Fürsorgerische Zwangsmassnahmen
Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) ordnet die Forschungsergebnisse zur Zwangsfürsorge in der Schweiz ein und bietet Orientierung.

In der Schweiz wurden Zehntausende unschuldig in Anstalten eingewiesen. Tausende Kinder mussten in Heimen oder Pflegefamilien aufwachsen, wo sie Gewalt und Ausgrenzung erlebten. Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) vermittelt die Forschungsergebnisse zu diesem Kapitel Schweizer Geschichte, das dank dem beharrlichen Engagement von Betroffenen, Politikerinnen, Medienschaffenden und Historikern wissenschaftlich aufgearbeitet wurde.
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieb vielen Kindern ein Aufwachsen in ihrer Familie verwehrt. Nach dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch von 1912 sollten die Behörden eine Kindswegnahme bei Vernachlässigung und Gefährdung einleiten. Tatsächlich aber gab vielfach die Armut der Eltern den Ausschlag für eine Fremdplatzierung. Besonders unverheiratete oder geschiedene Mütter waren betroffen von Kindswegnahmen und Zwangsadoptionen.
Auch Erwachsene konnten auf behördlichen Beschluss bis 1981 administrativ in Zwangsarbeitsanstalten und Gefängnissen «versorgt» werden – als Grund genügte ein Lebensstil ausserhalb der bürgerlichen Norm. In Zusammenarbeit mit medizinischem Fachpersonal forcierten Armen- und Vormundschaftsbehörden auch Sterilisationen, besonders bei Frauen. An Kindern und Erwachsenen wurden in psychiatrischen Kliniken Medikamentenversuche unternommen. Jenische Menschen wurden aus rassistischen Motiven besonders intensiv verfolgt.
Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) ordnet die Forschungsergebnisse zur Zwangsfürsorge in der Schweiz ein und bietet Orientierung: Das frei zugängliche Online- Lexikon erklärt ausgewählte Schlüsselbegriffe wie etwa «Verdingung», «administrative Versorgung» oder «Adoption» und zeigt die historische Entwicklung des Themas auf. Weiterführende Literatur ermöglicht es Nutzerinnen und Nutzern, einzelne Aspekte zu vertiefen.
Schauplätze und Biografien
In der Schweiz gab es über 600 Institutionen, in denen fürsorgerische Zwangsmassnahmen vollzogen wurden. Das HLS erzählt die Geschichte von Kinderheimen, Erziehungsanstalten für Jugendliche und Zwangsarbeitsanstalten für Erwachsene am Beispiel von Institutionen aus allen Landes- und Sprachregionen. Mit der Darstellung eines Kinderheims in Domodossola verweist das HLS zudem auf Verschränkungen mit der Migrationsgeschichte.
Fürsorgerische Zwangsmassnahmen stützten sich vielfach auf eine gesetzliche Grundlage, liessen den Behörden jedoch einen grossen Handlungsspielraum, den diese willkürlich nutzten. Ausgewählte Biografien machen die Folgen der Zwangsmassnahmen für die Betroffenen deutlich: Sie zeigen Handlungsoptionen und Abwehrstrategien und legen die Traumatisierung offen, unter denen die Menschen ein Leben lang litten.
Porträtiert werden national bekannte Persönlichkeiten, welche die Debatte politisch oder künstlerisch prägten; daneben rückt das HLS auch Lebensgeschichten abseits der Öffentlichkeit in den Blick, um die weitreichenden Folgen der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen sichtbar zu machen.
Multimediale Aufbereitung
Das HLS stellt neben Textmaterial auch audiovisuelle Quellen bereit. Videoausschnitte verdeutlichen, dass das Thema bereits in früheren Jahrzehnten kontrovers debattiert wurde; Statistiken und Karten veranschaulichen, wie verbreitet die Praktiken waren. Für die Bildauswahl suchte die HLS-Redaktion das Gespräch mit Betroffenen und bezog deren Feedback in die Konzeption ein.
Alle Beiträge zum Projekt sind auf der HLS-Homepage im Dossier «Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen» abrufbar. Verweise im Text verknüpfen die einzelnen Artikel mit dem übrigen Korpus des Online-Lexikons, und Verlinkungen mit externen Websites erschliessen weitere Recherchemöglichkeiten. Leser und Leserinnen können sich so schrittweise vertieftes Wissen zum Thema aneignen. Das Dossier wird laufend erweitert.
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