Early Career Award 2026
Bereits zum dreissigsten Mal verleiht die SAGW einen Preis an Forschende in frühen Karrierephasen. Wir gratulieren Melissa Jauch, Will Davis und Laure Piguet herzlich zum Early Career Award 2026.
07. Juni 2026

Erster Preis
Zur Bereitschaft, mit Andersdenkenden zu sprechen
Warum sind Menschen bereit, sich mit politisch anders Gesinnten auszutauschen? Welche Faktoren beeinflussen die Diskussionsbereitschaft? Im Interesse des gesellschaftlichen Dialogs über politische Gräben hinweg untersuchte Melissa Jauch diese Fragen. Sie sagt: «Offenheit ist nicht nur wichtig, um Personen aus anderen politischen Lagern besser zu verstehen. Sie befähigt uns auch dazu, die eigenen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen.»
Gemeinsam mit anderen Forschenden entwickelte Melissa Jauch das Messinstrument WEDO («Willingness to engage with differently minded others»), das erfasst, wie gross die Bereitschaft zum Gespräch mit Andersdenkenden ist. Eine zentrale Erkenntnis: Nicht die Kontroversität eines Themas hält Menschen in erster Linie von einem Gespräch ab, sondern persönliche Merkmale – etwa das Vertrauen ins eigene Bauchgefühl.
Die Jury würdigte die hochwertige Forschung zu diesem aktuellen Thema. Sie betonte zudem die vorbildliche Transparenz und den freien Zugang zu sämtlichen Daten, Code und Materialien sowie die Bereitstellung des Messinstruments über eine App.
Melissa Jauch ist Postdoktorandin an der Abteilung für Sozialpsychologie der Universität Basel. Sie promovierte 2023 mit der Dissertation And yet it Hurts: Undiminished Social Pain and the Harm of Long-Term Social Exclusion.
Zweiter Preis
Die Villa Patumbah als koloniale Plantage
Welche kolonialen Spuren birgt die prachtvolle Villa Patumbah an der Zollikerstrasse in Zürich, in der heute der Schweizer Heimatschutz seinen Sitz hat? Wie lassen sich die Villa und ihre erhaltenen Materialien architekturhistorisch lesen? Will Davis zeigt, wie die Villa Patumbah als Plantage verstanden werden kann – als Ort der Begegnung mit der Kolonialgeschichte der Schweiz – räumlich weit entfernt von der in der damaligen Plantage Patumbak ausgeübten Gewalt.
Der Bauherr Karl Fürchtegott Grob liess die Anlage im 19. Jahrhundert mit den Gewinnen aus einer Tabakplantage in Sumatra errichten. Davis strukturiert den Text um das Motiv des Rauchs: Er verweist auf den Tabakkonsum in Europa, auf die mit der Exportwirtschaft verbundene Opiumsucht vieler Plantagenarbeiter und -arbeiterinnen sowie auf Brandstiftung als Ausdruck des antikolonialen Widerstands. Die Recherchen und Kooperationen des Autors mit Forschenden aus dem pazifischen Raum führten zudem zur Entzifferung und Kontextualisierung eines Briefs in Aksara-Schrift aus dem Archiv des Völkerkundemuseums der Universität Zürich.
Die Jury lobte die überzeugende Verknüpfung von Villa und Plantage: Der Text bringt Materialien und Machtverhältnisse «auf sensationelle Weise» in Zusammenhang und bettet sie ein in die aktuelle Forschung.
Will Davis leitet derzeit das SNF-Ambizione-Projekt «Voyaging Vapors: Plant Histories of Plantation Architectures», das am Institute for History and Theory of Art and Architecture (ISA) der Università della Svizzera italiana angesiedelt ist. 2021 promovierte er mit der Dissertation Palm Politics: Warfare, Folklore, and Architecture.
Dritter Preis
Pariser Arbeiter·innen als Pionier·innen der Sozialforschung
Wer erhebt Statistiken und wozu? Und führt Distanz zum Untersuchungsgegenstand zu objektiverer Forschung? Laure Piguet zeigt in ihrem Artikel, wie Pariser Tischler-, Schuh- und Hutmacher·innen im 19. Jahrhundert Umfragen durchführten und Statistiken erstellten, um ihre Forderungen nach besseren Lebensbedingungen zu untermauern. Die Zeitungen La ruche populaire und L’atelier veröffentlichten die Untersuchungen, die dem damaligen Fortschrittsnarrativ widersprachen, zwischen 1840 und 1848.
Das Quellenmaterial macht sichtbar, wie diese marginalisierten Akteurinnen und Akteure der Wissensproduktion an der Entstehung der Sozialwissenschaften mitwirkten und teils innovative Methoden entwickelten. Piguet zeigt zudem, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter bereits einige Jahre vor Karl Marx eine Art Standpunkttheorie formulierten: Als Betroffene können sie ihr eigenes Unglück und dessen Ursachen besser verstehen als externe Beobachter.
Die Jury betonte die hervorragenden Recherchen und den aussagekräftigen Beitrag zu einer interdisziplinär anschlussfähigen Fragestellung. Besonders würdigte sie, dass mit dieser Arbeit neues Archivmaterial erschlossen wurde.
Laure Piguet ist Postdoktorandin für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg (Schweiz) und assoziiert mit dem Centre Marc Bloch in Berlin. 2024 promovierte sie mit der Dissertation Statistiques et émancipation sociale. Rôle et usage des chiffres dans la formation des mouvements ouvriers (France, Grande-Bretagne, 1770–1840).
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