärten oder Uni­versi­täten scheint anti­mus­li­mi­scher Rassis­mus weit ver­breitet zu sein. Alle von uns Be­frag­ten er­zähl­ten von rassis­tischen Si­tua­tio­nen im Bildungs­system: In ihrer jetzigen Schul- oder Studien­situa­tion, in ihrer Ver­gangen­heit oder mit ihren Kin­dern. Um­fassende Stu­di­en aber, die das Thema sys­te­matisch unter­suchen, gibt es keine.

Dabei wäre eine solche Doku­men­ta­tion dringend nötig – denn Rassis­mus im Bildungs­system ist hoch­proble­ma­tisch und kann für Be­trof­fene weit­reichen­de Kon­se­quen­zen haben. Zum Bei­spiel, wenn Lehr­perso­nen sie auf einem tieferen Leistungs­niveau ein­stufen und we­ni­ger von ihnen er­war­ten als von anderen, und sie dem­ent­sprechend weniger för­dern oder zu guten Leis­tun­gen an­spor­nen. So erzählt uns ein Be­trof­fener: «Der Lehrer hat gesagt, Deutsch ist nicht Ihre Mutter­sprache. Wenn Sie mit einer Vier durch­kommen, bin ich zu­frie­den. Dann habe ich gesagt, Aber ich nicht!».

Solche Zu­schreibungen bleiben nicht folgen­los. Sie wirken sich auf Lauf­bahn­emp­feh­lun­gen und Noten­ver­gaben aus. Die Bildungs­soziologie spricht hier vom so­ge­nannten «Herkunfts­effekt»: Wenn Lehr­personen Ent­scheide un­ab­hängig von der tat­säch­lichen Leis­tung treffen.

Zwar unter­scheidet sich der tat­säch­liche Ein­fluss von Lehr­personen auf Über­tritts­empfehlungen von Kanton zu Kanton. Doch die Er­fah­run­gen, von denen uns die Be­frag­ten und Expert:innen er­zähl­ten, ähneln sich kantons­über­greifend: Etwa, dass Mus­lim:innen und als mus­li­misch ge­lesenen Per­so­nen häufig ein Lehr­beruf nahe­gelegt wird, obwohl deren Leistungen fürs Gymna­sium aus­reichen.

In den Er­zäh­lun­gen der Be­trof­fenen findet sich oft auch «die eine Lehr­person», von der die eigene Schul­lauf­bahn wesent­lich ab­hing. Diese «eine Lehr­person» hat je nach­dem den Bildungs­auf­stieg des oder der Be­trof­fenen unter­stützt – oder aber zu ver­hin­dern ver­sucht. Eine Be­fragte er­zählt von einer Lehr­person, die ihr ge­sagt habe: «Wenn ich will, kann ich dir münd­lich eine schlechte Note geben, dann schaffst du es nicht».

Das schliesst an die Be­funde ver­schie­dener Studien an, die be­legen, dass das Ideal der Chancen­gerechtig­keit im Schwei­zer Bildungs­system nicht aus­reichend um­ge­setzt wird. Bildungs­chancen sind sozial un­gleich ver­teilt, sie hängen noch immer von leistungs­fremden Krite­rien wie sozialer Her­kunft, Migrations­hinter­grund oder Geschlecht ab. Auch Rassis­mus kommt hier zum Tragen.

Lehrpersonen schreiben mus­li­mi­schen Schüler:innen zu­dem häufig un­ver­änder­liche und «in ihrer Kul­tur» ver­ankerte Eigen­schaften zu – und be­dienen damit zum Bei­spiel das Bild, «der Islam» und Mus­lim:innen seien rück­ständig, patri­ar­chal und anti­demo­kratisch.

Lou, eine junge Mus­limin, er­zählte uns, wie eine Lehr­person reagierte, als sie in der Ober­stufe das erste Mal mit einem Kopf­tuch zur Schule kam. Sie bat Lou nach draussen. Vor der Tür sagte sie ihr: «Ich habe dir ein­fach sagen wollen: So wirst du in deinem Leben nichts er­reichen. Ich weiss nicht, was dein Vater dir er­zählt hat, aber vielleicht kannst du es dir noch einmal über­legen (mit dem Kopf­tuch)».

Natür­lich kennen wir den Beweg­grund für diese Aus­sage nicht. Es könnte sein, dass die Lehr­person suggeriert, dass Lou ihren künftigen Er­folg in ihrer weiteren schulischen und beruf­lichen Lauf­bahn mit dem Tragen des Kopf­tuchs ge­fährdet. Oder sie be­fürchtet, dass Lou auf­grund des Kopf­tuchs zukünftig dis­kri­mi­niert und des­wegen keinen Er­folg haben wird.

Die erste Er­klärung ver­weist stärker auf in­di­vi­du­elle Vor­ur­teile, die zweite wälzt eine struk­tu­relle Dis­kri­mi­nie­rung auf das Indi­vidu­um ab. In beiden Fällen aber ist die Aus­sage dis­kri­mi­nierend: Da­durch, dass die Lehr­person unter­stellt, Lous Vater habe die Ent­schei­dung für das Kopf­tuch be­ein­flusst, be­dient sie das stereo­type Bild patri­ar­chaler Geschlechter- und Familien­ver­hältnisse.

Antimuslimischer Rassis­mus am Arbeits­platz

Auch auf dem Arbeits­markt berichten Betroffene von anti­mus­li­mi­schem Rassis­mus. Und auch hier hat Rassis­mus weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen: Es be­ginnt mit der Schwierig­keit, über­haupt eine Arbeits­stelle zu fin­den, wenn es im Bewerbungs­prozess zu un­gerecht­fertig­ten Be­nach­teili­gungen kommt. Rassis­mus kann sich in Mobbing am Arbeits­platz mani­fes­tieren, in Lohn­dis­kri­mi­nie­rung oder dis­kri­mi­nie­ren­den Kün­di­gungen.

Insbesondere Frauen mit Kopf­tuch er­fahren immer wieder Dis­kri­mi­nie­rungen im Bewerbungs­prozess: So konnte Nathalie Gasser von der Päda­gogi­schen Hoch­schule Bern 2020 be­legen, dass es für kopf­tuch­tragende Frauen in der Schweiz auch mit aus­ge­zeich­ne­ten Zeug­nissen schwierig ist, eine Lehr­stelle zu finden.

Das­selbe Muster findet man nicht nur bei Lehr­stellen. Manche Apo­the­ken, Spitäler, selbst einige Läden – wie ein pub­lik ge­machter Fall von Coop zeigt – legen in ihren Arbeits­ver­trägen fest, dass an­ge­stellte Frauen kein Kopf­tuch tragen dürfen. Der Kanton Genf kennt mit dem Laizitäts­gesetz sogar ein Kopf­tuch­verbot für Staats­angestellte. Wenn Frauen mit Kopf­tuch in der Schweiz keine Stelle finden, kommt es offen­bar regel­mässig vor, dass die Regio­nalen Arbeits­vermittlungen (RAV) sie auf­fordern, sich ohne Foto oder gar ohne ein Kopf­tuch zu be­wer­ben. Dies be­richtete uns eine B­efragte, zeigt aber auch ein Artikel der UNIA-­Gewerkschafts­zeitung work vom 16. Juni 2023.

Das sind an­schauliche Bei­spiele für inter­sektio­nale Dis­kri­mi­nierung. Inter­sektio­nalität heisst: Ver­schie­dene Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men über­schneiden sich und wir­ken zusammen. Das Kopf­tuch ver­schränkt zwei Merk­male: Frau-­Sein und Muslimisch-­Sein. Die Ver­schränkung dieser beiden Merk­male bringt weitere Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men mit sich. Denn: Es sind nur mus­li­mi­sche Frauen vom Kopf­tuch­verbot be­troffen.

Auch am Arbeits­platz kommt es zu Zu­schreibungen und Dis­kri­mi­nie­rungen. So wurde ein Be­trof­fener, der im Gesund­heits­wesen arbeitet, von einem Pa­ti­en­ten gefragt, ob er in seiner Hei­mat auch Be­steck be­nutze. Solche Fragen mögen auf den ersten Blick un­schul­dig wirken. Doch viele Be­trof­fene fühlen sich durch solches Othering ab­gewertet: «Diese Frage von euch und von uns ist immer: Ja, du ge­hörst nicht dazu», sagt ein Be­frag­ter.

Eine Betroffene, die ein Kopf­tuch trägt, wurde an ihrer alten Arbeits­stelle dis­kri­mi­niert und ent­schied darauf­hin, ein Mobbing­ver­fahren ein­zu­leiten und zu kün­digen. Sie er­zählt: «Sie haben mir ganz offen ge­sagt: Du bist ein­fach gut. Ich kann die Sprache gut, ich bin fach­lich gut. Wenn das nicht der Fall wäre, dann hättest du hier nichts zu suchen als je­mand mit mus­li­mi­schem Hinter­grund».

Anti­mus­li­mischer Rassis­mus im Gesund­heits­wesen

Im Gesundheits­wesen empfinden viele Be­trof­fene Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen als beson­ders schwer­wiegend. Als Patient:in, egal ob bei einer Ärztin oder im Kranken­haus, be­findet man sich in einer Situa­tion, in der man ver­letz­licher ist als in anderen Lebens­situa­tionen. Denn man ist ab­hängig von der Ein­schätzung und den Emp­feh­lun­gen der Ärzt:innen. Und es steht etwas Zen­tra­les auf dem Spiel: die eigene Gesund­heit. Das kann Dis­kri­mi­nie­rungs­erfah­rungen ver­stärken.

Ärzt:innen und Psycho­log:innen schreiben mus­li­mi­schen Frauen oft Jung­fräu­lich­keit oder patri­ar­chale Familien­ver­hältnisse zu. Äussern Mus­li­min­nen zum Bei­spiel gynä­ko­logische Be­schwer­den, führen medi­zi­nische Fach­personen diese mit­unter auf eine «islamische» Zu­ge­hörig­keit zurück. Zum Bei­spiel, wenn Vagi­nis­mus, also die Ver­span­nung und Ver­krampfung des Becken­bodens und der Vaginal­musku­latur, mit ver­meint­lich konser­vativen Vor­stellungen über Sexua­lität in Ver­bindung ge­bracht.

Dies kann dazu führen, dass Ärzt:innen Be­schwer­den nicht ernst nehmen, nicht nach medi­zi­nischen Ur­sachen suchen und die be­troffenen Frauen da­durch nicht die not­wendige medi­zi­nische Be­hand­lung er­halten.

Auch im Hin­blick auf das Schmerz­empfinden gibt es im Schweizer Gesund­heits­wesen Zu­schrei­bun­gen. Diese ähneln den Er­fah­rungen von Schwarzen Per­so­nen in den USA. Studien zeigen, dass Ärzt:innen ihnen häufig ein tieferes Schmerz­empfinden unter­stellen und deren Schmer­zen in der Folge oft zu wenig be­handelt werden.

Uns erzählte eine Be­trof­fene: «Beim Zu­gang zur Gesund­heits­ver­sor­gung muss man manch­mal ein bisschen kämpfen. Weil es ty­pi­scher­weise Vor­urteile gibt, dass mus­li­mi­sche Frauen sich mehr über Schmer­zen und solche Dinge be­schweren. Vor ein­ein­halb Jahren hatte ich eine Blind­darm­ent­zündung. Und ich musste um Morphium kämpfen und plötz­lich werde ich zum CT ge­schickt und da sehen sie, dass es über­haupt nicht in Ord­nung ist, und dann sind sie es, die mir alle zwei Minuten Morphium geben».

Strukturen reflek­tieren, Wissen er­weitern und geschützte Räume schaffen

Rassis­tische Dis­kri­mi­nie­rungen im Zusammen­hang mit Schule, Arbeit und Gesund­heits­wesen, aber auch Be­hörden und Polizei sind keine Einzel­fälle. Sie zeigen, dass anti­mus­li­mi­scher Rassis­mus syste­ma­tisch in zen­tra­len Lebens­bereichen vor­kommt.

Bildungs­einrichtungen, Arbeit­gebende, das Gesund­heits­system und öffent­liche Insti­tu­tio­nen tragen des­halb eine besondere Ver­ant­wortung, ihre eigenen Struk­turen hin­sicht­lich anti­mus­li­mi­schen Rassis­mus zu reflekt­ieren. Gerade an diesen Orten wäre es wichtig, dass An­ge­hörige dieser Insti­tu­tio­nen ihr Wissen über Rassis­mus er­weitern und das Bewusst­sein für eigene Ver­strickun­gen in inter­sektio­nale, struktu­relle Dis­kri­mi­nie­rungen schär­fen.

Dazu sollten private wie auch öffent­liche Insti­tu­tio­nen rassis­mus­kri­tische Bildungs­angebote aus­bauen und fest in ihren All­tag inte­grie­ren. Dazu braucht es neben präven­tiven Mass­nahmen auch Strate­gien zur Identi­fi­zierung und Inter­vention. Für Be­trof­fene ist es ent­scheidend, dass sie sich sicher fühlen, ihre Er­fah­run­gen, Un­sicher­heiten und Be­dürf­nisse frei äussern zu können. Besonders für Jugend­liche sind «geschützte Räume» wichtig: Orte, an denen sie sich an­gesichts der zu­neh­men­den Pola­ri­sie­rung der öffent­lichen De­bat­ten arti­ku­lieren und ent­fal­ten können.

Studie

Die vollständige Studie finden Sie hier: Trucco, Noemi, Dehbi, Asmaa, Dziri, Amir und Hansjörg Schmid (2025). Antimuslimischer Rassismus in der Schweiz: Grundlagenstudie. SZIG/CSIS-Studies 13. Freiburg: Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft.

Bio

Asmaa Dehbi studierte Erziehungs­wissen­schaften und Islam und Gesell­schaft an den Universitäten Zürich und Fribourg. Sie ist Doktorandin und wissen­schaftliche Assistentin am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesell­schaft (SZIG) der Universität Fribourg mit den Arbeits­schwer­punkten Soziale Arbeit in der Migrations­gesellschaft, sozial­pädagogische Professionalität und anti­muslimischer Rassismus.

Noemi Trucco studierte Soziologie und Middle Eastern Studies an den Universitäten Bern und Fribourg. Sie promovierte im Fach Soziologie zur Subjektivierung von Imamen und ist assoziierte Forschende am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesell­schaft (SZIG) der Universität Fribourg. Ihre Schwer­punkte liegen in der Wissens­soziologie, Diskurs­analyse und Subjektivierungs­forschung. Sie beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Muslim:innen und Islam in Europa, Prozessen des Othering und der Exklusion, Staaten­losigkeit, sozialen Konflikten und sozialer Ungleich­heit.

Weiterführende Literatur

  • Bundesamt für Statistik (2020). Religiöse und spirituelle Praktiken und Glaubensformen in der Schweiz. Erste Ergebnisse der Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur 2019. Neuchâtel: BFS.
  • Ettinger, Patrik (2018). Qualität der Berichterstattung über Muslime in der Schweiz. Bern: Eidgenössische Kommission gegen Rassismus EKR.
  • Gasser, Nathalie (2020). Islam, Gender, Intersektionalität. Bildungswege junger Frauen in der Schweiz. Bielefeld: transcript.
  • humanrights.ch und EKR (2024). Rassismusvorfälle aus der Beratungsarbeit 2023. Bericht zu rassistischer Diskriminierung in der Schweiz auf der Grundlage des Dokumentations-Systems Rassismus DoSyRa. Bern: humanrights.ch und EKR. https://www.network-racism.ch/rassismusberichte/rassismusvorfalle-in-der-beratungpraxis-2023