Lausanne, BCU, V 1765

Palimpseste erzählen stets spannende Geschichten – nicht nur, weil die überschriebenen Texte sich oft als wertvoll entpuppen, sondern auch weil diese dem Verfasser des darüberliegenden Textes offenbar als obsolet erschienen. Im Falle der Handschrift Lausanne, BCUL, V 1765, wurde am Ende des 14. Jahrhunderts ein spirituelles Werk des Heinrich Seuse über dem rational argumentierenden römischrechtlichen Standardkommentar des Accursius (13. Jahrhundert) angelegt. Freilich, der Apparat des Accursius ist in zahlreichen Handschriften überliefert, doch ist die palimpsestierte Handschrift aufgrund der marginalen Notizen von besonderem Interesse : Notizen wie pe[cia] prime partis oder Petiis apparatis istis sunt xxiiii legen nahe, dass diese Handschrift ursprünglich bei einem sogenannten Stationarius, einem approbierten Bücherverleiher, für die Studenten einer italienischen Universität zur Abschrift bereitlag. Der Lausanner Fund ist aus diesem Grund von besonderem wissenschaftlichen Interesse für die Textgeschichte der accursischen Glosse.