Wie viele Studierende braucht ein Fach?

Hohe Studierendenzahlen in den Geistes- und Sozialwissenschaften galten einst als Problem. Heute sinkt ihr Anteil im Vergleich zu anderen Fächern. Es ist von einem Bedeutungsverlust die Rede. Was lässt sich an den Zahlen ablesen – und was nicht?

Christian Weibel06. Oktober 2026

Studenten. An der Universität von St. Gallen.
Studierende im Lesesaal der Universität St. Gallen. Veränderte Zahlen in der Schweizer Hochschullandschaft rücken die Geistes- und Sozialwissenschaften neu in den Blick.© Christian Beutler (Keystone)

Die freie Studienwahl, so ein Bildungsverantwortlicher von Economiesuisse, habe in der Schweiz keine Zukunft. Die Zahl der Studierenden in den Geistes- und Sozialwissenschaften war innert fünfzehn Jahren um rund die Hälfte gestiegen. Aus der Bildungspolitik wurde ein Numerus clausus gefordert. Eintrittsprüfungen sollten dafür sorgen, dass die Hochschulen ihre Studierenden aussuchen können, nicht umgekehrt.1

Das war 2013. Andere Zeiten, andere Zahlen, andere Debatten. Heute wird nicht das Wachstum der Geistes- und Sozialwissenschaften diskutiert, sondern ihr sinkender Anteil an den Gesamtstudierendenzahlen. Während damals ein zu hohes Interesse an diesen Fächern und ein daraus befürchtetes Überangebot auf dem Arbeitsmarkt als problematisch erschienen, steht heute ihr relativer Rückgang im Vordergrund. Viele fragen sich, ob die Fächer an Bedeutung verloren haben. In den Medien ist von «Terrainverlust», «Krise», «Niedergang» die Rede.

Krisendiagnosen aufgrund sich ändernder Studierendenzahlen sind älter als die moderne Hochschulstatistik. Bereits Ende des 15. Jahrhunderts sank an der Universität Basel nach einem Richtungsstreit innerhalb der Artisten-Fakultät (aus der später die Philosophische Fakultät hervorging) die Zahl der Studenten, und sie geriet in eine «Existenzkrise».2 Der Basler Rat debattierte sogar über die Aufhebung der Universität.

Studierendenzahlen sind mehr als blosse Kennzahlen: Sie können gesellschaftliche Veränderungen sichtbar machen und spielen bei der Gestaltung der Hochschullandschaft eine Rolle. Doch Zahlen sprechen nicht für sich. Ihre Aussagekraft erhalten sie erst im Verhältnis zu einem Zeitraum, einer Vergleichsgrösse und einer Fragestellung. Sie sind damit ein wichtiger Indikator für die Entwicklung eines Fachs, aber kein unmittelbares Mass für dessen Qualität oder gesellschaftlichen Wert.

Mehr Studierende, kleinerer Anteil

Orientierung bietet ein vom Forschungs- und Beratungsunternehmen Econcept im Auftrag der SAGW erarbeiteter Bericht, der im Juli 2026 erschienen ist. Er zeichnet die Entwicklung der Studierendenzahlen in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern von den 1980er Jahren bis 2024 systematisch nach.3 An den universitären Hochschulen haben sich die Studierendenzahlen in den Geistes- und Sozialwissenschaften in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt: von rund 18 000 auf 38 000. Dieser langfristige, absolute Anstieg ist vor dem Hintergrund eines insgesamt expandierenden Hochschulsystems zu betrachten, bedingt unter anderem durch das Bevölkerungswachstum, mehr gymnasiale Maturitätsausweise, steigende Übertrittsquoten und eine wachsende Zahl von Studierenden mit ausländischem Zulassungsausweis.4

Anders entwickelte sich ihr Anteil an den Gesamtstudierendenzahlen: Er stieg zunächst von 35 auf einen Höchstwert von 41 Prozent im Studienjahr 2004/05 und sank bis 2023/24 auf 28 Prozent. Andere Fachbereichsgruppen legten dagegen seit der Jahrtausendwende zu, etwa die Exakten und Naturwissenschaften von 14 auf 19 Prozent. Kurz: Während Hörsäle und Seminarräume zwar immer voller wurden, nahm der Anteil der Geistes- und Sozialwissenschaften an der gesamten Studierendenschaft ab.

Bei genauerer Betrachtung werden Unterschiede zwischen den Fachbereichen sichtbar. Während der Anteil der Sozialwissenschaften von 10 auf 17 Prozent stieg, verzeichneten die Sprach- und Literaturwissenschaften den stärksten Rückgang: von 12 auf 4 Prozent. Auch auf Fachebene zeigt sich ein uneinheitliches Bild. So ist die Zahl der Studierenden in den Deutschen Sprach- und Literaturwissenschaften in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Viertel zurückgegangen, während jene der Linguistik um mehr als 60 Prozent zunahm. Je nach Betrachtungsebene und Zeitraum lässt sich aus derselben Datengrundlage eine andere Geschichte erzählen.

Eine mögliche Erklärung für einen Teil dieser gegenläufigen Entwicklungen könnte in der Ausdifferenzierung des Studienangebots liegen. Katharina Michaelowa, Dekanin der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich (UZH), verweist etwa darauf, dass Sprachinteressierte heute neben traditionellen Fächern stärker spezialisierte Programme wählen können. An der UZH gehört dazu beispielsweise das Studienprogramm Computerlinguistik und Sprachtechnologie. Die grössere Vielfalt könne zulasten von Fächern wie Germanistik oder Romanistik gehen.5

Wie aber ist eine solche Verschiebung zu bewerten? Ein Anstieg der Studierendenzahlen ist nicht ohne Weiteres ein Erfolg, ein Rückgang allein bildet noch keine Krise. Auch über die Qualität oder die gesellschaftliche Bedeutung eines Fachs sagen steigende oder sinkende Zahlen für sich genommen wenig aus.


Eine Frage des Massstabs

Welche Massstäbe für eine Bewertung herangezogen werden, hängt von der Perspektive ab. Für die Hochschulen hat die Entwicklung zunächst praktische Folgen, etwa für die Personalplanung und angemessene Betreuungsverhältnisse. Da grössere Kursklassen mit schlechteren Leistungen zusammenhängen können, kann ein quantitativer Rückgang mit besseren Lernbedingungen einhergehen. So trugen rückläufige Studierendenzahlen in den geisteswissenschaftlichen Fächern zu vorteilhafteren Betreuungsverhältnissen bei.6

Für Studierende wiederum kommt es darauf an, wie gut Studienfach, Fähigkeiten und Interessen zueinander passen. Bei den Gründen für die Wahl eines geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studiums zeigt sich, über längere Zeit betrachtet, eine bemerkenswerte Kontinuität: Begabung und Fähigkeiten, die Erweiterung des eigenen Horizonts und die Verwirklichung eines Berufswunsches gehören konstant zu den wichtigsten Motiven.7 Zugleich haben gesellschaftliche und arbeitsmarktbezogene Überlegungen an Bedeutung gewonnen. Wie sich diese Motive auf die Entwicklung der Studierendenzahlen auswirken, geht daraus allerdings nicht hervor. Der Bericht weist nur die Gründe derjenigen aus, die sich für ein solches Studium entschieden haben, nicht aber die Motive derjenigen, die sich dagegen entschieden haben, sofern sie ein solches Studium überhaupt in Erwägung gezogen haben. Offen bleibt damit, ob sich bei potenziellen Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften – einer schwer abzugrenzenden und zu befragenden Gruppe – die Interessen oder die Vorstellungen über diese Fächer und ihre beruflichen Möglichkeiten verändert haben.

Bei der Bewertung von Studienfächern werden nicht selten auch ökonomische Kriterien herangezogen. Die Erwerbslosigkeit von Hochschulabsolventinnen und -absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften hat in jüngster Zeit zugenommen. Auch der Anteil derer mit Schwierigkeiten bei der Suche nach einer geeigneten Stelle ist gestiegen.8 Allerdings ist dieser Trend auch in den Technischen Wissenschaften und den Wirtschaftswissenschaften zu beobachten, die in der Regel als arbeitsmarktnäher gelten.

Wo eine Entwicklung als problematisch gilt, wird mitunter auch eine stärkere Steuerung der Studienwahl gefordert. Solche Forderungen werden häufig mit der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt sowie dem Fachkräftemangel in anderen Berufsfeldern begründet. Eine stärkere Ausrichtung am aktuellen Arbeitsmarkt ist jedoch mit Unsicherheiten verbunden. Zwischen Studienbeginn und Berufseinstieg liegen mehrere Jahre, sodass sich der künftige Bedarf nur begrenzt verlässlich prognostizieren lässt. Für die Wahl eines Fachs sind neben erwarteten Arbeitsmarktchancen auch Fähigkeiten, Interessen und Wertvorstellungen relevant. Damit stellt sich nicht nur die Frage, an welchem zukünftigen Bedarf sich eine Steuerung orientieren könnte, sondern auch, nach welchen Kriterien Studienentscheidungen überhaupt beeinflusst werden sollen.

Was zählt?

Ein Beispiel dafür, wie sich die Einschätzung gesellschaftlichen Bedarfs verändern kann, nennt Laurent Goetschel, Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel: «Ob ein Bereich ein Orchideenfach ist, kann sich situativ ändern», hält er fest.9 Noch vor einigen Jahren sei in Basel über die Abschaffung der Osteuropastudien diskutiert worden. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat die Expertise zu Russland und zur Ukraine an Relevanz gewonnen. Gegenwärtige Nachfrage und Studierendenzahlen erlauben daher nur begrenzte Rückschlüsse darauf, ob ein Fach langfristig gebraucht wird und welchen gesellschaftlichen Wert es entfalten kann.

Selbst die Vorhersage künftigen Bedarfs erschliesst nicht den Wert einer bestimmten Fachrichtung. Der ETH-Professor Sebastian Bonhoeffer macht in diesem Zusammenhang auf folgendes Risiko aufmerksam: «Man soll die Bewertung des gesellschaftlichen Nutzens universitärer Ausbildung anhand von Zahlenwerten nicht überbewerten. Was leicht messbar ist, muss nicht wesentlich sein, aber was wesentlich ist, ist häufig schwer messbar.»10

Dies zeigt sich auch in einer aktuellen quantitativen Bestandsaufnahme. Eine im September 2026 im Auftrag der Volkswagenstiftung veröffentlichte Studie zur Lage der Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland beschreibt deren Entwicklung anhand zentraler Indikatoren zu Studierenden, Personal, Forschungsstärke, Finanzierung und Institutionen. Sie bewertet jedoch ausdrücklich weder Innovationsfähigkeit noch gesellschaftliche Wirkung, verweist zugleich aber auf die Beiträge dieser Fächer zum kulturellen Erbe und zur Reflexion technologischen und gesellschaftlichen Wandels.11

Was also wären «zu viele» oder «zu wenige» Studierende? Darauf geben die Statistiken keine Antwort. Sie zeigen eine längerfristige Verschiebung innerhalb eines insgesamt gewachsenen Hochschulsystems, die innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften sehr unterschiedlich verläuft. Ob diese Entwicklung problematisch oder wünschenswert ist und ob daraus politischer Handlungsbedarf folgt, lässt sich aus den Zahlen allein nicht ableiten.

Dafür müsste zunächst geklärt werden, nach welchen Kriterien eine solche Entwicklung beurteilt wird: Geht es um Betreuungsverhältnisse und Studienangebote, um Studienerfolg und Passung oder um den späteren Arbeitsmarkt? Und welches Wissen und welche wissenschaftlichen Kompetenzen soll eine Gesellschaft erhalten und weiterentwickeln? Welche Schlüsse aus den Zahlen folgen, hängt damit vom gewählten Massstab und von der Perspektive ab. Für eine Hochschule, die ihre Lehrkapazitäten plant, können andere Kennzahlen relevant sein als für die Bildungspolitik, den Arbeitsmarkt oder Studieninteressierte.

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick zurück auf die eingangs erwähnte Debatte: 2013 galten hohe Studierendenzahlen in den Geistes- und Sozialwissenschaften manchen als Problem. Heute gibt ihr relativer Rückgang Anlass zu neuen Krisendiagnosen unter anderen Vorzeichen. Studierendenzahlen machen Veränderungen sichtbar, ihre Bewertung hängt jedoch von den angelegten Massstäben ab.

Denn «zu viele» und «zu wenige» sind keine Eigenschaften von Studierendenzahlen. Es sind Urteile über sie.

Literatur

  1. Sali, Rahel: «Sozial- und Geisteswissenschaften droht Numerus clausus», SRF, 2.1.2013.
  2. Kreis, Georg: «Universität Basel», Historisches Lexikon der Schweiz, 2011 (bearbeitet am 28.1.2013).
  3. Econcept: Studienwahl. Zahlen und Trends in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Swiss Academies Reports 21 (5), 2026.
  4. Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung SKBF (2026). Bildungsbericht Schweiz 2026. Aarau, 2026, S. 214.
  5. Michaelowa, Katharina: «Geistes- und Sozialwissenschaften halten kulturelles und geschichtliches Wissen lebendig», NZZ, 10.4.2024.
  6. SKBF, wie Anm. 4, S. 234–235.
  7. Econcept, wie Anm. 3.
  8. Bundesamt für Statistik, «Berufliche Situation von Hochschulabsolventinnen und -absolventen des Abschlussjahrgangs 2024 im Jahr 2025», 27.8.2026.
  9. Rösch, Eva: «Die Geisteswissenschaften stehen für das freie Denken schlechthin», Interview mit Laurent Goetschel, Universität Basel, 23.6.2026.
  10. Zitiert in: Teuwsen, Peer: «Krise der Geisteswissenschaften: Von der Verkümmerung des Geistes», NZZ, 9.3.2024.
  11. Biela, Jan et al.: Aktuelle Lage der Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland. Technopolis Group, 16.9.2026.

Zum Autor

Christian Weibel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der SAGW. Er befasst sich mit bildungspolitischen Themen wie der Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften, Forschungsethik und akademischen Karrierewegen.

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