'Pedagogies of cruelty’ and the patriarchal order of the nation state: the falsos positivos as a paradigmatic example
Isis Giraldo, Universität Lausanne
Zusammenfassung
Dieser Artikel befasst sich mit einer Episode massiver Gräueltaten, die sich in Kolumbien in den Jahren 2002–2010 unter der Herrschaft von Álvaro Uribe ereignete: den falsos positivos, einer Form außergerichtlicher Tötungen, die von staatlichen Streitkräften im Austausch gegen Geldprämien, Urlaubstage und/oder Beförderungen verübt wurden und deren Opfer mehr als 3000 arme und überwiegend männliche Menschen waren. In Anlehnung an Rita Segatos Arbeit betrachte ich dieses Ereignis aus einer Perspektive, die Patriarchat und Kolonialität wieder in den Mittelpunkt rückt. Ich argumentiere, dass die bloße Möglichkeit des Auftretens, der Inszenierung, der symbolischen Funktion und des Ausmaßes dieser Tötungen sowie die fast vollständige Empathielosigkeit, die sie in der breiten Bevölkerung hervorriefen, das Ergebnis einer historischen Umsetzung von Pädagogiken der Grausamkeit waren, die im kolumbianischen Kontext die städtischen Schichten erfolgreich zu dem erzogen haben, was ich als selektive Desensibilisierung bezeichnen werde. Als extreme Umsetzung des Männlichkeitsgebots stellen diese Verbrechen ein Ereignis dar, das die patriarchale Ordnung festigt, die dem modern-kolonialen Nationalstaat zugrunde liegt. Abgesehen davon, dass ich einen Erklärungsrahmen für ein außergewöhnliches Beispiel mangelnder Empathie gegenüber bestimmten Opfern im kolumbianischen Kontext biete, ziele ich darauf ab, Segatos Konzept der Pädagogik der Grausamkeit zu erweitern, um dessen immenses analytisches Potenzial in der aktuellen globalen politischen Landschaft aufzuzeigen.