Glaube und Kritik – Ein Wider­spruch? Ṣidīqa Vasmāqīs radikale Neu­interpretation des Islam

Ist es möglich, zugleich eine tiefe spirituelle Verbunden­heit mit der eigenen Religion zu leben und die Grund­prinzipien dieser Glaubens­lehre radikal zu hinterfragen? Dieses Spannungs­feld bildet den Kern der Gedanken­welt der iranischen Religions­philosophin Ṣidīqa Vasmāqī. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist für sie Quelle intellektueller Stärke. Als Juristin, Theologin, Dichterin und Reform­denkerin stellt sie die traditionellen Vor­stellungen von Religion auf fundamentale Weise in Frage und zeigt, dass Glaube nicht Still­stand bedeutet, sondern Bewegung – ein stetiges Ringen um Erkennt­nis und Wahr­heit.

Mina-Karima Hatef16 octobre 2025

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Die iranische Religionsphilosophin und Reformdenkerin Ṣidīqa Vasmāqī.© Privat, mit freundlicher Genehmigung von Ṣidīqa Vasmāqī.

«Gott hat kein Gebot erlassen» – mit dieser These aus ihrem 2021 erschienen Buch Der Pfad der Prophetie vollzieht Ṣidīqa Vasmāqī einen radikalen Bruch mit der islamischen Tradition. Sie versteht Religion nicht als göttliche Offen­barung, sondern als Ergebnis der Reflexionen des Propheten, der, beeinflusst von den Bräuchen seiner Zeit, eine kreative Idee zur Lösung sozialer Probleme entwarf. Damit entzieht sie dem traditionellen islamischen Recht seine sakrale Grund­lage und argumentiert, dass als heilig geltende Gesetze mensch­gemachte Konstrukte sind.

Mit dieser Kritik an den Fundamenten der Scharia steht Vasmāqī im iranischen Reform­diskurs keineswegs allein da. Sie ist Teil einer breiten Bewegung religiöser Denker:innen, die seit den 1980er-Jahren den Mut aufbringen, den Islam kritisch zu unter­suchen. Sie stellen Fragen nach dem historischen Kontext der Offen­barung, nach der Rolle der Vernunft oder der Bedeutung der Scharia und tragen damit zu einer lebendigen, pluralen Debatte bei, die weit über den theolo­gischen Rahmen hinaus­reicht.

Und doch ist Vasmāqī eine Ausnahme­stimme. Als Frau in einem Diskurs, der bis heute stark von Männern dominiert wird, bringt die 64-Jährige Erfahrungen und Perspek­tiven ein, die sonst selten Beachtung finden. So kritisiert sie zum Beispiel die Unter­drückung von Frauen durch Praktiken wie die Viel­ehe, das Scheidungs­recht, die Vormund­schaft des Vaters oder Gross­vaters und stellt damit die männlich geprägte Aus­legung des islamischen Rechts grund­sätzlich in Frage.

Zusätzliches Gewicht erhält Vasmāqīs Wirken inner­halb des iranischen Establish­ments durch ihre früheren Tätig­keiten als Professorin und Teheraner Stadt­rätin. Diese Ver­bindung von akademischer Expertise, persönlicher Integrität und kon­sequentem Aktivis­mus verleiht ihrer radikalen Kritik an der islamischen Juris­prudenz (fiqh) besondere Glaub­würdigkeit. Ihre Position ist Aus­druck einer gelebten Über­zeugung, die ihr Denken prägt und sie zu mutigen Schlüssen führt. Sie widersetzte sich etwa offen dem Hidschab-Zwang und kritisierte das iranische Rechts­system sowie die zentrale Rolle der Juristen (fuqahā). In diesem Zusammen­hang weigerte sie sich auch, einer Vor­ladung vor das Revolutions­gericht (dādgāh-i inqilāb) Folge zu leisten, da sie die Institution als illegitim betrachtet. In ihrem Beitrag Nein zur Banalisierung der Unter­drückung auf der iranischen News­plattform Zeitoons vom Mai 2023, rief Vasmāqī zu einem Referendum über die Zukunft der Islamischen Republik auf und bezeichnete dieses als friedlichen Weg, die bestehende Staats­krise zu überwinden.

Auch theologisch setzt sich Vasmāqī über die Grenzen des traditionellen Denkens hinweg. Sie scheut nicht davor zurück, zentrale Annahmen wie die Unveränder­lichkeit des islamischen Rechts oder das klassische Verständnis von Prophetie neu zu deuten. Zwar verfolgen auch andere iranische Reform­denker wie etwa ʿAbdolkarīm Surūš und Moḥammad Mojtahed Šabestarī das Ziel, eine unbefangene Reflexion islamischer Texte auf der Grund­lage zeit­genössischer Erkennt­nisse zu ermöglichen, Vasmāqī unter­scheidet sich jedoch in ihrem methodischen Ansatz. Sie bleibt nicht bei hermeneutischen Fragen der Text­auslegung stehen, sondern rückt die Entstehungs­geschichte des Korans und des islamischen Rechts selbst ins Zentrum ihrer grundlegenden Infrage­stellung.

Eine biographische Spuren­suche

Ṣidīqa Vasmāqī wurde 1961 in Teheran geboren. Ihre intellektuelle Neugier zeigte sich schon früh. In ihrem Buch, Warum ich gegen den Hidschab rebellierte, das dieses Jahr publiziert wurde, erinnert sie sich an die Zeit ihrer Studien­wahl:

«Meine Entscheidung für das Studien­fach Theologie entsprang nicht einer Liebe oder Leiden­schaft für die Religion und Scharia. Es waren viel­mehr meine Fragen und inneren Anliegen, die mich zu dieser Entscheidung drängten. Fragen, auf die andere Studien­richtungen keine Antwort geben konnten. Meine Überzeugungen hatten einen entscheidenden Einfluss auf mein Leben. Ich fragte mich: Kann das beste Studium der Ingenieur­wissenschaften wirklich auf deine Sorgen antworten? Meine Antwort auf diese Frage war klar: nein».

Ihr Werde­gang begann mit einer traditionellen theologischen Ausbildung an der Madrasa-yi Muṭahharī, einer Hoch­schule für islamische Lehre. Später wechselte sie an die theologische Fakultät der Universität Teheran, wo sie ihren Bachelor machte, promovierte im Anschluss daran in islamischem Recht und wurde 1991 Dozentin. Sie gewann Ansehen als Juristin, Theologin und bald auch als Politikerin. Unter Präsident Mohammad Khatami (1999–2003) war sie Mitglied des Teheraner Stadt­rats. Doch nach der umstrittenen Wieder­wahl von Mahmoud Ahmadinejad im Jahr 2009 und der gewaltsamen Nieder­schlagung der Grünen Bewegung schloss sie sich den Protesten an. 2011 verliess sie den Iran, ging ins Exil nach Deutsch­land und Schweden, übernahm Lehr­aufträge an der Universität Göttingen sowie an der Universität Uppsala. Ihre Rück­kehr in den Iran im Jahr 2017 verlief nicht konflikt­frei. Sie wurde bei der Einreise fest­genommen und für kurze Zeit inhaftiert. Dennoch trat sie im Iran fortan als kritische Stimme gegenüber dem politischen System auf.

Spätestens während der Proteste der Bewegung «Frau, Leben, Freiheit» 2022, wurde ihr Bruch mit dem System unüber­sehbar. Dass sie den Hidschab öffentlich ablegte, war dabei mehr als ein politisches Signal: Es war Ausdruck ihrer theologischen Über­zeugung. Ṣidīqa Vasmāqī stellte sich offen gegen das religiöse Establish­ment und nahm dafür erneut eine Gefängnis­strafe in Kauf.

Radikale Revision statt ober­flächlicher Kosmetik: Vasmāqīs Blick auf das islamische Recht

Ṣidīqa Vasmāqīs Ansatz zielt auf eine grund­legende Neuaus­richtung des Rechts­systems ab. Besonders deutlich wird dies in ihrem Werk Neulesung der Scharia (2017), in dem sie argumentiert, dass soziale Gesetze nicht in den Geltungs­bereich der Scharia gehören. Für Vasmāqī ist das islamische Recht (Aḥkām-i sharʿī) keine von Gott offenbarte, abgeschlossene Gesetzes­sammlung, sondern ein historisches Produkt, das erst nach dem Tod des Propheten von muslimischen Rechts­gelehrten formuliert und systematisiert wurde. Diese stützten sich auf unsichere Quellen wie die Hadith-Literatur, und auf Annahmen, die stark von den sozialen Konventionen ihrer Zeit geprägt waren.

Vasmāqīs setzt in ihrer Kritik direkt an den Wurzeln des islamischen Rechts an: Sie hinterfragt sowohl die theoretischen Grund­lagen als auch die Methodik, die von den Juristen zur Ableitung von Normen heran­gezogen wird. Indem sie die vertraute Sprache der Rechts­gelehrten aufgreift, legt sie deren Voraus­setzungen offen und zeigt, dass viele Regeln auf vor­islamischen Praktiken und den Lebens­gewohnheiten der arabischen Gesell­schaft zur Zeit des Propheten beruhen. Ihre Anwendung in der heutigen Zeit sind für sie unverein­bar mit modernen ethischen Vorstellungen und Rechts­verständnissen. So erachtet sie etwa die ḥudūd-Strafen, wie Steinigung bei Ehebruch, Hand­abhacken beim Diebstahl oder die Todes­strafe für Apostasie, als Ausdruck der damaligen Stammes­kultur, nicht aber als ewige Gebote.

Auch das Zeugenschafts­recht (šahāda), nach dem die Aussage zweier Frauen einer Männer­stimme gleich­gestellt ist, sei nicht zeitlos gültig, sondern spiegle lediglich die damalige geringe Beteiligung von Frauen an Finanz­geschäften wider. Ein ähnliches Muster erkennt Vasmāqī beim Erb­recht (mīrā) sowie beim Blut­geld (diyya): Dass Männer dabei bevorzugt wurden, resultierte gemäss Vasmāqī aus der ökonomischen Abhängig­keit der Familien von Männern und ihrer Ver­pflichtung, im Falle eines Tot­schlags das Sühne­geld zu tragen. Auch diese traditionellen Regeln seien heute nicht mehr angemessen, da sich die ökonomischen Strukturen in muslimisch geprägten Gesell­schaften, wie der iranischen, geändert haben – was sich unter anderem daran zeigt, dass Frauen zunehmend finanzielle Verant­wortung übernehmen.

Viele Rechts­gelehrte anerkennen zwar theoretisch, dass die Vernunft (ʿaql) Gut und Böse sowie Nutzen und Schaden unter­scheiden kann. Dennoch passen sie ihre Rechts­meinungen kaum an die veränder­ten Realitäten an. Für Vasmāqī ein Wider­spruch: Wer die Vernunft als Mass­stab anerkennt, muss auch die Veränder­barkeit historisch gewachsener Gesetze akzeptieren. Deshalb wendet sie sich entschieden gegen blinde Nach­ahmung und fordert eine Rechts­findung, die sich auf rationale Prinzipien wie Vernunft und Gemein­wohl stützt.

Während andere Reform­denker:innen Normen wie Regelungen zu Ehe, Scheidung oder Blut­geld lediglich als zeitlich begrenzt deuten, stellt Vasmāqī infrage, ob viele dieser Vorschriften überhaupt zur «Scharia» im eigent­lichen Sinne gehören. Damit verschiebt sie die Debatte grund­legend. Es geht nicht mehr nur um eine historisch flexible Scharia, sondern um die Frage, ob viele ihrer Regeln jemals gött­lichen Ursprungs waren. Vasmāqī kommt zum Schluss, dass das im Fiqh kodifizierte islamische Recht weder «den Islam» noch den Willen Gottes repräsentiert. Seine Grund­lagen und Methoden sind brüchig, weshalb sie in vollem Umfang kritik­anfällig sind und einer Erneuerung bedürfen.

Auch wenn die Ansätze und Kritik­punkte Vasmāghis im Iran von Gelehrten bislang kaum öffent­lich diskutiert wurden, zeigen sie doch Wirkung. Da Vasmāghi mit den vertrauten Methoden und Begriffen der Rechts­gelehrten arbeitet und ist es schwierig, sich ihre Argumentation zu wider­legen. Gleich­zeitig bleiben ihre Über­legungen anschluss­fähig für reform­orientierte Leser:innen, die die Spannung zwischen klassischem Recht und moderner Lebens­wirklichkeit seit Langem thematisieren

Hadith-Literatur – eine unsichere Grund­lage für weit­reichende religiöse Urteile

Besonders deutlich wird Vasmāqīs Kritik in ihrer Analyse der Hadith-Literatur, die sie als unsichere Grund­lage für weit­reichende religiöse Urteile betrachtet. Sie weist darauf hin, dass die Verschriftlichung der Sunna, der Aussagen und Handlungen des Propheten, erst lange nach dessen Tod begann. Die meisten dieser Über­lieferungen wurden mündlich von Generation zu Generation weiter­gegeben.

Dieser Prozess der mündlichen Über­lieferung machte die Berichte anfällig für Fehler. So kam es vor, dass Berichte schlicht vergessen, unbeabsichtigt ausgelassen oder sogar bewusst gefälscht und verzerrt wurden. Wie Vasmāqī betont, handelt es sich bei den meisten Hadithen um Einzel­über­lieferungen (ḫabar wāḥid), um Berichte, die nur von einer oder wenigen Personen überliefert wurden. Deren Richtig­keit ist damit weniger zuverlässig als es bei einer viel­fachen Überlieferung (tawātur) der Fall wäre. Also können solche Hadithe keine verlässliche Gewiss­heit (ʿilm) schaffen, und folglich ist es unhalt­bar, verbind­liche Rechts­normen auf der Grund­lage derart unsicherer Quellen zu formulieren, schon gar nicht in so heiklen Fragen wie dem Straf­recht: Die Todes­strafe durch Steinigung (raǧm), zum Beispiel, wird laut Vasmāqī nicht im Koran erwähnt, sondern fand ihren Eingang in die islamische Rechts­lehre erst durch frag­würdige Hadithe. Eine so schwere Strafe auf derart brüchige Quellen zu stützen, stellt für die Religions­philosophin einen Wider­spruch zu den Prinzipien der Gerechtig­keit und dem eigent­lichen Geist der Religion dar.

Der Koran: Offenbarung im Kontext seiner Zeit

Auch der Koran selbst wird von Vasmāqī mit kritischem Blick analysiert. In Neu­lesung der Scharia (2017) betont sie die ursprüngliche Mündlich­keit des Korans. Der Eindruck eines starren Gesetz­buchs kristallisierte sich erst durch die spätere Verschrift­lichung heraus – ein Prozess, der die Komplexität der mündlichen Über­lieferung nur unvoll­ständig bewahrte. Zur Zeit des Propheten gab es keine voll­ständige schriftliche Fassung des Korans, viel­mehr war er eine lebendige Rede, die Verse wurden unter­schiedlich gezählt und bezogen sich in ihrer Über­lieferung stets auf konkrete Situationen. Viele entstanden im direkten Dialog mit den Zuhörer:innen, griffen ihre Bräuche, kulturellen Praktiken und auch aktuelle Ereignisse auf.

Ein Beispiel dafür ist das Verbot der vor­islamischen Scheidungs­praxis Zihār (Q 58:2–3). Ohne das Wissen um diesen historischen Kontext, so Vasmāqī, lässt sich die Absicht hinter den Versen kaum erfassen. Zihār war auf der vor­islamischen arabischen Halb­insel eine spezifische, einseitig vom Mann ausge­sprochene Scheidungs­form, die oft im Zustand von Zorn oder Streit ausge­sprochen wurde. Die Problematik dieser Praxis bestand in den Folgen für Frauen. Zwar wurde die Frau durch ẓihār für ihren Mann unberühr­bar. Sie galt jedoch nicht als voll­ständig geschieden, sondern geriet in einen Schwebe­zustand, in dem sie weder zu ihrer Familie zurück­kehren noch einen neuen Ehe­mann heiraten konnte. Mit dem Verbot dieser Praxis zielte der Koran darauf ab, einen bestehenden Brauch zu reformieren und ihn gerechter zu machen.

Daraus ergibt sich für Vasmāqī eine klare Konsequenz: Eine kontextlose Anwendung juristischer Verse wider­spricht dem Wesen des Korans. Rechts­auslegungen müssen die jeweilige Lebens­wirklichkeit berück­sichtigen, nicht bloss alte Formeln wiederholen. Viele sogenannte āyāt al-aḥkām («Rechts­verse») sind daher nicht als absolute Vorschriften zu verstehen. Ihr eigent­licher Gehalt liegt im Prinzip der Gerechtig­keit, das sich in verschiedenen Zeiten unter­schiedlich ausprägen kann.

Frauenrechte im Fokus: Kritik an patriarchalen Auslegungen

Vasmāqīs reformistischer Anspruch kommt in ihrem Werk Frau, Rechts­wissenschaft, Islam (2008) ganz besonders zum Tragen. Sie zeigt, dass viele geltende Regelungen in Bezug auf die Stellung der Frau im islamischen Recht, die Vormund­schaft des Vaters, das einseitige Scheidungs­recht des Mannes oder die Regelung des halben Blut­gelds für Frauen, weniger auf göttlicher Offen­barung beruhen, als auf männlich dominierter Inter­pretationen, die auf den patriarchalen Strukturen früh­islamischer Gesell­schaften basieren.

Auch die Kopftuch­pflicht reiht sich in dieses Muster ein. In ihrem 2025 erschienenen Buch Warum ich gegen den Hidschab rebellierte, stellt sie klar, dass das Bedecken der Haare für Frauen «in der traditionellen islamischen Scharia-Struktur auf Grund­lage religiöser Belege nicht obligatorisch ist». Die ein­schlägigen Vor­schriften stützten sich auf subjektive Auslegungen von Rechts­gelehrten – deren Rolle Vasmāqī eben­falls kritisch betrachtet.

Religiöse Autorität – ein menschliches Konstrukt

Vasmāqī analysiert anhand der historischen Entwicklung des Fiqh, wie sich Gelehrte im Lauf der Jahr­hunderte von Auslegern zu legislativen Autoritäten entwickelten. Dieser Wandel verlieh der Religion zunehmend ein juristisches Gesicht, wodurch spirituelle und ethische Dimensionen in den Hinter­grund rückten.

In ihrem Buch Die Substanz des Fiqh und die Reich­weite der Macht der Rechts­gelehrten (2009) schreibt Vasmāġī, dass das iranische Rechts­system in den Bereichen Zivil- und Straf­recht auf der Grund­lage des Scharia-Verständnisses der herrschenden Rechts­gelehrten formuliert wurde. Die Gültig­keit der Gesetze werde dabei an ihrer Über­einstimmung mit der jeweiligen Auffassung von der Scharia gemessen. Vasmāġī kritisiert, dass diese Rechts­kultur als unver­änderlich und göttlich dar­gestellt wird, obwohl sie in Wirklich­keit ein Produkt gesell­schaftlicher und politischer Entwick­lungen ist. In ihrem Buch Neu­lesung der Scharia (2017) hält sie fest:

«Im Koran wird deutlich gemacht, dass das Tragen einer Bedeckung (pušiš) für ältere Frauen nicht verpflichtend ist; dennoch darf keine ältere Frau ohne Hidschab in der Öffentlich­keit erscheinen. [...] Zu solchen Gesetzen treten zudem die Fatwas hinzu, die Muftis und religiöse Autoritäten im Namen des Islam erlassen, obwohl diese in Wirklich­keit lediglich ihre persönlichen Inter­pretationen und Vor­lieben darstellen. [...] Viele Muslime glauben dennoch, dass solche Fatwas eine religiöse Grund­lage hätten, obwohl dies nicht der Fall ist.»

Prophetie als Ausdruck einer inneren Suche nach dem Göttlichen

In ihrem späteren Werk Der Pfad der Prophetie (2021) geht Vasmāqī noch einen Schritt weiter: Sie hinter­fragt die traditionelle Vorstellung von Prophetie und Offen­barung grund­sätzlich. Ihrer Auffassung nach ist Prophetie kein über­natürliches Geschehen, sondern Aus­druck eines geistigen, im Menschen selbst wurzelnden Prozesses, einer inneren Suche nach dem Göttlichen.

Dabei wendet sie eine nicht-religiöse, kritisch-analytische Methode an, die sich auf historische und archäologische Daten stützt. Ihr Ziel ist es nicht, die Existenz Gottes zu leugnen, vielmehr geht es ihr darum, das menschliche Verständnis Gottes als einen evolutionären Prozess darzustellen.

Die Offen­barung erscheint in diesem Verständ­nis als spirituelle Intuition: eine tiefe, existenzielle Erkennt­nis, die aus Reflexion und dem Streben nach Wahr­heit erwächst. Diese Sicht­weise entmythisiert die Prophetie und verortet sie im historischen und kulturellen Kontext. Wider­sprüche in den heiligen Texten oder das fast ausschliess­liche Auftreten männlicher Propheten erscheinen so als Spiegel ihrer Entstehungs­zeit.

Blick nach vorne: den Islam als reflektierte Tradition weiter­denken

Was bleibt, wenn man islamisches Recht, religiöse Offen­barung und Prophetie so historisch liest, wie Ṣidīqa Vasmāqī es vorschlägt? Es ergibt sich daraus vor allem eine Aufgabe: den Islam als reflektierte Tradition weiter­zudenken. Nicht im Wider­spruch zu seinen Quellen, sondern im Dialog mit ihnen. Aber auf eine neue Weise, mit grösserer Klar­heit in der Methode und stärkerem Gespür für ethische Mass­stäbe.

Vasmāqīs Ansatz ist revolutionär, da er die Heilig­keit vieler Fiqh-Regeln in Frage stellt und damit den Raum für Wandel eröffnet. Doch ihre Prinzipien sind erst der not­wendige erste Schritt. Der zweite, und weitaus schwierigere, besteht in der praktischen Umsetzung: in der Schaffung neuer, gerechter und von der Gesell­schaft getragener Gesetze. Dieser Prozess erfordert zähe politische Kämpfe, lang­wierige gesell­schaftliche Aushand­lungen und tief­greifende institutionelle Reformen, wie es ihr eigenes politisches Engage­ment und ihr Aufruf zu einem Referendum über die Islamische Republik zeigen. Ihr Ansatz ist daher eine direkte Antwort auf ihre politischen Erfahrungen im Iran.

Ihre konsequente Historisierung wirft jedoch neue Fragen auf, die zur Weiter­arbeit einladen: Wenn das Fundament selbst als menschlich und fehl­bar verstanden wird, wie lassen sich dann noch verbind­liche ethische Normen aus den Quellen ableiten? Wie kann eine Gemein­schaft auf Basis einer ent­heiligten Tradition zusammen­finden? In diesem Sinne markiert Vasmāqīs Theologie den Beginn eines langen Weges. Ihre Methode wirft grund­legende Fragen auf, deren Beantwortung eine der grössten Aufgaben künftiger islamischer Reform­bewegungen sein dürfte.

Am Ende bleibt das Bild eines Islams, der nicht «light», sondern reflektiert ist – kulturell in den arabischen Bräuchen seiner Entstehungs­zeit verwurzelt, ethisch auf Gerechtig­keit und Barmherzig­keit ausgerichtet und geistig lebendig. Ein Islam, der seine Sprache bewahrt und zugleich seine Methoden erneuert; der seine Quellen ehrt, indem er ihre menschliche und historische Bedingt­heit konsequent ernst nimmt. Er grenzt nicht aus, sondern gibt Orientierung, nicht durch ein starres Gesetzes­werk, sondern durch die Prinzipien von Vernunft, Gerechtig­keit und Würde.

So gesehen ist der Blick nach vorn für die zeit­genössische iranische Religions­philosophin Ṣidīqa Vasmāqī kein Sprung ins Ungewisse. Es ist vielmehr eine Rück­bindung an den Kern der prophetischen Botschaft, die sie als kreative Idee zur Lösung sozialer Probleme ihrer Zeit versteht. Wenn Prophetie, wie sie argumentiert, ein Weg vom Menschen zu Gott ist und nicht umgekehrt, werden die menschliche Vernunft und das ethische Gewissen zu den entschei­denden Werk­zeugen der Gegen­wart. Die Aufgabe besteht dann nicht mehr darin, zeitlose göttliche Gesetze zu entdecken, sondern auf Basis eines ethischen Grund­impulses selbst gerechte Normen für eine moderne Gesell­schaft zu schaffen.

Bio

Mina-Karima Hatef studierte Islam- und Nahost­wissenschaften sowie Sozial­anthropologie an der Universität Bern. Seit 2021 ist sie Doktorandin am Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Fribourg und forscht zum Thema zeit­genössische islamische Reform­diskurse im Iran.

Werke von Ṣadīqa Vasmāqī

  • Vasmāqī, Ṣadīqa. Zan, feqh, eslām [Frau, Rechtswissenschaft, Islam]. Tehrān: Entešārāt-e amadiyya, 1387/2008.
  • Vasmāqī, Ṣadīqa. Vasmāqī, Ṣadīqa. Beżāʿat-e feqh wa gostar-e nofūḏ-e foqahāʾ [Die Substanz des Fiqh und die Reichweite der Macht der Rechtsgelehrten]. Online-Publikation, Tehrān, 1388/2009.
  • Vasmāqī, Ṣadīqa. Bāzḫwānī-ye šarīʿat [Neulesung der Scharia]. Tehrān: Qalam, 1396/2017.
  • Vasmāqī, Ṣadīqa. Dar masīr-e payāmbarī [Der Pfad der Prophetie]. Tehrān, 1400/2021.
  • Vasmāqī, Ṣadīqa. Čerā ʿaleyhe ḥiǧāb šurīdam [Warum ich gegen den Hidschab rebellierte]. Santa Monica (Kalifornien): Bunyād-e Taslīmī, 1404/2025 (Erste Auflage).
  • Vasmāqī, Ṣadīqa. Nah be ibtidāl-e sarkūbgarī [Nein zur Banalisierung der Unterdrückung]. Zeitoons, 25. Mai 2023. URL: https://www.zeitoons.com/111065 (Zugriff am 25.09.2025).

Weiterführende Literatur

  • Akbar, Ali. «Sedigheh Vasmaghi: A New Voice of Iranian Religious Reformism». Iranian Studies 55 (2022): 1045–1064.
  • Poya, Abbas. «Desacralization of Religious Concepts: The Prophecy from the Perspective of the Iranian Reformist Scholar Seddigha Wasmaghi». Religions 14 (2023): 1452. S. 1-12.
  • Šabestarī, Muammad Mutahed. Hermenūṭīk, kitāb va sunnat [Hermeneutik, das Buch und die Tradition]. Tehrān: ar-e No, 2000.
  • Surūš, ʿAbdolkarīm. Qabż wa basṭ-e teʿorīk-e šarīʿat [Die theoretische Kontraktion und Expansion der Scharia]. Tehrān: Sīrā, 1995.
  • Surūš, ʿAbdolkarīm. Reason, Freedom and Democracy in Islam: Essential Writings of Abdolkarim Soroush. Übers. von Mahmud Sadri und Ahmad Sadri. Oxford: Oxford University Press, 2002.