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Fünf Nachhaltigkeitsziele auf einen Streich

Markus Zürcher, SAGW
Nachhaltigkeit Bildung

Note «ungenügend»: Das Schweizer Bildungssystem beruht auf der Dreiklassengesellschaft. So erreiche man keine echte Chancengleichheit, kritisiert Markus Zürcher.

Industrie, Finanzwirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung sind sich mehrheitlich einig: Ihr Weg muss zu einer nachhaltigen Entwicklung führen. Wie dies realisiert werden kann, wird richtigerweise kontrovers diskutiert. Als Richtschnur breit akzeptiert ist die Agenda 2030 der Uno und deren siebenzehn Nachhaltigkeitsziele (UN Sustainable Development Goals, SDGs). 

Die Prioritäten hängen dabei stark vom Kontext ab, das heisst von den jeweiligen Regionen, Ländern und deren Wirtschaftsordnungen und politisch-administrativen Systemen. Als reiches Land spielt die Schweiz in der ersten Liga mit und schneidet im internationalen Vergleich bei Zielen wie «Armut beenden», «Gesundes Leben für alle», «Bildung für alle», «Gleichstellung der Geschlechter» oder «Ungleichheit verringern» gut ab.

Doch der Schein trügt: Auch in der Schweiz nimmt die Armut zu, die Gesundheitskosten können von einem Teil der Bevölkerung nicht mehr getragen werden, bei der Gleichstellung der Geschlechter besteht Nachholbedarf und das Bildungssystem fördert die soziale Selektion und damit die soziale Ungleichheit.

Die vorgenannten Sozialziele der Agenda sind eng miteinander verschränkt und wirken sich auf die ökonomischen, ökologischen und politischen Ziele aus. Dabei ist es offensichtlich, dass in einer Wissensgesellschaft wie die Schweiz die Bildung sich besonders stark auf die übrigen Sozialziele auswirkt: Die nach kantonalen und lokalen Gepflogenheiten erstellte Rangordnung in der frühen Jugend trägt nicht zur Gleichheit bei und erhöht die die Armuts- und Gesundheitsrisiken jener, die ihren noch langen Weg verletzt, enttäuscht und mit einem schlechten Selbstbild fortsetzen müssen. Das sozial selektierende Bildungssystem der Schweiz ist aus der Zeit gefallen. Es steht im Widerspruch zur demografischen Entwicklung sowie zu den Sozialzielen und trägt nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung bei.

Das Bildungssystem orientiert sich an einer Dreiklassengesellschaft

Seit 1848 hält die Schweiz verbissen an der Dreiteilung der Volksschule fest: Primarschule, Sekundarschule, Gymnasium, was die die althergebrachte Dreiteilung der Klassen spiegelt: Bauern, Arbeiter und Handwerker, Kaufleute und Beamte, akademische Elite. Seit langem entspricht dies weder dem Bedarf einer Wissens- und Informationsgesellschaft noch dem Arbeitsmarkt. In allen Bereichen, insbesondere zunehmend für hoch qualifizierte Stellen, mangelnd es an Arbeitskräften. Diese Situation erfordert nicht Selektion, sondern Förderung. Obwohl man weiss, dass sich Kinder und Jugendliche nach Alter sehr unterschiedlich entwickeln, wird frühzeitig selektioniert. Ihre Potenziale und Kapazitäten werden so nicht erkannt oder abgewürgt. Die Resultate sind Enttäuschung, Stress, ein schlechtes Selbstbild und Demotivation.

Diese sozial bedingte Auslese einer vergangenen Gesellschaft entspricht auch nicht der demografischen Situation: Die Geburtenrate hat sich seit dem Pillenknick in den 1960er-Jahren auf tiefem Niveau stabilisiert. Der Anteil der älteren Bevölkerung wird über die nächsten beiden Dekaden kontinuierlich zunehmen. Dies heisst, dass wir weniger Hände haben, jedoch mehr Hände benötigen: Der Aufwand in der Betreuung und der Pflege nimmt zu. Im Gesundheitssektor haben wir bereits zu wenig Arbeitskräfte. Immer deutlich zeigt sich, dass wir stärker in das Humanvermögen investieren sollten und weniger in den Kapitalstock. In die Sorgearbeit, die Betreuung von Kindern und Jugendlichen, von Kranken und Alten zu investieren, trägt massgeblich zu einer nachhaltigen Entwicklung bei: Solche Investitionen reduzieren die Armut und die Ungleichheit, stärken die Gleichstellung und den Gesundheitssektor. Sorgearbeit stösst wenig CO2 aus, verbraucht wenig Ressourcen und schafft Resilienz. Das Kapital hingegen hat keine Hände und unterliegt bisweilen grossen Schwankungen, wie sie auch für die nächsten Jahre zu erwarten sind.

Problem seit 60 Jahren bekannt

Die Akademien der Wissenschaften Schweiz haben bereits 2009 eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich mit der Zukunft der Bildung in der Schweiz befasst. In mehreren Berichten und Veranstaltungen zeigte sie auf, wie der Weg von der Selektion zur Integration aussehen könnte. Den zuständigen Behörden, der Konferenz der Erziehungsdirektoren und dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, missfielen diese Analysen: Sie monierten, dass der Föderalismus im Bildungssystem nicht respektiert und nicht eine wissenschaftliche, sondern eine politische Agenda verfolgt würde.

In einem Bericht von 2018 setzte sich auch der Schweizerische Wissenschaftsrat vertieft mit der sozialen Selektion auseinandergesetzt. Wolf Lindner, ein renommierter und pragmatisch denkender Politologe und damals Mitglied des Wissenschaftsrates konstatierte bereits 2015 in der Neuen Zürcher Zeitung, dass die Bildungsrevolution, die vor einem halben Jahrhundert mit Expertenberichten – nach ihren Kommissionsvorsitzenden «Bericht Hummler» (1959), «Schultz» (1963) und «Labhardt» (1964) genannt – eingeleitet wurde, bis heute unvollendet geblieben ist. Nicht eingelöst wurde die «Ausschöpfung der Begabtenreserven» der bildungsfernen Schichten – und damit das Versprechen der Chancengleichheit. Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrates nahm die Empfehlungen des Wissenschaftsrats 2019 in einer Motion auf, die vom Nationalrat angenommen, vom Bundesrat und dem Ständerat aber abgelehnt wurde. Auch die neue Botschaft des Bundesrates für die Bildung, Forschung und Innovation für die Jahre 2021–2024 nimmt die Anliegen nur schwach auf: Sie betont wiederum die Zuständigkeit der Kantone für Bildungsfragen und unterstreicht die formale Chancengleichheit und -gerechtigkeit.

Eine einfache und rasch umsetzbare Lösung

Die Umstellung von einem System der Selektion zu einem System der Förderung wäre einfach zu bewerkstelligen. Die meisten Privatschulen tun dies schon lange und fördern Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis zur neunten Klasse konsequent gemäss ihren Fähigkeiten, Talenten, Potenzialen und Kapazitäten. Die Selektion erfolgt in diesem Modell erst später. Sie liegt am Ende der obligatorischen Schulzeit bei den aufnehmenden Institutionen, den weiterführenden Schulen und Lehrbetrieben. Mancher Fehlentscheid, verbaute Chancen und Familiendramen könnten so verhindert werden.

Betriebe und weiterführende Schulen kennen die Anforderungen und können eine funktionierende Allokation gewährleisten. Indem man die Auswahl den anschliessenden Institutionen überliesse, könnte der demografischen Verschiebung Rechnung getragen, dem eigentlichen Bedarf des Arbeitsmarkts entsprochen und die Chancengleichheit erhöht werden. Es wäre ein massgeblicher Beitrag zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele «Armut beenden», «Ungleichheit verringern», «Gleichstellung der Geschlechter» und «Gesundes Leben für alle». Es ist deshalb höchste Zeit, dass die zuständigen Organe der Kantone und des Bundes, insbesondere die Konferenz der Erziehungsdirektionen und das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, im Interesse der Wirtschaft und Gesellschaft mit diesen einfachen Massnahmen auf die demografische Entwicklung reagieren, die Resilienz stärken und wirksam zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen.

Es ist unbestritten, dass der Mangel an Fachkräften systembedingt ist. Die Daten der Eidgenössischen Jugendbefragungen ch-x von 2019 zeigen, dass sich der Anteil junger Erwachsener ohne Ausbildung auf der Sekundarstufe II seit den Befragungen 2010/11 und 2014/15 nahezu verdoppelt hat (auf rund 11%). Der Trend geht in die falsche Richtung und die Covid-Situation wird die Lage noch verschlimmern. Es ist an der Zeit, nun dezidiert die notwendigen Reformen rasch anzugehen.

Dieser Beitrag erschien in kürzerer Form in der Neuen Zürcher Zeitung vom 25. Februar 2021 (Paywall).

Autoreninfo

Autor: Markus Zürcher

Markus Zürcher ist Generalsekretär der SAGW.

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