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Zwischen Flucht und Pflicht: Jemenitische JournalistInnen im Exil

Der Krieg im Jemen hat Hunderte JournalistInnen ins Exil gezwungen. Dennoch setzen sie ihre Arbeit fort – sei es in Riad, Kairo, Istanbul oder Amsterdam. Wie der jemenitische Journalismus aus der Distanz eine Stimme bewahrt.

Von Saddam Hamed Abu Asim

Am 2. Juli 2015 war ich gezwungen, meine geliebte Heimatstadt Sanaa zu verlassen. Davor hatte ich in der Medienabteilung des Präsidialamts gearbeitet, schrieb als freier Journalist für ausländische Publikationen und veröffentlichte Beiträge in den sozialen Medien. Doch nachdem die Huthi-Milizen im September 2014 Sanaa überrannten, wurde die Lage für JournalistInnen zunehmend schwierig: Ich erhielt wiederholt anonyme Drohungen, die mit der Zeit ernster wurden. Anfang 2015 wurde mein Gehalt gestrichen. Es kursierten Listen mit Namen von JournalistInnen, die sich kritisch über die Huthis äusserten. Deren Sicherheitsbehörden begannen, mich zu verfolgen: Sie kamen in meinen Stadtviertel, um nach mir zu fragen, unbekannte Anrufer luden mich zu Treffen ein.

Dann, im Juni 2015, wurden mehrere meiner BerufskollegInnen verhaftet. Einige von ihnen würden erst Jahre später wieder freikommen, andere sind bis heute verschwunden. Ab jenem Moment fühlte ich mich ernsthaft bedroht. Ich ging nicht mehr nach Hause, sondern zog von Wohnung zu Wohnung, von einem Freund zum nächsten – bis ich mich schliesslich gezwungen sah, Sanaa zu verlassen.

Nach einer langwierigen und anstrengenden Flucht, die von Sanaa über Maarib und Hadramout im Osten des Jemens führte, gelangte ich über den einzigen damals noch offenen Grenzübergang nach Saudi-Arabien. Dort blieb ich fast fünf Monate. Doch meine Aufenthaltserlaubnis war befristet, die Arbeit als Journalist eingeschränkt. Als ich an eine Konferenz nach Genf eingeladen wurde, entschied ich mich, in der Schweiz zu bleiben. Hier begann ein neues Leben – mit einer fremden Sprache, einer neuen Kultur und Herausforderungen, die bis heute anhalten.

Meine Geschichte ist kein Einzelfall. Schätzungen zufolge sind seit 2014 etwa eintausend jemenitische Medienschaffende zur Flucht gezwungen worden. Obwohl es keine genauen Daten über ihre Aufenthaltsorte gibt, ist klar, dass die meisten von ihnen heute im Exil leben – in Saudi-Arabien, die Türkei, Ägypten, Jordanien sowie in verschiedenen europäischen Staaten. Einige von ihnen setzen ihre Arbeit über klassische oder digitale Medien fort, während andere ihren Beruf – aufgrund politischer Repression oder aus wirtschaftlicher Not – aufgeben mussten.

Was ich hier schildere, ist ein persönliches Zeugnis einer Exilerfahrung, die ich mit vielen KollegInnen teile – darunter der Journalist Saqr Al-Sunaydi in den Niederlanden, Abdulsalam Al-Shuraihi in Ägypten und Bushra Al-Amiri in Saudi-Arabien - und gleichzeitig eine akademische Analyse. Trotz unserer unterschiedlichen Lebensumstände eint uns der Wille, mit dem Geschehen im Jemen verbunden zu bleiben. Wir alle versuchen, unsere Arbeit – so gut es geht – fortzusetzen. Wir alle hoffen, irgendwann zurückkehren zu können.

Bis zum Krieg gab es im Jemen zwölf Fernsehsender, über 85 Zeitungen und zahlreiche Onlineportale

Der Krieg im Jemen begann offiziell im März 2015, als ein von Saudi-Arabien geführtes Militärbündnis die Huthi-Milizen angriff, die im Jahr zuvor die Kontrolle über die Hauptstadt Sanaa übernommen hatten. Doch die Wurzeln des Konflikts reichen weit in die Herrschaftszeit des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh zurück, der das Land zwischen 1990 und 2011 regierte. Sein Machtapparat bestand aus einem Netzwerk militärischer, religiöser und tribaler Eliten. Die Politikwissenschaftlerin Elham Manea bezeichnete dieses System als «cunning state», als «listigen Staat», der die Spaltungen innerhalb der Gesellschaft ausnutzte, um seine Macht zu sichern.

Die autoritären Strukturen prägten auch die Medienlandschaft. Zwar garantierte ein Gesetz von 1990 formal Pressefreiheit. Faktisch aber unterlagen die Medien der Zensur durch das Informationsministerium. Einmischung in die Berichterstattung, Lizenzentzug und politischer Druck waren gängige Praxis. Der Versuch, 2008 ein neues Mediengesetz einzuführen, das private audiovisuelle Medien erlauben sollte, versandete. Dennoch entstanden in jener Zeit erstmals vom Regime unabhängige Fernsehsender: «Al-Saeeda» und «Suhail», letzterer stand der Islah-Partei, einem Ableger der Muslimbruderschaft, nahe. Beide sendeten aus dem Ausland, da kritischer Journalismus im Land selbst kaum möglich war.

Nach der Revolution 2011 kam es kurzzeitig zu einer medialen Öffnung: Neue Plattformen wurden lanciert, kritische Stimmen fanden Gehör. Bis 2014 existierten zwölf Fernsehsender, über 85 Zeitungen und zahlreiche Onlineportale. Wirklich unabhängig aber waren die wenigsten von ihnen, die Mehrheit wurde von politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Akteuren finanziert. Sie entwickelten sich zu Sprachrohren der Konfliktparteien und trugen damit weiter zur Spaltung der Gesellschaft bei.

Salehs Rücktritt 2011 führte nicht zum Zusammenbruch seines Machtapparats. Die alten Netzwerke blieben bestehen, während die Opposition es nicht schaffte, eine stabile Übergangsregierung zu bilden. Die Nationale Dialogkonferenz scheiterte – und in diesem Vakuum gewannen die Huthi-Milizen an Einfluss. Mit Unterstützung ehemaliger Regimekräfte übernahm sie im September 2014 die Kontrolle über Sanaa.

Es war ein Wendepunkt. Am 25. März 2015 intervenierte ein Militärbündnis unter Saudi-Arabiens Führung auf Ersuchen des damaligen Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi. In der Folge versank der Jemen in einem komplexen Krieg. Das Land wurde in Einflusszonen rivalisierender Gruppen aufgeteilt, die jeweils eigene politische und mediale Agenden verfolgten.

Die Medien zählten dabei zu den grössten Verlierern: Zwischen 2015 und April 2024 dokumentierten die Jemenitische Journalistengewerkschaft und die Internationale Journalisten-Föderation (IFJ) über 2000 Übergriffe auf Medienschaffende: Verhaftungen, Folter, gezielte Tötungen, die Schliessung von 165 Webseiten - viele davon waren nach 2014 geschaffen worden, operierten aber ohne offizielle Genehmigung - und 38 Fälle, in denen journalistische Ausrüstung konfisziert wurde. Hauptverantwortlich für diese Übergriffe waren die Huthi mit 1178 Fällen, gefolgt von der international anerkannten Regierung (376) und dem Südübergangsrat (113).

Der «connected» Migrant

Die Vereinten Nationen schätzen, dass seit Ausbruch des Krieges rund fünf Millionen Menschen innerhalb des Jemen vertrieben worden sind. Fast ebenso viele leben heute im Ausland: Manche migrierten bereits vor dem Krieg aus wirtschaftlichen Gründen, andere aufgrund der Gewalt nach 2015. Offiziell bei der UNO registriert sind jedoch nur etwa 70'000 Flüchtlinge – ein Hinweis auf die prekäre Rechtslage vieler und den Mangel an verlässlichen Daten zur jemenitischen Diaspora.

Bekannt ist, dass sich die meisten JemenitInnen heute in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten aufhalten, gefolgt von Ägypten, der Türkei und Jordanien. Auch in Europa und Nordamerika wächst die jemenitische Diaspora. Dass so viele JemenitInnen heute ausserhalb ihres Landes leben, widerspiegelt sich zunehmend auch in der Medienlandschaft:

Laut einem Bericht des Economic Media Centers von 2018, verliessen etwa 700 jemenitische JournalistInnen infolge des Konflikts ihren Wohn- und Arbeitsort – rund 490 davon flohen ins Ausland, der Rest in sicherere Gebiete innerhalb des Landes. Inzwischen wird die Zahl der JournalistInnen im Exil auf über 1000 geschätzt – ein Hinweis darauf, wie sehr die Medienbranche von den Folgen des Kriegs getroffen wurde.

Nachdem die Huthi die staatlichen Medien unter ihre Kontrolle gebracht hatten, reaktivierte die international anerkannte Regierung ihren Medienapparat von Riad aus. Auch private jemenitische Fernsehsender verlegten ihren Sitz ins Ausland – unter anderem nach Saudi-Arabien, in die Türkei, nach Ägypten, in die Emirate und nach Jordanien –, während in einigen dieser Länder neue Kanäle entstanden. Ihre redaktionellen Linien spiegeln meist die politischen Positionen ihrer Geldgeber oder der jeweiligen Gastländer wider.

Parallel dazu entwickelte sich im Exil eine vielfältige digitale Medienlandschaft: Es entstanden Nachrichtenportale, Podcasts, kleine Recherchezentren. Auch in den sozialen Medien blieben viele jemenitische JournalistInnen aktiv. Viele von ihnen arbeiten unabhängig. Und auch unter jenen, die heute notgedrungen in anderen Berufen tätig sind, bleiben viele eng mit den Geschehnissen im Jemen verbunden.

MigrantInnen nehmen trotz geografischer Trennung durch digitale Netzwerke aktiv an den gesellschaftlichen Entwicklungen ihres Herkunftslandes teil – ein Phänomen, das die Soziologin Dana Diminescu mit dem Konzept des «Connected Migrant» beschrieben hat.

Die folgenden drei jemenitischen JournalistInnen sind typische Beispiele dafür: Sie setzen ihre Arbeit über digitale Plattformen und alternative Medien fort und gestalten damit einen grenzüberschreitenden öffentlichen Raum für jemenitische Themen – fernab staatlicher Zensur. Trotz anhaltender Herausforderungen – wie eingeschränkter Zugang zu Informationen, begrenzte Reichweite und rechtliche Hürden – bleiben die Medienschaffenden im Exil so mit ihrem Heimatland verbunden und bemühen sich, dessen Stimme nach aussen zu tragen.

Saqr al-Sunaydi: In seinen Texten verbindet er seine jemenitische Herkunft mit seiner neuen, europäischen Realität

Der jemenitische Journalist Saqr al-Sunaydi glaubt, dass jeder Journalist in seinem Land Erfahrungen mit Repression gemacht hat. Der 46-Jährige selbst entging Anfang 2015 nur knapp einer Verhaftung. Damals bereitete er einen Bericht für den oppositionellen Sender Belqees vor. Das Mikrofon mit dem Senderlogo erregte Misstrauen. Sicherheitskräfte näherten sich ihm und untersagten ihm, weiter zu filmen. Er floh, bevor eine weitere Einheit eintraf.

Al-Sunaydi hatte nach seinem Journalismusstudium an der Universität Sanaa zunächst für lokale Zeitungen gearbeitet. Später wechselte er zu Fernsehsender Belqees. Als der Sender im Mai 2015 ins Exil in die Türkei umzog, floh auch Al-Sunaydi vor der drohenden Repression der Huthi-Milizen. Seit 2014 ging es für JournalistInnen im Jemen nicht mehr in erster Linie darum, die Wahrheit zu suchen, sagt er, sondern schlicht darum, zu überleben.

In der Türkei arbeitete er weiter als Redaktor und Produzent. Doch er vermisste den direkten Kontakt zu den Menschen. Statt Gespräche vor Ort zu führen, war er nun auf das Telefon und Textnachrichten angewiesen. Die Situation war schwierig: befristete Arbeitserlaubnis, ein tiefes Einkommen und ein Gefühl von Heimatlosigkeit.

In dieser Zeit schrieb er seinen Roman «Die Reise von Rāfat – Alle Versprechen des Weges sind Lügen». Die Geschichte handelt von einem jungen Jemeniten, der vor dem Krieg in seinem Land nach Europa flieht. Obwohl er es nicht explizit so sagt, scheint es, als ob er dabei auch seine eigene Geschichte erzählt.

Mitte 2023 ging al-Sunaydi ins Exil in die Niederlande. Dort sah er sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Während ihn in der Türkei vor allem sein unsicherer Aufenthaltsstatus belastet hatte, war es in den Niederlanden zunächst die Sprachbarriere – und damit die Schwierigkeit, in seinem Berufsfeld Fuss zu fassen.

Obwohl er nach seiner Ankunft in den Niederlanden fast zwei Jahre in einem Flüchtlingslager verbrachte und auf seinen Asylentscheid wartete, blieb al-Sunaydi aktiv. Er nahm an lokalen Veranstaltungen teil und bemühte sich, ein Netzwerk in seiner neuen Umgebung aufzubauen.

Niederländische Medienschaffende interessierten sich für seine Geschichte. Das half ihm, Zugang zur dortigen Medienwelt zu finden. Er lernte Niederländisch und begann, ehrenamtliche als Kolumnist bei «Omroep Almere» zu schreiben, einem Magazin, das MigrantInnen eine Plattform gibt. «Die Leute wollen keine Kopien, sie suchen neue Perspektiven», sagt er. In seinen Texten verbindet al-Sunaydi seine jemenitische Herkunft mit seiner neuen, europäischen Realität. So vergleicht er in einer Kolumne zum Beispiel den Mond im Jemen – ein Symbol für weibliche Schönheit – mit dem oft wolkenverhangenen Himmel in den Niederlanden. Für ihn Ausdruck dafür, wie Natur und Klima unsere Wahrnehmung prägen.

Zwar schätzt er die Freiheit, die das Exil mit sich bringt: Texte, die im Jemen gefährlich wären, kann er in Europa frei veröffentlichen. Doch die Sehnsucht nach dem Heimatland bleibt. «Je mehr Zeit vergeht, desto stärker wird sie», sagt Saqr al-Sunaydi. Er kritisiert auch die jemenitischen Exilmedien, von denen viele nur ein Publikum im Jemen ansprechen würden. Es fehle an Übersetzungen und Dialog mit der Aussenwelt, sagt er. Deshalb nahm er an einem Trainingsprogramm des niederländischen Mediums RFG Media teil, einer Organisation von geflüchteten für geflüchtete JournalistInnen. Ziel war es, Inhalte zu schaffen, die über kulturelle Grenzen hinweg wirken – und dadurch jemenitische Stimmen hör- und sichtbar zu machen.

Bushra Al-Ameri: Einsatz für Menschenrechte, trotz schwieriger Umstände

Die Erfahrungen von Bushra Al-Ameri zeigen ein komplexes Bild des journalistischen Exils, in dem sich berufliche Herausforderungen mit geschlechtsspezifischen Einschränkungen vermischen. Journalistinnen erhalten nur selten die gleichen Chancen wie ihren männlichen Kollegen, wenn es um Fortbildungen, berufliche Reisen oder Führungspositionen in staatlichen Medien geht. Zudem sind sie oft die ersten Opfer, wenn es um Verleumdung oder die Unterstellung von Illoyalität geht.

Seit ihrer Ausreise aus dem Jemen im Jahr 2015 lebt sie in der saudischen Hauptstadt Riad. Ihr Leben dort ist alles andere als einfach. Neben beruflichen Hürden belastet sie ein befristeter Aufenthaltsstatus und ein niedriges, unregelmässiges Einkommen. Viele ihrer KollegInnen müssen in regierungsnahen Medien oder in nicht-medienbezogenen Jobs arbeiten, um ihre Familien zu versorgen.

Al-Ameri beschreibt die Arbeitssituation in Riad als eine Fortsetzung desselben medienpolitischen Systems, das bereits im Jemen vorherrschte: geprägt von Loyalitäten, jedoch ohne rechtlichen oder institutionellen Schutz.

Trotz der schwierigen Umstände arbeitet die 46-Jährige jedoch weiter als Journalistin und setzt sich für Menschenrechte ein. Sie produziert die wöchentliche Sendung «Al-Shahid» im Fernsehsender der international anerkannten jemenitischen Regierung mit Sitz in Riad, die Menschenrechtsverletzungen im Jemen dokumentiert – vor allem in den von den Huthi kontrollierten Gebieten. Zudem leitet sie das Netzwerk «Independent Yemeni Women Journalists Network», ein Netzwerk unabhängiger jemenitischer Journalistinnen, und betreibt dazu noch «Al-Yemen Al-Ittihadi», ein Nachrichtenportal mit Fokus auf gesellschaftlichen und menschenrechtlichen Themen.

Bushra Al-Ameri bemüht sich, die Entwicklungen in ihrer Heimat weiterzuverfolgen. Sie wünscht sich, zurückzukehren und wieder vor Ort zu berichten. Doch die traumatischen Erlebnisse von Rückkehrerinnen, die schikaniert, oft sogar festgenommen und gefoltert wurden, sowie die Sorge um ihrer Kinder halten sie zurück. «Sobald meine Kinder ihr Studium beendet haben und auf eigenen Füssen stehen, kehre ich in den Jemen zurück. Lieber sterbe ich unter meinen Angehörigen, als allein im Ausland.»

Abdulsalam al-Shuraihi: Gedrängt, den Putsch der Huthi als «gerechte Revolution» zu legitimieren

Die Erfahrung des 41-jährigen TV-Moderators Abdulsalam al-Shuraihi unterscheidet sich in mancher Hinsicht von anderen Fällen. Denn als der Krieg 2015 ausbrach, blieb er im Land – er verliess Sanaa erst 2022, als er keinen anderen Weg mehr sah.

Zur Zeit der Machtübernahme der Huthi, arbeitete al-Shuraihi beim unabhängigen Fernsehsender «Al-Saeeda». 2015 schloss die Huthi-Miliz den Sender. Al-Shuraihi blieb zunächst zu Hause. An eine Ausreise dachte er damals nicht – er wusste schlichtweg nicht, wohin er gehen sollte. Vielleicht hoffte er insgeheim, wie so viele andere, dass sich die Lage bald verbessern würde.

Nach ungefähr einem Jahr gründete er eine eigene Produktionsfirma, die Kurzfilme und Werbung machte. Doch die Miliz forderte von ihm immer höhere Abgaben und Steuern, die sein Einkommen bald überstiegen. Als bekannter Fernsehmoderator mit einem breiten Publikum wurde er zudem mehrfach gedrängt, in Huthi-nahen Sendern aufzutreten, um deren Putsch als «gerechte Revolution» zu legitimieren. Das war es, was al-Shuraihi letztlich zur Ausreise bewegte. Er verkaufte sein Haus und seine Firma und liess sich in Kairo nieder. Dort beteiligte er sich am Aufbau des neuen Senders «Al-Jumhuriya» und wechselte später zu «Yemen Today», wo er bis heute als Moderator und Programmleiter tätig ist.

In Kairo wurden die sozialen Medien, insbesondere Facebook, zu seiner wichtigsten Verbindung zum Publikum. Denn die Exilmedien, so al-Shuraihi, stünden oft bestimmten politischen Akteuren oder Parteien nahe – und würden zentrale Botschaften zugunsten politischer Agenden verzerren.

Zwar sagt Al-Shuraihi, dass er in Ägypten – trotz finanzieller und aufenthaltsrechtlicher Herausforderungen – ein gewisses Mass an Freiheit habe: Über seine sozialen Netzwerke konnte er sich eine engagierte Gefolgschaft aufbauen, auch äussert er sich regelmässig zu aktuellen Entwicklungen. Dennoch ist er überzeugt: Die Stimme aus dem Exil verliert oft an Wirkung, weil ihr die Nähe zur Heimat fehlt.

Der jemenitische Journalismus hat eine Stimme

Die Geschichten dieser drei JournalistInnen, die ich getroffen habe, zeigen: Exil bedeutet mehr als ein Ortswechsel. Es ist eine komplexe Erfahrung, die die berufliche und persönliche Identität neu formt. Trotz ihrer unterschiedlichen Lebensumstände – ob in Riad, Kairo oder Amsterdam – verbindet sie die Sorge um die Heimat, den Wunsch, ihrem Beruf treu zu bleiben, und das Bedürfnis, mit einem verloren gegangenen Publikum in Kontakt zu bleiben.

Während soziale Medien zu unserem wichtigsten Mittel geworden sind, um die Verbindung mit dem Publikum aufrecht zu halten, sind die Geschichten, die darüber transportiert werden, vielfältig – und die Bedingungen im Exil von Person zu Person verschieden. Was uns eint, ist der Glaube daran, dass der jemenitische Journalismus eine Stimme hat – auch wenn sie mehrheitlich aus der Ferne erzählt wird.
 

Saddam Hamed Abu Asim ist ein jemenitischer Journalist und Aktivist, der in der Schweiz lebt. Nach seinem Abschluss an der Fakultät für Medien und Journalismus der Universität Sana'a im Jahr 2006 arbeitete er für Dutzende lokale und internationale Zeitungen. Seit seiner Ankunft in der Schweiz im Jahr 2016 setzt er seine Arbeit im Medien- und Menschenrechtsbereich fort und nimmt an Sitzungen des UNO-Menschenrechtsrats teil. Er arbeitete für Schweizer Institutionen, darunter das Schweizerische Rote Kreuz, das Bernische Historische Museum und das Museum für Kommunikation. Derzeit absolviert er sein Studium der Middle Eastern Studies an der Universität Bern und arbeitet an seinem Master zu jemenitischen JournalistInnen im Exil in Europa.
 

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Die jemenitische Journalistin Bushra Al-Ameri lebt und arbeitet in der saudischen Hauptstadt Riad. Unter anderem produziert sie die wöchentliche Sendung «Al-Shahid» im Fernsehen der international anerkannten jemenitischen Regierung mit Sitz in Riad.
Bild: privat

Weiterführende Literatur:

 

 

 

 

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