Für­sorgerische Zwangs­massnahmen

Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) ordnet die Forschungsergebnisse zur Zwangsfürsorge in der Schweiz ein und bietet Orientierung.

Sonja Matter17. Juli 2026

Knaben bei der Feldarbeit
Knaben bei der Feldarbeit in der Armenerziehungsanstalt Dorneren ob Wattenwil, 1954.© Pipaluk Minder

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieb vielen Kindern ein Aufwachsen in ihrer Familie verwehrt. Nach dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch von 1912 sollten die Behörden eine Kindswegnahme bei Vernachlässigung und Gefährdung einleiten. Tatsächlich aber gab vielfach die Armut der Eltern den Ausschlag fur eine Fremdplatzierung. Besonders unverheiratete oder geschiedene Mutter waren betroffen von Kindswegnahmen und Zwangsadoptionen.

Auch Erwachsene konnten auf behördlichen Beschluss bis 1981 administrativ in Zwangsarbeitsanstalten und Gefängnissen «versorgt» werden – als Grund genugte ein Lebensstil ausserhalb der burgerlichen Norm. In Zusammenarbeit mit medizinischem Fachpersonal forcierten Armen- und Vormundschaftsbehörden auch Sterilisationen, besonders bei Frauen. An Kindern und Erwachsenen wurden in psychiatrischen Kliniken Medikamentenversuche unternommen. Jenische Menschen wurden aus rassistischen Motiven besonders intensiv verfolgt.

Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) ordnet die Forschungsergebnisse zur Zwangsfursorge in der Schweiz ein und bietet Orientierung: Das frei zugängliche Online-Lexikon erklärt ausgewählte Schlusselbegriffe wie etwa «Verdingung», «administrative Versorgung» oder «Adoption» und zeigt die historische Entwicklung des Themas auf. Weiterfuhrende Literatur ermöglicht es Nutzerinnen und Nutzern, einzelne Aspekte zu vertiefen.

Schauplätze und Biografien

In der Schweiz gab es uber sechshundert Institutionen, in denen fursorgerische Zwangsmassnahmen vollzogen wurden. Das HLS erzählt die Geschichte von Kinderheimen, Erziehungsanstalten fur Jugendliche und Zwangsarbeitsanstalten fur Erwachsene am Beispiel von Institutionen aus allen Landes und Sprachregionen. Mit der Darstellung eines Kinderheims in Domodossola verweist das HLS zudem auf Verschränkungen mit der Migrationsgeschichte.

Fursorgerische Zwangsmassnahmen stutzten sich vielfach auf eine gesetzliche Grundlage, liessen den Behörden jedoch einen grossen Handlungsspielraum, den diese willkurlich nutzten. Ausgewählte Biografien machen die Folgen der Zwangsmassnahmen fur die Betroffenen deutlich: Sie zeigen Handlungsoptionen und Abwehrstrategien und legen die Traumatisierung offen, unter denen die Menschen ein Leben lang litten.

Porträtiert werden national bekannte Persönlichkeiten, welche die Debatte politisch oder kunstlerisch prägten; daneben ruckt das HLS auch Lebensgeschichten abseits der Öffentlichkeit in den Blick, um die weitreichenden Folgen der fursorgerischen Zwangsmassnahmen sichtbar zu machen.

Multimediale Aufbereitung

Das HLS stellt neben Textmaterial auch audiovisuelle Quellen bereit. Videoausschnitte verdeutlichen, dass das Thema bereits in fruheren Jahrzehnten kontrovers debattiert wurde; Statistiken und Karten veranschaulichen, wie verbreitet die Praktiken waren. Fur die Bildauswahl suchte die HLS-Redaktion das Gespräch mit Betroffenen und bezog deren Feedback in die Konzeption ein.

Alle Beiträge zum Projekt sind auf der HLS-Homepage im Dossier «Fursorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen» abrufbar. Verweise im Text verknupfen die einzelnen Artikel mit dem ubrigen Korpus des Online-Lexikons, und Verlinkungen mit externen Websites erschliessen weitere Recherchemöglichkeiten. Leser und Leserinnen können sich so schrittweise vertieftes Wissen zum Thema aneignen. Das Dossier wird laufend erweitert.

Zur Autorin und zum Historischen Lexikon der Schweiz

Sonja Matter ist Direktorin des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS). Das HLS ist ein frei zugängliches, multimediales Online-Lexikon. Es erscheint in vier Sprachen und ist das Referenzwerk zur Schweizer Geschichte. Es ist ein Institut der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften.

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