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Zwischen Flucht und Pflicht: Jemeni­tische Journalist­Innen im Exil

Der Krieg im Jemen hat Hunderte Journalist­Innen ins Exil gezwungen. Dennoch setzen sie ihre Arbeit fort – sei es in Riad, Kairo, Istan­bul oder Amster­dam. Wie der jemeni­tische Journa­lismus aus der Distanz eine Stimme bewahrt.

Saddam Hamed Abu Asim25. August 2025

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Der jemeni­tische Journalist Saqr al-Sunaydi lebt und arbeitet heute in den Nieder­landen. Sein Ziel ist es, Inhalte zu schaffen, die über kulturelle Gren­zen hinweg wirken – und dadurch jemeni­tische Stimmen hör- und sicht­bar zu machen.© RFG/Qaed Abdo

Am 2. Juli 2015 war ich ge­zwungen, meine ge­liebte Heimat­stadt Sanaa zu ver­lassen. Davor hatte ich in der Medien­abteilung des Präsidial­amts gearbeitet, schrieb als freier Journalist für ausländische Publika­tionen und ver­öffentlichte Bei­träge in den sozialen Medien. Doch nach­dem die Huthi-­Milizen im September 2014 Sanaa über­rannten, wurde die Lage für Journalist­Innen zunehmend schwierig: Ich erhielt wieder­holt anonyme Drohungen, die mit der Zeit ernster wurden. Anfang 2015 wurde mein Gehalt gestrichen. Es kursier­ten Listen mit Namen von Journalist­Innen, die sich kritisch über die Huthis äusserten. Deren Sicherheits­behörden begannen, mich zu ver­folgen: Sie kamen in meinen Stadt­viertel, um nach mir zu fragen, un­be­kannte Anrufer luden mich zu Treffen ein.

Dann, im Juni 2015, wurden mehrere meiner Berufs­kolleg­Innen verhaftet. Einige von ihnen würden erst Jahre später wieder frei­kommen, andere sind bis heute ver­schwun­den. Ab jenem Moment fühlte ich mich ernst­haft bedroht. Ich ging nicht mehr nach Hause, sondern zog von Wohnung zu Wohnung, von einem Freund zum nächsten – bis ich mich schliess­lich gezwungen sah, Sanaa zu verlassen.

Nach einer lang­wierigen und an­streng­enden Flucht, die von Sanaa über Maarib und Hadramout im Osten des Jemens führte, gelangte ich über den einzigen damals noch offenen Grenz­übergang nach Saudi-­Arabien. Dort blieb ich fast fünf Monate. Doch meine Aufenthalts­erlaubnis war befristet, die Arbeit als Journalist ein­ge­schränkt. Als ich an eine Konferenz nach Genf ein­ge­laden wurde, entschied ich mich, in der Schweiz zu bleiben. Hier begann ein neues Leben – mit einer frem­den Sprache, einer neuen Kultur und Heraus­forderungen, die bis heute an­halten.

Meine Geschichte ist kein Einzel­fall. Schätzungen zufolge sind seit 2014 etwa ein­tausend jemeni­tische Medien­schaffende zur Flucht ge­zwungen worden. Obwohl es keine genauen Daten über ihre Aufenthalts­orte gibt, ist klar, dass die meisten von ihnen heute im Exil leben – in Saudi-­Arabien, die Türkei, Ägypten, Jordanien sowie in ver­schie­denen europäischen Staaten. Einige von ihnen setzen ihre Arbeit über klassische oder digitale Medien fort, während andere ihren Beruf – aufgrund politischer Re­pression oder aus wirtschaft­licher Not – aufgeben mussten.

Was ich hier schildere, ist ein persön­liches Zeugnis einer Exil­erfahrung, die ich mit vielen Kolleg­Innen teile – darunter der Journalist Saqr Al-Sunaydi in den Nieder­landen, Abdulsalam Al-Shuraihi in Ägypten und Bushra Al-Amiri in Saudi-­Arabien – und gleich­zeitig eine akade­mische Analyse. Trotz unserer unter­schied­lichen Lebens­umstände eint uns der Wille, mit dem Ge­schehen im Jemen ver­bunden zu bleiben. Wir alle ver­suchen, unsere Arbeit – so gut es geht – fort­zu­setzen. Wir alle hoffen, irgend­wann zurück­kehren zu können.

Bis zum Krieg gab es im Jemen zwölf Fernseh­sender, über 85 Zeitungen und zahl­reiche Online­portale

Der Krieg im Jemen begann offiziell im März 2015, als ein von Saudi-­Arabien geführtes Militär­bündnis die Huthi-­Milizen angriff, die im Jahr zuvor die Kontrolle über die Haupt­stadt Sanaa über­nommen hatten. Doch die Wurzeln des Konflikts reichen weit in die Herrschafts­zeit des ehe­maligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh zurück, der das Land zwischen 1990 und 2011 regierte. Sein Macht­apparat bestand aus einem Netz­werk militä­rischer, religiöser und tribaler Eliten. Die Politik­wissen­schaftlerin Elham Manea bezeichnete dieses System als «cunning state», als «listigen Staat», der die Spaltungen inner­halb der Gesell­schaft aus­nutzte, um seine Macht zu sichern.

Die autori­tären Struk­turen prägten auch die Medien­land­schaft. Zwar garan tierte ein Gesetz von 1990 formal Presse­freiheit. Faktisch aber unter­lagen die Medien der Zensur durch das Informations­ministerium. Ein­mischung in die Bericht­erstattung, Lizenz­entzug und politischer Druck waren gängige Praxis. Der Versuch, 2008 ein neues Medien­gesetz ein­zu­führen, das private audio­visuelle Medien erlauben sollte, ver­sandete. Dennoch ent­standen in jener Zeit erst­mals vom Regime unab­hängige Fernseh­sender: «Al-Saeeda» und «Suhail», letzterer stand der Islah-­Partei, einem Ableger der Muslim­bruder­schaft, nahe. Beide sendeten aus dem Aus­land, da kritischer Journa­lismus im Land selbst kaum mög­lich war.

Nach der Revolution 2011 kam es kurz­zeitig zu einer medialen Öffnung: Neue Platt­formen wurden lanciert, kritische Stimmen fanden Gehör. Bis 2014 existierten zwölf Fernseh­sender, über 85 Zeitungen und zahlreiche Online­portale. Wirklich unab­hängig aber waren die wenigsten von ihnen, die Mehr­heit wurde von politischen, religiösen oder wirtschaft­lichen Akteuren finan­ziert. Sie ent­wickel­ten sich zu Sprach­rohren der Konflikt­parteien und trugen damit weiter zur Spaltung der Gesell­schaft bei.

Salehs Rück­tritt 2011 führte nicht zum Zusammen­bruch seines Macht­apparats. Die alten Netz­werke blieben be­stehen, während die Opposition es nicht schaffte, eine stabile Übergangs­regierung zu bilden. Die Nationale Dialog­konferenz scheiterte – und in diesem Vakuum gewannen die Huthi-­Milizen an Ein­fluss. Mit Unter­stützung ehe­maliger Regime­kräfte übernahm sie im September 2014 die Kontrolle über Sanaa.

Es war ein Wende­punkt. Am 25. März 2015 intervenierte ein Militär­bündnis unter Saudi-­Arabiens Führung auf Ersuchen des damaligen Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi. In der Folge versank der Jemen in einem komplexen Krieg. Das Land wurde in Einfluss­zonen rivalisie­render Gruppen auf­geteilt, die jeweils eigene politische und mediale Agenden ver­folgten.

Die Medien zählten dabei zu den grössten Ver­lierern: Zwischen 2015 und April 2024 dokumen­tierten die Jemeni­tische Journalisten­gewerkschaft und die Internationale Journalisten-­Föderation (IFJ) über 2000 Über­griffe auf Medien­schaffende: Ver­haftungen, Folter, gezielte Tötungen, die Schliessung von 165 Web­seiten – viele davon waren nach 2014 ge­schaffen worden, operierten aber ohne offizielle Genehmigung – und 38 Fälle, in denen journalis­tische Aus­rüstung konfis­ziert wurde. Haupt­verant­wortlich für diese Über­griffe waren die Huthi mit 1178 Fällen, gefolgt von der international aner­kannten Regierung (376) und dem Süd­übergangs­rat (113).

Der «connected» Migrant

Die Vereinten Nationen schätzen, dass seit Aus­bruch des Krieges rund fünf Millionen Menschen inner­halb des Jemen ver­trieben worden sind. Fast ebenso viele leben heute im Ausland: Manche migrier­ten bereits vor dem Krieg aus wirtschaft­lichen Gründen, andere aufgrund der Gewalt nach 2015. Offiziell bei der UNO registriert sind jedoch nur etwa 70’000 Flücht­linge – ein Hin­weis auf die prekäre Rechts­lage vieler und den Mangel an verläss­lichen Daten zur jemeni­tischen Diaspora.

Bekannt ist, dass sich die meisten Jemenit­Innen heute in Saudi-­Arabien und anderen Golf­staaten aufhalten, gefolgt von Ägypten, der Türkei und Jordanien. Auch in Europa und Nord­amerika wächst die jemeni­tische Diaspora. Dass so viele Jemenit­Innen heute ausser­halb ihres Landes leben, wider­spiegelt sich zunehmend auch in der Medien­landschaft:

Laut einem Bericht des Economic Media Centers von 2018, verliessen etwa 700 jemeni­tische Journalist­Innen infolge des Konflikts ihren Wohn- und Arbeits­ort – rund 490 davon flohen ins Aus­land, der Rest in sicherere Gebiete inner­halb des Landes. Inzwischen wird die Zahl der Journalist­Innen im Exil auf über 1000 geschätzt – ein Hinweis darauf, wie sehr die Medien­branche von den Folgen des Kriegs getroffen wurde.

Nachdem die Huthi die staat­lichen Medien unter ihre Kontrolle gebracht hatten, reaktivierte die inter­national anerkannte Regierung ihren Medien­apparat von Riad aus. Auch private jemeni­tische Fernseh­sender ver­legten ihren Sitz ins Ausland – unter anderem nach Saudi-­Arabien, in die Türkei, nach Ägypten, in die Emirate und nach Jordanien –, während in einigen dieser Länder neue Kanäle ent­standen. Ihre redaktio­nellen Linien spiegeln meist die politischen Positionen ihrer Geld­geber oder der jewei­ligen Gast­länder wider.

Parallel dazu ent­wickelte sich im Exil eine viel­fältige digitale Medien­land­schaft: Es ent­standen Nachrichten­portale, Pod­casts, kleine Recherche­zentren. Auch in den sozialen Medien blieben viele jemeni­tische Journalist­Innen aktiv. Viele von ihnen arbeiten un­abhängig. Und auch unter jenen, die heute not­gedrungen in anderen Berufen tätig sind, bleiben viele eng mit den Gescheh­nissen im Jemen verbunden.

Migrant­Innen nehmen trotz geo­grafischer Tren­nung durch digitale Netz­werke aktiv an den gesell­schaft­lichen Ent­wicklungen ihres Herkunfts­landes teil – ein Phänomen, das die Soziologin Dana Diminescu mit dem Konzept des «Connected Migrant» beschrieben hat.

Die folgenden drei jemeni­tischen Journalist­Innen sind typische Beispiele dafür: Sie setzen ihre Arbeit über digitale Platt­formen und alternative Medien fort und gestalten damit einen grenz­über­schreiten­den öffentlichen Raum für jemeni­tische Themen – fernab staat­licher Zensur. Trotz an­haltender Heraus­forderungen – wie einge­schränkter Zugang zu Informa­tionen, be­grenzte Reich­weite und rechtliche Hürden – bleiben die Medien­schaffenden im Exil so mit ihrem Heimat­land ver­bunden und bemühen sich, dessen Stimme nach aussen zu tragen.

Saqr al-Sunaydi: In seinen Texten verbindet er seine jemeni­tische Her­kunft mit seiner neuen, euro­päischen Realität

Der jemeni­tische Journalist Saqr al-Sunaydi glaubt, dass jeder Journalist in seinem Land Erfah­rungen mit Repression gemacht hat. Der 46-Jährige selbst entging Anfang 2015 nur knapp einer Ver­haftung. Damals bereitete er einen Bericht für den oppositio­nellen Sender Belqees vor. Das Mikrofon mit dem Sender­logo erregte Miss­trauen. Sicherheits­kräfte näherten sich ihm und unter­sagten ihm, weiter zu filmen. Er floh, bevor eine weitere Ein­heit eintraf.

Al-Sunaydi hatte nach seinem Journalismus­studium an der Universität Sanaa zunächst für lokale Zeitungen gearbeitet. Später wechselte er zu Fernseh­sender Belqees. Als der Sender im Mai 2015 ins Exil in die Türkei umzog, floh auch Al-Sunaydi vor der drohen­den Repression der Huthi-­Milizen. Seit 2014 ging es für Journalist­Innen im Jemen nicht mehr in erster Linie darum, die Wahr­heit zu suchen, sagt er, sondern schlicht darum, zu über­leben.

In der Türkei arbeitete er weiter als Redaktor und Produzent. Doch er ver­misste den direkten Kontakt zu den Menschen. Statt Gespräche vor Ort zu führen, war er nun auf das Telefon und Text­nach­richten angewiesen. Die Situation war schwierig: befristete Arbeits­erlaubnis, ein tiefes Ein­kommen und ein Gefühl von Heimat­losigkeit.

In dieser Zeit schrieb er seinen Roman «Die Reise von Rāfat – Alle Ver­sprechen des Weges sind Lügen». Die Geschichte handelt von einem jungen Jemeniten, der vor dem Krieg in seinem Land nach Europa flieht. Obwohl er es nicht explizit so sagt, scheint es, als ob er dabei auch seine eigene Geschichte erzählt.

Mitte 2023 ging al-Sunaydi ins Exil in die Nieder­lande. Dort sah er sich mit neuen Heraus­forderungen konfron­tiert. Während ihn in der Türkei vor allem sein un­sicherer Aufenthalts­status belastet hatte, war es in den Nieder­landen zunächst die Sprach­barriere – und damit die Schwierig­keit, in seinem Beruf­sfeld Fuss zu fassen.

Obwohl er nach seiner An­kunft in den Nieder­landen fast zwei Jahre in einem Flüchtlings­lager verbrachte und auf seinen Asyl­entscheid wartete, blieb al-Sunaydi aktiv. Er nahm an lokalen Veran­stal­tungen teil und be­mühte sich, ein Netz­werk in seiner neuen Um­gebung aufzu­bauen.

Nieder­ländische Medien­schaffende interessierten sich für seine Geschichte. Das half ihm, Zugang zur dortigen Medien­welt zu finden. Er lernte Nieder­ländisch und begann, ehren­amtliche als Kolumnist bei «Omroep Almere» zu schreiben, einem Magazin, das Migrant­Innen eine Platt­form gibt. «Die Leute wollen keine Kopien, sie suchen neue Perspek­tiven», sagt er. In seinen Texten verbindet al-Sunaydi seine jemeni­tische Her­kunft mit seiner neuen, euro­päischen Realität. So vergleicht er in einer Kolumne zum Beispiel den Mond im Jemen – ein Symbol für weibliche Schön­heit – mit dem oft wolken­ver­hangenen Himmel in den Nieder­landen. Für ihn Aus­druck dafür, wie Natur und Klima unsere Wahr­nehmung prägen

Zwar schätzt er die Frei­heit, die das Exil mit sich bringt: Texte, die im Jemen gefähr­lich wären, kann er in Europa frei ver­öffentlichen. Doch die Sehn­sucht nach dem Heimat­land bleibt. «Je mehr Zeit vergeht, desto stärker wird sie», sagt Saqr al-Sunaydi. Er kritisiert auch die jemeni­tischen Exil­medien, von denen viele nur ein Publikum im Jemen an­sprechen würden. Es fehle an Über­setzungen und Dialog mit der Aussen­welt, sagt er. Deshalb nahm er an einem Trainings­programm des nieder­ländischen Mediums RFG Media teil, einer Organi­sation von ge­flüchteten für ge­flüchtete Journalist­Innen. Ziel war es, Inhalte zu schaffen, die über kulturelle Grenzen hinweg wirken – und dadurch jemeni­tische Stimmen hör- und sichtbar zu machen.

Bushra Al-Ameri: Einsatz für Menschen­rechte, trotz schwieriger Umstände

Die Erfahrungen von Bushra Al-Ameri zeigen ein komplexes Bild des journalis­tischen Exils, in dem sich berufliche Heraus­forderungen mit geschlechts­spezifischen Ein­schränkungen ver­mischen. Journalistinnen erhalten nur selten die gleichen Chancen wie ihren männ­lichen Kollegen, wenn es um Fort­bildungen, beruf­liche Reisen oder Führungs­positionen in staat­lichen Medien geht. Zudem sind sie oft die ersten Opfer, wenn es um Ver­leumdung oder die Unter­stellung von Illoyalität geht.

Seit ihrer Aus­reise aus dem Jemen im Jahr 2015 lebt sie in der saudischen Haupt­stadt Riad. Ihr Leben dort ist alles andere als einfach. Neben beruf­lichen Hürden belastet sie ein befristeter Aufenthalts­status und ein niedriges, unregel­mässiges Ein­kommen. Viele ihrer Kolleg­Innen müssen in regierungs­nahen Medien oder in nicht-­medien­bezogenen Jobs arbeiten, um ihre Familien zu versorgen.

Al-Ameri beschreibt die Arbeits­situation in Riad als eine Fort­setzung desselben medien­politischen Systems, das bereits im Jemen vor­herrschte: geprägt von Loyali­täten, jedoch ohne recht­lichen oder institutio­nellen Schutz.

Trotz der schwierigen Um­stände arbeitet die 46-Jährige jedoch weiter als Journalistin und setzt sich für Menschen­rechte ein. Sie produziert die wöchent­liche Sendung «Al-Shahid» im Fernseh­sender der inter­national aner­kannten jemeni­tischen Regierung mit Sitz in Riad, die Menschen­rechts­ver­letzungen im Jemen doku­mentiert – vor allem in den von den Huthi kontrollierten Gebieten. Zudem leitet sie das Netz­werk «Independent Yemeni Women Journalists Network», ein Netz­werk unab­hängiger jemeni­tischer Journalistinnen, und betreibt dazu noch «Al-Yemen Al-Ittihadi», ein Nachrichten­portal mit Fokus auf gesell­schaft­lichen und menschen­recht­lichen Themen.

Bushra Al-Ameri bemüht sich, die Ent­wicklungen in ihrer Heimat weiter­zu­verfolgen. Sie wünscht sich, zurück­zu­kehren und wieder vor Ort zu berichten. Doch die trauma­tischen Erleb­nisse von Rück­kehrerinnen, die schikaniert, oft sogar fest­genommen und gefoltert wurden, sowie die Sorge um ihrer Kinder halten sie zurück. «Sobald meine Kinder ihr Studium be­endet haben und auf eigenen Füssen stehen, kehre ich in den Jemen zurück. Lieber sterbe ich unter meinen Ange­hörigen, als allein im Ausland.»

Abdulsalam al-Shuraihi: Gedrängt, den Putsch der Huthi als «gerechte Revo­lution» zu legitimieren

Die Erfahrung des 41-jährigen TV-Moderators Abdulsalam al-Shuraihi unter­scheidet sich in mancher Hin­sicht von anderen Fällen. Denn als der Krieg 2015 aus­brach, blieb er im Land – er verliess Sanaa erst 2022, als er keinen anderen Weg mehr sah.

Zur Zeit der Macht­über­nahme der Huthi, arbeitete al-Shuraihi beim unab­hängigen Fernseh­sender «Al-Saeeda». 2015 schloss die Huthi-­Miliz den Sender. Al-Shuraihi blieb zunächst zu Hause. An eine Aus­reise dachte er damals nicht – er wusste schlicht­weg nicht, wohin er gehen sollte. Vielleicht hoffte er ins­geheim, wie so viele andere, dass sich die Lage bald ver­bessern würde.

Nach ungefähr einem Jahr gründete er eine eigene Produktions­firma, die Kurz­filme und Werbung machte. Doch die Miliz forderte von ihm immer höhere Ab­gaben und Steuern, die sein Ein­kommen bald über­stiegen. Als bekannter Fernseh­moderator mit einem breiten Publikum wurde er zudem mehr­fach gedrängt, in Huthi-­nahen Sendern aufzu­treten, um deren Putsch als «gerechte Revo­lution» zu legiti­mieren. Das war es, was al-Shuraihi letztlich zur Aus­reise bewegte. Er ve­kaufte sein Haus und seine Firma und liess sich in Kairo nieder. Dort beteiligte er sich am Auf­bau des neuen Senders «Al-Jumhuriya» und wechselte später zu «Yemen Today», wo er bis heute als Moderator und Programm­leiter tätig ist.

In Kairo wurden die sozialen Medien, insbesondere Face­book, zu seiner wichtigsten Ver­bindung zum Publikum. Denn die Exil­medien, so al-Shuraihi, stünden oft bestimmten politischen Akteuren oder Parteien nahe – und würden zentrale Botschaf­ten zugunsten politischer Agen­den verzerren.

Zwar sagt Al-Shuraihi, dass er in Ägypten – trotz finan­zieller und aufenthalts­rechtlicher Heraus­forderungen – ein gewisses Mass an Frei­heit habe: Über seine sozialen Netz­werke konnte er sich eine engagierte Gefolg­schaft aufbauen, auch äussert er sich regel­mässig zu aktuellen Entwick­lungen. Dennoch ist er über­zeugt: Die Stimme aus dem Exil verliert oft an Wir­kung, weil ihr die Nähe zur Heimat fehlt.

Der jemenitische Journa­lismus hat eine Stimme

Die Geschichten dieser drei Journalist­Innen, die ich getroffen habe, zeigen: Exil bedeutet mehr als ein Orts­wechsel. Es ist eine komplexe Erfahrung, die die beruf­liche und persön­liche Identität neu formt. Trotz ihrer unter­schiedlichen Lebens­umstände – ob in Riad, Kairo oder Amster­dam – verbindet sie die Sorge um die Heimat, den Wunsch, ihrem Beruf treu zu bleiben, und das Bedürfnis, mit einem verloren gegangenen Publi­kum in Kontakt zu bleiben.

Während soziale Medien zu unserem wichtigsten Mittel geworden sind, um die Ver­bindung mit dem Publi­kum aufrecht zu halten, sind die Geschichten, die darüber trans­portiert werden, vielfältig – und die Bedin­gungen im Exil von Person zu Person ver­schieden. Was uns eint, ist der Glaube daran, dass der jemeni­tische Journa­lismus eine Stimme hat – auch wenn sie mehr­heitlich aus der Ferne erzählt wird.

Bio

Saddam Hamed Abu Asim ist ein jemeni­tischer Journalist und Aktivist, der in der Schweiz lebt. Nach seinem Ab­schluss an der Fakultät für Medien und Journa­lismus der Universität Sana’a im Jahr 2006 arbeitete er für Dutzende lokale und inter­nationale Zeitungen. Seit seiner An­kunft in der Schweiz im Jahr 2016 setzt er seine Arbeit im Medien- und Menschen­rechts­bereich fort und nimmt an Sitzungen des UNO-­Menschen­rechts­rats teil. Er arbeitete für Schweizer Institu­tionen, darunter das Schweize­rische Rote Kreuz, das Bernische Histo­rische Museum und das Museum für Kommuni­kation. Derzeit ab­solviert er sein Studium der Middle Eastern Studies an der Universität Bern und arbeitet an seinem Master zu jemeni­tischen Journalist­Innen im Exil in Europa.

Weiterführende Literatur:

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