Das Buch lebt! Die neue Lust am Lesen
Die Digitalisierung hat das Buch nicht verdrängt, im Gegenteil. Gerade für junge Menschen ist Lesen ein Vehikel für grosse Gefühle in der Tiktok-Erlebnisgesellschaft.

Selten waren Bücher angesagter. Lesen und Schreiben liegen so sehr im Trend, dass die Frankfurter Buchmesse 2024 eine neue Hallenebene eingeführt hat: speziell für hippe Genres und jugendliche Trends wie New Adult, Romantasy oder Dark College. Hinter den Begriffen stecken Bücher und Geschichten zu Themen, die jugendliche Leser·innen beschäftigen. Es geht um das Erwachsenwerden und die erwachende Sexualität, romantische Liebesgeschichten gekoppelt mit Fantasy-Elementen und Romane über die Gothic-Seiten des britischen und amerikanischen College-Lebens. Neben den grossen Genre-Verlagen finden in der neuen Halle der Frankfurter Buchmesse nun auch Communities wie der Selfpublisher-Verband, Fakriro und Books on Demand Platz.1
Das alles wurde angereichert mit einem Meet-The-Author-Areal und einer New-Adult-Ebene, einer Bühne für «alles rund ums Schreiben». Und am Wochenende gibt es viel Platz für Treffen zwischen Autor·innen und ihren Fans. Denn bei der Buchmesse 2023 war die Halle 3 vielfach überfüllt, wenn Autorinnen wie Sarah Sprinz, bekannt geworden durch ihre Dunbridge-Academy-Reihe, oder Mona Kasten, die mit Maxton Hall einen Welterfolg geschrieben hat, Exemplare signierten. Oder wenn Verlage wie der auf «romantische, coole und supersexy» Bücher spezialisierte Lyx-Verlag Rekordzahlen des Direktverkaufs auf einer Buchmesse einfuhren. Die Hallen der Bücher sind voller denn je.
Die Jugend liest
Mit der neuen Halle reagiert die Buchbranche verzögert auf einen Erfolg, den sie anderen verdankt. Hinter dem Hype um Bücher, Autor·innen und ihre Leser·innen stehen vor allem junge Menschen zwischen zwölf und 32 Jahren. Sie erprobten und entwickelten nicht zuletzt unter den Quarantänebedingungen der Covid-19-Pandemie neue Ausdrucksformen und Arten der Kulturpartizipation, die der etablierte Literaturbetrieb so nicht vorgesehen hatte. Dort linste man lange mit hochgezogenen Brauen auf das Treiben zumeist junger Frauen, die Gedichte auf Instagram posteten oder sogenannt spicy, also erotisch-pornografische Romane wie Fifty Shades of Grey zu Welterfolgen führten.
Längst treiben die jungen Leute die etablierte Kulturszene vor sich her. Diejenigen, die im Literaturbetrieb, wie wir ihn kannten, bis vor kurzem nur am Rande vorkamen, geben heute den Takt vor. Jetzt machen sie Kultur, und das ändert viel. Inzwischen sitzt selbst ein Denis Scheck, der wohl bekannteste Literaturkritiker Deutschlands, in der Jury für die Tiktok Book Awards – auch wenn ihn manche der jungen Leser·innen als Deutschlehrer empfinden.2 Und die Verlage bringen Titel für Titel in immer aufwändigerer Aufmachung, mit immer edleren bunten Schnittkanten, sogenannten Farbschnitten, heraus.
Es wird mehr gelesen, und es wird anders gelesen. Inwiefern anders, mit welchem Einfluss auf die Kultur unserer Gesellschaft, war und ist das Forschungsthema einer kleinen, sozialwissenschaftlich ausgerichteten und datenorientierten Forschungsgemeinschaft in den deutschsprachigen Ländern. Mit der Digital-Lives-Förderung des Schweizerischen Nationalfonds konnte ich schon 2018 Plattformen, Communities und ihre Bücher näher untersuchen und – entgegen den gängigen kulturkritischen Klagen über den Verfall der Kulturtechnik des Lesens – zeigen, dass Lesen gerade unter den Bedingungen der digitalen Gesellschaft zunimmt und neue Akteur·innen in den Literaturbetrieb einspielt.3
Digital-Social-Reading-Plattformen wie Wattpad haben knapp hundert Millionen Mitglieder auf der ganzen Welt, die sich von Fanfiction (von Fans erdachte Fortsetzungen zu Büchern, Filmen, Computerspielen etc.) bis zum Alpenkrimi über die zumeist selbst geschriebenen Bücher intensiv austauschen – fast ausschliesslich auf Englisch.4 Die Bücher handeln von gängigen Themen des Coming of Age, der Zeit des Erwachsenwerdens, und der Beziehungen zwischen den Geschlechtern und sind selten das, was Deutschlehrer·innen von guter Literatur erwarten. Schon aus Titeln wie The Bad Boy’s Girl wird klar, um welche nicht selten missbräuchlichen Beziehungskonstellationen es geht. Und doch lesen und diskutieren dieselben Leser·innen – die sich nach dem Buch auch die Verfilmung von The Bad Boy’s Girl anschauen – gleichzeitig intensiv Romane von Jane Austen oder Hermann Hesse.
Populäre Lesestoffe und Kanon sind verwoben. Es ist kein Zufall, dass Tiktok 2022 einen eigenen Buchclub eröffnet hat. Debattiert wurde gleich als Erstes über Jane Austens Klassiker Persuasion von 1818. Die Daten der jüngsten EU-Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) zeigen denn auch ganz nüchtern, dass es in Europa vor allem die jungen Menschen sind, die viel lesen. Länder wie die Schweiz, Norwegen oder Luxemburg führen die Lesestatistik an.5 In der Schweiz liest mehr als ein Fünftel der Bevölkerung zehn Bücher und mehr im Jahr. Ihnen gegenüber steht auch in den deutschsprachigen Ländern schon viele Jahrzehnte lang ein Drittel, das so gut wie nicht liest. Die Lust am Lesen hängt nicht unerheblich vom sozioökonomischen Status ab.
Bücher als Fetisch
Kultursoziologisch kann man von einer expansiven Fankultur der «Bookishness» sprechen. Mit Bookishness bezeichnet die amerikanische Buchwissenschaftlerin Jessica Pressmann den sentimentalen Fetischcharakter im Umgang mit Büchern.6 Wer so liest, inszeniert das eigene Lesen und verwandelt es, mit Hilfe der Sozialen Medien, in einen Kult um das Buch. Während lange und wortreich darüber diskutiert wurde, inwieweit die Digitalisierung das Medium Buch ablösen würde, konnten ich und Jessica Pressmann aufzeigen, dass die Digitalisierung das Buch nicht konkurrenziert, im Gegenteil. Gerade die Sozialen Medien bieten den Nährboden für eine Kultivierung des Buchs und damit auch für Stimmen, die im traditionellen Kulturbetrieb bisher nur wenig Aufmerksamkeit erhielten.
Doch ist man sich in der Literaturwissenschaft uneins, wie dieser Hype um Buch und Lesen zu bewerten sei, ob als kulturelle Ermächtigung gerade auch kultureller Randgruppen oder im Gegenteil als Infantilisierung der Kultur. Reden die einen in der Tradition des Soziologen Stuart Hall von der Dehierarchisierung der Kultur, so sprechen die anderen von «Neotoddlern» und «Midcult» – im Anschluss an den Schriftsteller und Philosophen Umberto Eco, gemäss dem kindische Prätentionen des Bedeutsamen die Leere der Kultur nur kaschierten.
Man kann anders ansetzen. In der Tradition der Kultursoziologie seit Georg Simmel wird auf die gesteigerte Bedeutung der kultivierten Lebensstile für die Moderne verwiesen, auf deren Individualisierung und die Ästhetisierung der Lebensbezüge. Vor mehr als dreissig Jahren diagnostizierte in der Tradition Simmels der Soziologe Gerhard Schulze mit seinem Buch Die Erlebnisgesellschaft7, dass etwa seit den 1970er Jahren Länder wie die Schweiz oder Deutschland nicht mehr von einer primären Konkurrenz der Klassen und einer Aussenorientierung auf Statusgewinn bestimmt, sondern auf eine Steigerung des Erlebnisses und eine Innenorientierung der Lebensgestaltung ausgerichtet seien.
Projekte des schönen Lebens bestimmen den Lebensstil für immer mehr Milieus. Kein Zufall, dass eine der auflagenstärksten Zeitschriften im deutschsprachigen Raum die Landlust ist, in der sich die urbanisierte Gesellschaft das eigene Leben schön macht.
Eine Reihe von Studien überprüften Schulzes Diagnose wiederholt und zeigten auf, dass die Erlebnisorientierung auch gegenwärtig unvermindert zunimmt.8 Dazu gehört auch und gerade der Umgang mit Büchern. Bookishness, so lässt sich in einer kultursoziologischen Perspektive konstatieren, ist so gesehen Teil einer nach innen gerichteten Erlebnissteigerung: In Modemagazinen wird mit Rosamund Pike durch Buchhandlungen geschlendert und im gleichen Satz von Dior-Taschen zu Romanen Thomas Hardys gewechselt.9 Buchvorlieben und Gefühlslagen, die man bis vor kurzem noch als illegitime Kultur lieber verschwieg, werden jetzt gefeiert. Es wird in die Kamera geweint. In der frei flottierenden Bookishness-Kultur werden Hierarchien der kulturellen Legitimität ostentativ ignoriert, das eigene Erleben wird hingegen ausgestellt und in Celebrity Bookclubs ebenso wie in privaten Lesezirkeln kultiviert.
Darüber, was Kultur ist und wer sie macht, wird nicht mehr nur an jenen Orten entschieden, die den Kulturbetrieb noch bis vor kurzem dominiert haben. Auch wenn der Literaturbetrieb im Fernsehen und Feuilleton noch kaum verändert so aussieht, wie wir ihn kennen, so unterliegt unsere Kultur gerade einer radikalen Demokratisierung, deren Folgen wir erst im Ansatz erkennen. Deutlich ist aber schon jetzt, dass in diesem Prozess der Demokratisierung von Lebensstilen Bücher und ihre Leser·innen eine prominente Rolle spielen.
Literatur
- Anonymus (2023): Ein Blick in die Welt des Dior Book Tote Club, in: Fashion Paper (17.8.2023), https://www.fashionpaper.ch/fashion/ein-blick-in-die-welt-des-dior-book-tote-club
- Delhey, Jan und Schneickert, Christian (2022): Aufstieg und Fall oder Wandel der Erlebnisgesellschaft. Eine Positionsbestimmung 30 Jahre nach «Die Erlebnisgesellschaft», in: Zeitschrift für Soziologie 5(2), 114–130.
- Eurostat: Younger People and Women in the EU Read More Books (9.8.2024), https://ec.europa.eu/eurostat/en/web/products-eurostat-news/w/ddn-20240809-2
- Frankfurter Buchmesse (2024), https://www.instagram.com/p/C58WM72IM7U
- Lauer, Gerhard (2020): Lesen im digitalen Zeitalter. Darmstadt.
- Pianzola, Federico, Rebora, Simone und Lauer, Gerhard (2020): Wattpad as a resource for literary studies. Quantitative and qualitative examples of the importance of digital social reading and readers’ comments in the margins, in: PLOS ONE, 15(1), 2020. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0226708
- Pressmann, Jessica (2020): Bookishness. Loving Books in the Digital Age. Columbia University Press.
- Schulze, Gerhard (1992): Die Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt a. M.: Campus.
- van Endert, Sabine und Schulte, Christine: Interview mit Denis Scheck und Tobias Henning, in: Börsenblatt (30.10.2023), https://www.boersenblatt.net/news/literaturszene/verglichen-mit-der-fuelle-misslungener-buecher-ist-meine-kritik-zahm-306315
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