Lausanne, BCU, V 1765

von Dario Binotto02. Oktober 2026

Blog_Binotto_2026_Accursius-Kommentar
Lausanne, BCU, V 1765 © Foto von Dario Binotto

Palimpseste erzählen stets spannende Ge­schichten – nicht nur, weil die über­schriebenen Texte sich oft als wertvoll entpuppen, sondern auch weil diese dem Ver­fasser des darüber­liegenden Textes offenbar als obsolet erschienen. Im Falle der Hand­schrift Lausanne, BCUL, V 1765, wurde am Ende des 14. Jahr­hunderts ein spirituelles Werk des Heinrich Seuse über dem rational argumen­tierenden römisch­rechtlichen Standard­kommentar des Accursius (13. Jahrhundert) angelegt. Freilich, der Apparat des Accursius ist in zahlreichen Hand­schriften überliefert, doch ist die palimp­sestierte Hand­schrift aufgrund der marginalen Notizen von besonderem Interesse : Notizen wie pe[cia] prime partis oder Petiis apparatis istis sunt xxiiii legen nahe, dass diese Hand­schrift ur­sprünglich bei einem soge­nannten Statio­narius, einem approbierten Bücherverleiher, für die Studenten einer italie­nischen Uni­versität zur Abschrift bereitlag. Der Lausanner Fund ist aus diesem Grund von besonderem wissen­schaftlichen Interesse für die Text­geschichte der accursischen Glosse.