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«Da wusste ich, dass Dodis in der Mitte der Gesellschaft angekommen war.»

Fragen: Heinz Nauer
Recht und Politik

Im Edieren diplomatischer Dokumente ist die Schweiz anderen Ländern um Lichtjahre voraus, sagt Sacha Zala. Im Interview erklärt er, weshalb die Forschungsstelle Dodis dennoch immer eine Baustelle bleiben werde.

Dodis legt Wert auf die sofortige Publikation der Dokumente nach Ablauf der Schutzfrist. An der Vernissage des neuen Bandes hast Du mit einer Prise Ironie die Metapher des «Hochleistungssports» verwendet. Warum muss es eigentlich so schnell gehen?

Sacha Zala: Dodis betreibt Grundlagenforschung zur Geschichte der internationalen Beziehungen der Schweiz. Mit der zeitnahen Publikation der Dokumente setzen wir einen neuen internationalen Standard. Die Idee dahinter ist, durch diesen historiografischen Aktualitätsbezug neue Forschungen zur Zeitgeschichte zu inspirieren und zu fördern. Dabei hilft auch die vermehrte Publizität, die wir dank der «neuen» Dokumente jeden 1. Januar erfahren dürfen. In der ersten Tagesschau-Hauptausgabe des Jahres war Dodis die Nachricht Nummer eins – noch vor dem Bundespräsidenten und vor dem Papst. Die schweizerischen diplomatischen Akten sind weltweit die ersten, die für eine breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ich erhoffe mir dadurch auch eine vermehrte internationale Rezeption der Schweizergeschichte.

Im Vorwort zum neuen Band ist Folgendes zu lesen: «Durch die in den letzten Jahren erfolgten kontinuierlichen Verbesserungen an der Datenbank Dodis hat die Forschungsstelle eine führende Rolle im Netzwerk der internationalen Editoren diplomatischer Dokumente erreicht.» Was sind die wichtigsten Verbesserungen an der Datenbank in den letzten Jahren?

Unsere Forschungsgruppe feierte 2022 ihren 50. Geburtstag. Die Datenbank Dodis haben wir bereits 1997 online gestellt – notabene eine Pionierleistung für Forschungsinfrastrukturen im Internetzeitalter. In den letzten Jahren haben wir mit einem enormen Aufwand auch die Forschungsleistungen unserer Vorgängerinnen und Vorgänger nachträglich in die Datenbank integriert. Damit ist nun die Gesamtheit der edierten diplomatischen Dokumente seit 1848 online zugänglich.

Tagtäglich verbessern wir unsere Datensätze und versuchen dadurch, internationale Standards, kontrollierte Vokabularien, Vernetzung, Best Practices im Open Access und in Maschinenlesbarkeit zu fördern.

Wir haben die Qualität und die Granularität der Metadaten kontinuierlich gesteigert, konsequent die Übersetzung auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch vorangetrieben, die Thesauri und die Suchmöglichkeiten nach den neuesten historiografischen Erkenntnissen verfeinert und weiterentwickelt sowie den Dokumentenkorpus entsprechend retrobeschlagwortet. Tagtäglich verbessern wir unsere Datensätze und versuchen dadurch, internationale Standards, kontrollierte Vokabularien, Vernetzung, Best Practices im Open Access und in Maschinenlesbarkeit zu fördern. Offensichtlicher wird diese massive Verbesserung der letzten Jahre in einem neuen Frontend mit verbesserter Benutzerfreundlichkeit, das nebst unserem Kerngeschäft der Edition von Dokumenten auch unsere weitreichenden Informationen, insbesondere zu Personen und Organisationen, besser zugänglich und auffindbar machen wird.

Welches sind die Bereiche, in welchen die Datenbank noch Mängel und Dodis im internationalen Vergleich noch Aufholbedarf hat?

Stillstand bedeutet den Tod für die Forschung, und ich bin von meinem Naturell her mit dem Erreichten (fast) nie zufrieden: Dodis ist quicklebendig und wird schon daher immer eine Baustelle bleiben. Dass Dodis als Institut der SAGW in einen universitären Kontext eingebettet ist, ermöglicht uns eine Dynamik, die vielen ausländischen Projekten, die in einer staatlichen Verwaltung angesiedelt sind, leider entgeht. Mit etwas Bedauern muss ich feststellen, dass die Schweiz mit der Datenbank Dodis anderen Projekten tatsächlich um Lichtjahre voraus ist. Als Generalsekretär des «International Committee of Editors of Diplomatic Documents» bin ich an zwar an der richtigen Stelle, um Standards zu fördern, zu setzen und zu propagieren sowie Kolleginnen und Kollegen im Ausland dazu zu motivieren, vermehrt wie Dodis online, mit offenen Metadaten, maschinenlesbar und im Open Access zu publizieren.

Dass Dodis als Institut der SAGW in einen universitären Kontext eingebettet ist, ermöglicht uns eine Dynamik, die vielen ausländischen Projekten, die in einer staatlichen Verwaltung angesiedelt sind, leider entgeht.

Könnte Dodis seine Infrastruktur nicht auch für ausländische Projekte öffnen?

Mit etwas finanzieller Unterstützung wären wir gerne bereit, dies zu tun. Nebst den üblichen nationalen politischen Hürden besteht dabei aber auch ein grosses Problem darin, dass viele Projekte unterfinanziert sind oder als Teil der Verwaltung den Schritt zur Forschungsinfrastruktur nicht machen können oder wollen. Unsere Schwesteredition der «Foreign Relations of the United States» zum Beispiel, die weltweit am meisten benutzte Edition ihrer Art, publiziert zwar gewisse Inhalte auf dem Internet – doch selbst in Washington staunt man über die Daten und Metadaten der Dokumente, der Personen und ihrer Funktionen in Organisationen, die wir auf Dodis anbieten, über unsere Präsenz in «Academia» und die Vielzahl an universitären Arbeiten und wissenschaftlichen Publikationen, die dank Dodis jährlich entstehen.

Die Presse hat sich in der Rezeption nicht zuletzt auf das Protokoll der berühmten Sitzung vom 18. Mai 1992 konzentriert. Die NZZ bezeichnete den damals getroffenen Entscheid, in Brüssel ein Gesuch um die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Gemeinschaft zu stellen, als «einen der grössten taktischen Fehler» in der Geschichte des Bundesrats. Stimmst Du dieser Interpretation zu?

In erster Linie erachte ich es als einen bemerkenswerten Entschluss des Bundesrats, der ja eigentlich in der Europafrage tief gespalten war. Es ist wohl eine seiner mutigsten Entscheidungen, die wir bisher in den Akten gefunden haben.

Es ist wohl schwierig zu quantifizieren, wie sich der Entscheid auf den Ausgang der EWR-Abstimmung auswirkte. Unserer Forschungsstelle geht es aber nicht darum, solche Fragen abschliessend zu beantworten, sondern anderen Forschenden die quellenkritisch fundierten Grundlagen für die Beantwortung solcher Fragen zu bieten, damit sich die wissenschaftliche Debatte entwickeln kann.

Altbundesrat Blocher hat Bundespräsident Cassis an der Albisgüetli-Tagung 2022 gewarnt, dass man dann in 30 Jahren wissen werde, was im Bundesrat beim Rahmenabkommen mit der EU wirklich besprochen wurde. Spätestens da wusste ich, dass Dodis in der Mitte der Gesellschaft angekommen war.

Dodis richtet sich an ein breites Zielpublikum: interessierte Bürgerinnen, Journalisten, Forscherinnen, Politiker, Verwaltungsmitarbeiterinnen und Diplomatinnen. Was lässt sich zur tatsächlichen Rezeption sagen? Welche Gruppen erreicht Dodis und welche nicht?

In der universitären Forschung ist Dodis naturgemäss stark verankert. Mit unseren Dokumenten verfassen Studierende an allen Schweizer Universitäten jedes Jahr Dutzende spannender Seminar-, Bachelor- und Masterarbeiten, und Doktorierende nutzen sie als Einstieg in die weitere Archivforschung. Mit der Reihe zu den 1990er-Jahren haben wir definitiv auch das Interesse der Medien geweckt: Nach Weihnachten bis Anfang Januar klingelt bei mir das Telefon für Medienanfragen ununterbrochen. Letztes Jahr an der Albisgüetli-Tagung 2022 hat Alt-Bundesrat Blocher Bundespräsident Cassis gewarnt, dass man dann in 30 Jahren wissen werde, was im Bundesrat beim Rahmenabkommen mit der EU wirklich besprochen wurde. Spätestens da wusste ich, dass Dodis in der Mitte der Gesellschaft angekommen war und dass unsere Forschung auch einen wichtigen demokratischen Beitrag darstellt.

Das Interview wurde schriftlich geführt.