Wie die Prohibition Alkohol­gegner in der Türkei inspirierte

Als die Türkei vor hundert Jahren aus den Trümmern des Osmanischen Reichs entstand, stritten sich reform­orientierte Säkularisten mit Verfechtern von muslimischen Werten. Der Streit entzündete sich damals an der Alkohol­frage – und er tut es noch heute. Alkohol­gegner argumentieren mit der islamischen Tradition. Doch die Idee eines staatlichen Alkohol­verbots ist aus dem Westen in die Türkei gekommen.

Elife Biçer-Deveci04. März 2020

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Ein Werbeplakat aus den 1910er Jahren für die Weinmarke Kouvet Sarabi.© unknown

Als sich im April 1920 in Ankara die erste Grosse National­versammlung der Türkei unter der Führung von Mustafa Kemal (Atatürk) in einem provisorisch eingerichteten Gebäude traf, gab es noch keine partei­politischen Differenzen: Alle Mitglieder der National­versammlung einte der Wunsch nach einer unabhängigen Türkei. Denn die Sieger­mächte im Ersten Welt­krieg, allen voran Frankreich und Gross­britannien, hatten eben Teile des zerfallenen Osmanischen Reiches unter sich aufgeteilt und besetzt, und eine aufstrebende türkische National­bewegung wehrte sich gegen die Besetzung. Doch eine scheinbar neben­sächliche Frage löste an jenem Tag in Ankara eine heftige Debatte aus, welche die junge türkische National­versammlung vor eine Zerreiss­probe stellte: die Alkohol­frage.

Die USA als Vorbild

Ali Şükrü Bey, ein 36-jähriger Politiker aus Trabzon, drängte die Versammlung zu einem Gesetz für das Verbot von Alkohol. Ein solches hatte es im Osmanischen Reich trotz der islamischen Doktrin vom Alkohol­verzicht bislang nicht gegeben. Lediglich der Alkohol­handel war verboten, Nicht­muslime waren von diesem Verbot ausgenommen. Der Alkohol­konsum dagegen war vom osmanischen Staat nie sanktioniert worden. Ali Şükrü und Gleich­gesinnte sahen sich von westlichen Ländern und Russland inspiriert: Wenn die USA, Australien, und «die Bolschewiken» Alkohol verbieten würden, argumentierte Ali Şükrü, so würde dies die National­versammlung, deren Prinzipien für die Gesetz­gebung ohnehin auf dem Islam beruhten, gewiss ebenso tun.1

Er schlug ein Gesetz zum totalen Verbot von Alkohol­handel im gesamten Land vor, und zwar nach US-amerikanischem Vorbild. «Der Grund, warum ich diesen Gesetz­entwurf überreiche, ist die Rettung unserer Generation von dieser entsetzlichen Plage», erklärte Ali Şükrü und meinte damit die Plage des Alkohol­konsums. Mit einem solchen Gesetz werde die Türkei sowohl den Respekt der Europäer und der Amerikaner gewinnen, als auch ihre Stellung in der islamischen Welt stärken.

Die Initiative von Ali Şükrü läutete eine kurze – wenn auch wenig erfolg­reiche – prohibitionistische Ära in der Türkei ein. Das Alkohol­verbots­gesetz wurde mit knapper Mehr­heit angenommen und trat im Februar 1921 in Kraft. Doch mit der Umsetzung haperte es. Die Türkei hatte noch keine voll­ständige Souveränität erreicht; die Republik sollte erst 1923 ausgerufen werden. Die National­versammlung war eben von Istanbul nach Ankara umgezogen. Istanbul, immer noch das Zentrum der Verwaltung und Administration, war von den Triple-­Entente-­Mächten besetzt. Regierungs­mitglieder und Beamte im Polizei­korps konsumierten weiterhin Alkohol und produzierten ihn gar selbst. Nicht einmal der Regierungs­führer Atatürk hielt sich an das Verbot.

Der leiden­schaftlichste Befürworter der Prohibition, Ali Şükrü, wurde derweil 1923 unter ungeklärten Umständen ermordet. Damit verlor die Alkohol­verbots­debatte ihren Vorkämpfer. 1924 wurde das Alkohol­verbot durch eine Regulierung mit Lizenz­vorgaben und Versteuerungen ersetzt. Zwei Jahre später hob die Regierung das Alkohol­gesetz ganz auf und führte ein staatliches Monopol ein.

Die Erfindung des Alkoholproblems

Die Ironie der Geschichte: Während sich konservative und islamistische Kreise in der Türkei mit Forderungen eines Alkohol­verbotes bis heute auf die islamische Tradition berufen, so stammt die Forderung eines staatlichen Alkohol­verbotes aus dem Ideen­katalog der westlichen Moderne. In der osmanischen Gesell­schaft war das Trinken nämlich verbreitet. Davon zeugen die «meyhanes» genannten Trink­lokale, eine vom Byzantinischen Reich vererbte Tradition. Im 19. Jahr­hundert nahm die Zahl der «meyhanes» in Istanbul derart zu, dass muslimische Autoritäten sich daran zu stören begannen. Der Staat unter Sultan Abdulhamid II. erhöhte die Abgaben auf den Alkohol­handel, um einerseits Profit aus der zunehmenden Trink­kultur zu schlagen, und andererseits, um den Protesten religiöser Kreise entgegen­zukommen.

Bis zum frühen 20. Jahrhundert beschäftigte das «Alkohol­problem» die osmanische Öffentlich­keit jedoch kaum, ganz im Gegen­satz zu Europa und den USA, wo der Alkohol in jener Zeit als Grund­übel aller sozialen Probleme hingestellt wurde. Doch mit dem Erstarken der internationalen Anti­alkohol­bewegung begannen auch in der osmanischen Öffentlich­keit Diskussionen um die Schädlich­keit des Alkohols. Das «Alkohol­problem» in der Gesellschaft wurde sozusagen erst kreiert. Vor dem Beginn des Ersten Welt­kriegs tauchten erste Vereine mit alkohol­gegnerischen Aktivitäten auf. 1919 formulierte das Innen­ministerium zum ersten Mal konkrete Regeln darüber, in welchen öffentlichen Räumen das Trinken nicht erlaubt sei und legte Schliess­zeiten von Clubs und «meyhanes» fest. Zugleich brand­markten religiöse Autoritäten das Trinken zunehmend als Provokation durch die christliche Bevölkerung, die in der Zeit des Ersten Welt­krieges unter Verdacht stand, mit den Entente-­Mächten gegen den osmanischen Staat zu kollaborieren.

Dieser religiös-­nationalistischen Argumentation war auch Ali Şükrü gefolgt: Die Christen, die sich mit den Entente-­Mächten verbündet hätten, profitierten vom Alkohol­rausch der muslimischen Männer, vor allem von denjenigen an der Front: «In unserem Land werden 120 Millionen Liter Wein konsumiert, 120 Millionen Liter, die Geld in die Taschen der Griechen und Armenier bringen», empörte sich Şükrü anlässlich der heftigen Proteste seitens der Gegner seines Gesetzes­entwurfs, in dem er sich darüber ereiferte, dass sich der Alkohol­konsum im Land angeblich verdoppelt habe. Millionen von Lira gingen in die Taschen von Christen, klagte er, «die uns offen­sichtlich als Feinde sehen, und dies auf Kosten von vielen Menschen, die entwürdigt werden.»

Alkohol und Identität

Wie die Eugenik die Anti­alkohol­bewegung in Europa geprägt hatte, war sie auch prominent bei den Medizinern und Psychiatern (um diese Zeit ausschliesslich Männer), die in der Türkei dem Alkohol ihren Kampf ansagten. Ihre Argumente für das Alkohol­verbot basierten auf eugenischen Vorstellungen, die zu dieser Zeit in Europa existierten. Der schweizerische Eugeniker Auguste Forel (1848-1931) wurde zur Referenz­figur in ihren Schriften für den Kampf gegen Alkohol. So bezeichnet Mazhar Osman, Psychiater und Mitgründer der alkohol­gegnerischen Organisation Yeşilay (Green Crescent), in seinen Memoiren Auguste Forel als den Meister der alkohol­gegnerischen Propaganda. Er habe viel von «Vater» Forel gelernt und bewundere dessen simple Art, medizinische Details einem Laien­publikum zu erklären.

Die Debatten über das Alkohol­verbots­gesetz in der frühen Türkei waren somit stark von westlichen Ideen geprägt. Sie wieder­spiegeln zugleich die krisen­hafte Übergangs­phase vom Osmanischen Kalifat zur Republik Türkei, in der es um die Frage ging, wie man sich in einer von westlichen Konzepten dominierten Welt­ordnung moderner National­staaten einordnen sollte: Es ging um die Verteidigung der Nation und der auf Anatolien reduzierten Landes­grenzen. Für viele bedeutete dies auch eine Verteidigung des Islam und muslimischer Werte. Parallel dazu formierte sich eine säkularistisch orientierte politische Gruppe um Atatürk, die Reformen nach einem europäischen Modell postulierte und sich schliesslich durchsetzen sollte. Mit dem Alkohol­konsum wollte man die eigene Modernität zur Schau zur stellen, er wurde zu einem Symbol der Abgrenzung von der «veralteten osmanischen» Kultur und einer Identifikation mit der «neuen, progressiv-­revolutionären» Ideologie. Erst die 1990er-­Jahre würden mit dem Aufkommen religiös-­konservativer Strömungen eine Wende einleiten, wobei der heutige türkische Präsident Erdogan eine prägende Rolle spielen sollte.

Nach dem Tod von Ali Şükrü und dem Ende des kurzen Experiments mit der Prohibition, verschwand das Alkohol­thema während Jahr­zehnten aus der türkischen Öffentlich­keit. Nur die para­staatliche Organisation Yeşilay (Green Crescent) befasste sich mit Alkohol als Sucht­thematik. Ihre alkohol­gegnerischen Publikationen bezogen sich auf ein als genuin «türkisch und islamisch» verstandenes Werte­system. Zugleich verwiesen sie auf Publikationen der Welt­gesundheits­organisation (WHO). Yeşilay nutzte die wissenschaftlichen Studien der WHO als Referenz­punkt, um die Universalität islamischer Prinzipien zu beweisen.

Liberalisierung und Aufstieg einer konservativen Mittelschicht

Erst in den 1980er Jahren tat sich erneut jener Graben zwischen Alkohol­befürwortern und -gegnern auf, der die junge türkische National­versammlung gespaltet hatte. Eine neue muslimisch-­konservative Mittel­schicht sorgte für eine steigende Nach­frage nach alkohol­freien Freizeit­räumen. Diese Mittel­schicht verdankt ihren Aufstieg den Wirtschafts­reformen in der Türkei, die 1983 begonnen haben und schritt­weise das existierende staatlich-­dominierte Wirtschafts­modell durch ein liberal-­marktwirtschaftliches System ersetzt hat. Im Zuge der wirtschaftlichen Liberalisierung nahmen zunehmend auch muslimisch-­konservative Geschäfts­leute, die seit der Gründung der Republik Türkei politisch und wirtschaftlich marginalisiert waren, an einer globalisierten Markt­wirtschaft teil. Mit ihrem wirtschaftlichen Aufstieg verbreiteten sich neue Formen von Konsum und Freizeit­vergnügen, die sich an islamischen Enthaltsamkeits­prinzipien orientierten.

Parallel dazu erstarkten die religiös orientierten politischen Parteien. Die 1983 gegründete Wohlfahrts­partei (Refah Partisi) wurde 1996/97 erstmals Regierungs­partei. Zu ihren Mitgliedern zählte unter anderem ein gewisser Recep Tayyip Erdogan. Die Partei bemühte sich um die Einführung einer Alkohol­steuer – bemerkenswerter­weise im Rahmen von Reformen für eine Aufnahme in die Europäische Währungs­union. Die Alkohol­regulierung wurde wieder – wie schon 1920 – von religiös orientierten Politikern eingefordert und wieder mit Referenzen zum Westen, in diesem Fall EU-­Standards. Die Einführung einer Alkohol­steuer scheiterte aber aufgrund mehr­maliger Regierungs­wechsel. Erst 2002 setzte die Regierung die Alkohol­steuer durch. Feder­führend war der damalige Regierungs­chef Erdogan, Präsident der islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), einer Nachfolge­partei der Wohlfahrts­partei. Die Einführung der Alkohol­steuer blieb weiterhin Teil eines Reform­paketes im Rahmen des türkischen EU-­Mitgliedschaftsantrags.

Religiöse Kreise machten inzwischen Ali Şükrü Bey zu einer Ikone im Kampf gegen Alkohol. Politiker forderten eine Unter­suchung des Mordes an Şükrü, hinter dem sie politische Motive witterten. Die Biographie des Alkohol­gegners erhielt neue Aufmerksamkeit. Mehrere Publikationen über sein Leben, seine Alkohol­verbots­initiative und seine Ermordung sind seither erschienen. Zeitungs­artikel kolportierten die These von einem politischen Mord und werteten Şükrüs Kampf gegen den Alkohol als Heldentat. Im 21. Jahrhundert gilt Şükrü in religiös-­konservativen Publikationen als ein nicht mehr wegzudenkender «Märtyrer» im Kampf gegen den «heidnischen» Alkohol­konsum. Es gibt aber auch Gegen­stimmen, die ihn als religiösen Fanatiker bezeichnen.

Erdogan vs. Atatürk

Mit dem Aufstieg der AKP zur Regierungs­partei haben die Einschränkungen zugenommen. AKP-­nahe Stadt­verwaltungen ordneten die Schliessung von Bars und Clubs an, die Alkohol ausschenken. In vielen Küsten­städten wurde der Alkohol­verkauf verboten. Dies löste erste Proteste aus. Man warf der Regierung vor, schritt­weise die Scharia einzuführen. Im Mai 2013 führte die Regierung Erdogan ein neues Gesetz ein, das landesweit den Alkohol­verkauf von 22:00 bis 06:00 verbietet. Die Regierung nahm erneut Bezug auf Europa, wo mehrere Staaten eine Beschränkung des Alkohol­verkaufs eingeführt hatten, sowie auf Standards, welche die WHO vorschlägt. Kurz vor der Einführung des Alkohol­gesetzes fand in Istanbul ein «Global Alcohol Policy Symposium» statt, mitorganisiert vom «Green Crescent» (Yeşilay), gesponsert vom WHO Regional Office for Europe, in Kooperation mit der türkischen Regierung. Erdogan sagte in der Eröffnungsrede des Symposiums, Alkohol­konsum könne nicht als Lebens­stil gerechtfertigt werden. Er erwähnte das Alkohol­gesetz von 1920 und Ali Şükrü und kritisierte dabei auch im weiteren Sinne die damalige radikale Reform­politik Atatürks, welche der Türkei eine Modernisierung «aufgezwungen» habe.

Als das neue Alkohol­gesetz eingeführt wurde, gab es in vielen Landes­teilen Proteste. Sie verschmolzen mit Demonstrationen gegen die Regierung, die sich an einem Bau­vorhaben im Gezi-­Park in Istanbul entzündet hatten. Während der Demonstrationen, die zeitlich mit dem muslimischen Fasten­monat Ramadan zusammen­fielen, tranken Teil­nehmende Alkohol. Für die einen war das selbst­verständlich, für die anderen ein demonstratives Symbol des Protests. Staats­nahe Medien wiederum veröffentlichten Bilder von Protestierenden mit Bier­flaschen in den Händen und stellten diese als Provokation und Verletzung der religiösen Gefühle der fastenden türkischen Nation dar.

Trinken als Protest

Das Alkohol­trinken bleibt in breiteren Kreisen der Türkei ein Symbol einer säkularistischen Welt­anschauung und des Fort­schritts. So protestierte der Journalist Deniz Som im Jahre 2006 gegen das Alkohol­verbot in Üsküdar, einer kleinen Küsten­stadt in der Provinz Istanbul, das die AKP-­nahe Stadt­verwaltung beschlossen hatte. Er war Teil einer Gruppe von etwa 300 Leuten, die mit dem Slogan «Die Türkei ist laizistisch, und bleibt laizistisch» ihren Protest kund­taten. Som erklärte: «Die Scharia kommt Schritt für Schritt. Aber ich, als Staats­bürger, protestiere gegen diejenigen, die mein Land in das dunkle Mittel­alter zurück­führen wollen, und als seit sieben Generationen in Üsküdar verwurzelter [Bürger] möchte ich [ihnen] Trotz bieten. Zusammen mit meiner Ehe­gattin bin ich hier mit einer Wein­flasche und Wein­gläser in der Hand.»

* Eine leicht adaptierte Version wurde auf dem Online-Magazin Geschichte der Gegenwart publiziert.

Quellenangaben

1 Die Debatten in der National­versammlung zum Alkohol­verbots­gesetz sind dokumentiert in: Karahanoğulları, Onur (2008). Birinci Meclisin Içki Yasağı. Men-i Müskirat Kanunu (Alkoholverbot der ersten Nationalversammlung. Das Alkoholverbotsgesetz). Ankara.

Zum Forschungsprojekt

Dieser Beitrag basiert auf Forschungs­ergebnissen aus dem Postdoc-Projekt: Das «Alkoholproblem» in der Türkei von 1900 bis heute, finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Der Inhalt ist teilweise veröffentlicht in: Biçer-Deveci, Elife. Alcohol – «A Battlefield Between Modernism and Islamism in Turkey». In: Biçer-Deveci, Elife, et al. (Hrsg.). Disputes on Alcohol in The Middle East and The Maghreb from 19th Century to Present. Oxford: Palgrave Macmillan St. Antony’s Series, 2020 (Publikation in Vorbereitung).