Geschichte und Namen

Seit ihrer Gründung in den frühen 1990er-­Jahren hat sich die SGMOIK immer wieder mit der Frage beschäftigt, wie sich ihre Forschungs­felder ange­messen beschreiben lassen. Ein Blick auf die Geschichte der Gesell­schaft und die Ent­wicklung ihres Namens.

Die Anfänge

Die SGMOIK wurde Anfang der 1990er-Jahre ge­gründet. Damals wollten junge Wissen­schaftler:innen aus dem «Mittel­bau» der Schweizer Universitäten eine Alter­native zur bestehenden Forschung und Lehre zum Nahen und Mittleren Osten, zu Nordafrika (MENA) sowie zum Islam schaffen. Die neue Gesell­schaft setzte sich ins­besondere für inter­disziplinäre An­sätze aus den Sozial­wissen­schaften, den Area Studies und der Linguistik ein und förderte zu­gleich die Ent­wicklung einer stärker auf die Gegen­wart ausge­richteten Forschung.

Seit ihren An­fängen ver­folgt die SGMOIK das Ziel, die Lehre und Forschung zum MENA-­Raum und zum Islam in der Schweiz zu unter­stützen, den Austausch zwischen Forschenden zu fördern und zur Ver­mittlung ihrer Arbeiten über die akade­mische Welt hinaus beizu­tragen.

Ein Name im Wandel

Bereits bei der Gründung der Gesell­schaft wurde über ihren Namen diskutiert. Dabei kamen Fragen zur Sprache, die bis heute für die Er­forschung der Region von zentraler Bedeutung sind: Wie lässt sich ein geo­grafischer Raum benennen, der von grosser Viel­falt und viel­fältigen Austausch- und Bewegungs­prozessen geprägt ist? Und wie kann «der Islam» zum Gegen­stand der For­schung gemacht werden, ohne ihn auf einen homo­genen Kultur­raum zu reduzieren?

Damals ent­schieden sich die Mitglieder für die Bezeich­­nungen «Schweizerische Gesell­schaft Mittlerer Osten und Islamische Kulturen» auf Deutsch und «Société Suisse Moyen-Orient et Civilisation islamique» auf Französisch.

Mehr als dreissig Jahre später sind diese Fragen weiter­hin aktuell. Nach mehreren Phasen der Diskussion im Vor­stand und einer Befragung der Mit­glieder beschloss die General­­versammlung der SGMOIK 2024, die französische und italienische Fassung des Namens der Gesell­schaft zu ändern. Die Bezeich­nungen «civilisation islamique» und «civiltà islamica» wurden durch «cultures islamiques» beziehungs­weise «culture islamiche» ersetzt.

Warum eine neue Bezeichnung?

Die Wahl dieser neuen Bezeichnung ist Aus­druck einer Auseinander­setzung mit den Kategorien, die ver­wendet werden, um die von der SGMOIK unter­suchten Phänomene zu ver­stehen und zu beschreiben.

Der französische Begriff «civilisation» hat eine besondere Geschichte. Er entwickelte sich ins­besondere im 19. Jahr­hundert in einem von Euro­zentrismus und der Vor­stellung einer Hier­archie zwischen den Zivilisa­tionen geprägten Kontext. Seit den 1990er-­Jahren erhielt er zudem eine starke geo­­politische Bedeutung, insbesondere durch Samuel Huntingtons These vom «Kampf der Kulturen» (Clash of Civilizations). Diese Vor­stellung tendiert dazu, die Welt als eine Ansamm­lung grosser, homo­gener und vonein­ander getrennter, ja sogar gegen­sätzlicher Kultur­einheiten darzu­stellen.

Auf «den Islam» angewandt, kann die franzö­sische Bezeich­nung «civilisation islamique» somit das Bild einer einheit­lichen kulturellen Entität ver­mitteln. Die mit «dem Islam» verbun­denen Gesell­schaften, Praktiken und For­men der Identi­fikation sind jedoch viel­fältig und durch Aus­tausch und viel­fältige Verflech­tungen geprägt.

Die franzö­sische Neu­bezeichnung «cultures islamiques» trägt dieser Viel­falt besser Rech­nung. Der Plural unter­streicht die Viel­gestaltig­keit der Formen und Praktiken «des Islam». Zugleich ermöglicht der Begriff «cultures», spirituelle, intellektuelle und materielle Phänomene auf unter­schiedlichen Ebenen zu unter­suchen, ohne sie auf die Grenzen eines homo­genen Kultur­raums zu beschränken.

Diese Wahl entspricht den inner­halb der SGMOIK vertretenen Forschungs­ansätzen, die Islam als ein viel­gestaltiges, trans­nationales Phänomen unter­suchen, das in unter­schiedlichen Kon­texten verankert ist, und dabei zugleich historische und regionale Dimen­sionen berücksichtigen.

Eine fortlaufende Reflexion

Die Namens­änderung bedeutet daher nicht, dass die Bezug­nahme auf die Area Studies oder die Islam­wissenschaft aufge­geben wird. Viel­mehr bringt sie den Wunsch zum Aus­druck, diese beiden Perspek­tiven weiter­hin zusammen­zudenken und zugleich die Viel­falt und Ver­netzung der unter­suchten Räume, Gesell­schaften und Kulturen anzu­erkennen.

Der Name einer wissen­schaft­lichen Gesell­schaft kann die Viel­falt der Ansätze, Disziplinen und Forschungs­gegenstände ihrer Mit­glieder nie voll­ständig abbilden. Die Wahl der neuen Bezeichnung ist daher ein Schritt in einer weiter­führenden Reflexion über die Kategorien, mit denen wir die Welt unter­suchen und beschreiben.