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Von Şengal nach Deutsch­land – ezidische Stimmen aus dem Exil: «Wir wussten, wer sie waren. Und wir wussten, dass sie uns um­bringen wollten.»

Die Terror­miliz IS ermordete, vertrieb und ver­schleppte Zehn­tausende von Ezid:innen im Nord­westen Iraks. Dieses Ver­brechen wurde von der UNO als Genozid ein­gestuft. Zwei junge Über­lebende erzählen, wie das Grauen des Völker­mords ihr Leben bis heute prägt – und wie sie mit den Nach­wirkungen dieses unfass­baren Ver­brechens um­gehen.

Nora Togni07. Juli 2025

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Hundert­tausende von Ezid:innen flohen nach dem­ Über­fall der Terror­miliz IS aus Şengal, Sindschar, im Nord­westen Iraks über das Şengal-­Gebirge.© Botan Gulan, August 2014

«Als die IS-­Kämpfer nach Kocho kamen, ver­sammelten sie alle Ein­wohner:­innen des Dorfes in der Schule. Sie sagten uns, wir sollen zum Islam konver­tieren oder sterben. Ich war damals zwölf Jahre alt und kann mich an jedes Detail dieses Tages erinnern. Zuerst nahmen sie die Männer mit und fuhren auf die Felder ausser­halb des Dorfes. Von der Schule aus konnten wir die Schüsse hören. Trotz­dem wollten wir nicht glauben, dass inner­halb weniger Stunden alle Männer von Kocho umge­bracht worden waren.» – Said*

Die Perspektive männ­licher Über­lebender

Am 3. August 2014 überfiel die Terror­miliz «Islamischer Staat» (IS) die Ezid:­innen in Şengal, Sindschar, im Nord­westen Iraks. Sie entführ­ten und versklav­ten Frauen und Kinder, die Männer richteten sie systema­tisch hin. Hundert­tausende von Ezid:­innen flohen über das Şengal-­Gebirge, Un­zählige starben auf dem Weg an Hunger und Durst. Die traurige Bilanz: Innert kurzer Zeit war ein Gross­teil der knapp 500’000 Menschen der ezidischen Gemein­schaft ver­trieben worden. Das vom UN-­General­sekretär einge­setzte Ermittlungs­team UNITAD stufte in seinem Abschluss­bericht von 2017 die Ermor­dung, Ver­treibung und Ver­sklavung von Ezid:­innen im Irak als Genozid ein. Am 17. Dezember 2024 wurde dieser Genozid auch vom Schweizer National­rat aner­kannt, mit 105 zu 61 Stimmen bei 27 Enthal­tungen.

Zedan und Said waren zur Zeit des Massakers vierzehn, respektive zwölf Jahre alt, sie sind dem IS ent­kommen. Zedan lebt heute im deutschen Bundes­land Nordrhein-­Westfalen, das eine grosse ezidische Bevöl­kerung be­heimatet, Said in Berlin. Ich begegnete Zedan und Said als ich in Deutsch­land zwischen Oktober und November 2022 für meine Master­arbeit zum Genozid an den Ezid:­innen recher­chierte. Während meines Forschungs­aufenthalts konnte ich mit ins­gesamt zwölf Über­lebenden sprechen – fast alle von ihnen Männer. Das lag in erster Linie daran, dass mir vor allem männ­liche Kontakt­personen ver­mittelt wurden, was ich erst bedauerte. In den Gesprächen wurde mir aber schnell bewusst, wie viele Geschich­ten die Männer zu er­zählen hatten; Geschich­ten, die in der medialen Bericht­erstattung bis­lang kaum Gehör ge­funden haben, da die geschlechts­spezifische Er­fahrung die Narrative stark beein­flusst. Besonders die grausame Gefangen­schaft und sexuelle Ver­sklavung der von IS-­Kämpfern ver­schleppten ezidischen Frauen und Mädchen prägen das Bild des Genozids. So setzt sich etwa Nadia Murad, weltweit bekannt durch ihre Auto­biografie «The Last Girl», in der sie von ihrer Ver­sklavung in Mossul erzählt, seit 2016 als UNO-­Sonder­botschafterin für die Würde der Über­lebenden des Menschen­handels ein. 2018 wurde ihr für ihre uner­müd­liche aktivis­tische Arbeit der Friedens­nobel­preis verliehen.

Die Geschich­ten ezidischer Männer sind aber auch deshalb im Hinter­grund geblieben, weil die Männer selbst das entsetz­liche Leid der Frauen als die tragischste Folge des IS-Angriffs er­achten, als die tiefste Wunde des Genozids. «Die Frauen haben am meisten ge­litten», sagt Zedan. Seine Schwester gehört zu den rund 2600 Ezidinnen, die noch immer als vermisst gelten. Sie verdeut­lichen das Trauma einer Gemein­schaft, deren Leid auch elf Jahre nach dem Massaker kein Ende gefunden hat. Gerade angesichts dessen eröffnen die Gespräche mit den ezidischen Männern eine zusätz­liche Perspek­tive. Aus diesem Grund beschloss ich, sie zu dokumen­tieren.

Zedan und Said: Erzäh­lungen von Flucht, Verlust und der Suche nach Halt

Ezidische Väter und erst­geborene Söhne tragen die Ver­ant­wortung für ihre Familie, auch auf der Flucht oder im Exil. Dies erlebte Zedan, als er sich mit seiner Familie einige Wochen vor dem 3. August 2014 auf den Weg nach Syrien machte. Dass er den Irak noch recht­zeitig ver­lassen konnte, rettete ihm das Leben. Heute ver­folgen ihn die Gedanken, dass er jenen Familien­mitgliedern, die zurück­blieben, nicht helfen konnte und sie nie mehr sehen würde. Ganz anders verläuft Saids Geschichte: Acht Monate lang hatte er sich als Kind in der Gefangen­schaft der Terror­miliz befunden. Er sollte zu einem Kämpfer erzogen und später in den Krieg nach Syrien ge­zwungen werden. Mehrere Flucht­versuche scheiterten. Doch schliess­lich gelang ihm die Flucht nach Kurdistan. Sowohl Zedan wie auch Said kamen 2015 über das in Baden-­Württemberg beschlossene humanitäre Aufnahme­programm, das soge­nannte Sonder­kontingent, nach Deutsch­land. Die beiden hatten Glück. Das Leben, wie sie es aus ihren Dörfern in Şengal kannten, wurde ihnen jedoch irrever­sibel genommen.

Dem Massaker ent­kommen

Ich traf Zedan zum Gespräch in einem denkmal­geschützten Wasser­schloss in Nordrhein-­Westfalen, das zum Zentrum für ezidische Studien und Sitz des deutschen Zentral­verbands der ezidischen Gemein­den um­funktioniert worden war. Zedan stammt aus Siba Sheikh Khidir, einem ezidischen Dorf südlich des Şengal-­Bergs. 2007 wurde das Dorf Ziel eines Auto­bomben­anschlags, mit 796 Toten und mindestens 1500 Verwundeten war es das tödlichste Attentat im Irak­krieg. Koordiniert hatte den Auto­bomben­anschlag die Terror­gruppe Al Qaida. Zedan war damals zehn Jahre alt. Das Haus seiner Familie wurde von der Explosion getroffen, eine seiner Tanten starb, sein Cousin verlor einen Fuss.

Als sich die Terror­anschläge und die sunnitisch-­islamistisch motivierte Gewalt im Irak zu­nehmend auf religiöse Minder­heiten aus­weiteten, wurden Ezid:innen vermehrt zum Ziel. Aus Angst um ihre Sicher­heit zogen Hunderte von ezidischen Studieren­den von der Univer­sität Mosul weg und wechsel­ten zu Universi­täten in der kurdischen Autonomie­zone; viele Arbeit­nehmende in verschie­denen Regionen verliessen ihre Jobs. Das Verhältnis zu den arabischen Nachbarn ver­schlechter­ten sich, oft führte der Vertrauens­verlust zwischen den benach­barten Gemein­schaften zum Ab­bruch der Bezie­hungen. Ange­sichts dieser steigenden Unsicher­heit entschied sich Zedan, mit seinem schwer­kranken Vater, seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder den Irak zu ver­lassen. In Rabiaa an der syrischen Grenze wurden sie erst von bewaff­neten Gruppen zurück­gedrängt, doch beim nächsten Versuch gelang es ihnen, die Grenze zu über­schreiten und die Reise fort­zu­setzen: «Als ich vom Genozid erfuhr, waren wir bereits in Ankara und zunächst dank­bar, dass wir dem Massaker ent­kommen sind», erzählt er. «Doch dann fühlte ich mich schuldig, weil ich nicht bei meinen Leuten ge­blieben bin. Ich wollte nach Şengal zurück, um mich dem Wider­stand anzu­schliessen und gegen den IS zu kämpfen. Aber meine Familie konnte mich davon ab­halten.»

Die Familie schaffte es nach Amman, wo Zedan einen Job in einem Café fand, mit dem er die bevor­stehende Reise nach Europa finan­zieren wollte. Doch weil er keine Arbeits­bewilligung hatte, wurde er von den jorda­nischen Behör­den immer wieder ver­haftet. Obwohl er damals noch minder­jährig war, schlug und miss­handelte ihn die jorda­nische Polizei brutal. Im Gefängnis waren er und andere Migranten aus Irak und Syrien Diskrimi­nierung und Gewalt durch Mit­insassen aus­gesetzt. Wie Zedan erklärt, sei es in Jordanien gängige Praxis, illegale Arbeiter zusammen mit Verbrechern einzu­sperren, um sie davon abzu­halten, ohne Arbeits­erlaubnis weiter­zu­arbeiten.

Während des Aufent­halts in Jordanien starb sein Vater. Zedan kehrte nach Erbil zurück, um die Leiche im Heimat­land zu bestatten. Danach setzte die Familie ihre Reise nach Europa fort; fuhr von Izmir aus in einem über­füllten Boot nach Griechen­land, es war der erste Schritt entlang der gefährlichen Balkan­route. Auf dem Weg traf Zedan auf andere Ezid:innen, die dem Genozid ent­kommen waren. Auch seine Frau lernte er auf der Balkan­route kennen. Dies half ihm, optimis­tischer auf das Leben in Europa zu blicken. In Deutsch­land durchlief Zedan das Asyl­verfahren, er und seine Familie erhielten eine Aufenthalts­erlaubnis. Doch Şengal liess ihn nicht los. Täg­lich erreich­ten ihn neue schockierende Berichte: von Massen­gräbern, ver­schleppten Frauen, zer­störten Dörfern. «Fast jeden Tag erfuhr ich vom Tod einer Person meiner Um­gebung.» Alle seine Freunde waren er­mordet worden, ebenso seine Schwester und deren Familie. Eine Schwester überlebte die Gefangen­schaft und kehrte in den Irak zurück, eine andere war mit ihrem Mann in Şengal-­Stadt geblieben und vermut­lich ent­führt worden. Von ihr fehlt bis heute jede Spur: «Sie wurde ver­raten», meint Zedan. «Die schlimmsten Ver­brechen sind in der Stadt Şengal be­gangen worden. Die sunnitischen Ein­wohner:innen arbeiteten mit dem IS zusammen, sie meldeten den Kämpfern, wer die Ezid:innen waren und wo sie wohn­ten. So ver­rieten sie wohl auch meine Schwester: Unter dem Vor­wand sie zu schützen, hielten ihre Nach­barn sie davon ab, die Stadt zu ver­lassen, um sie später dem IS auszu­liefern.» Die Ezid:innen hätten die Hoffnung nicht auf­gegeben, ihre ver­missten Ange­hörigen wieder­zu­finden, betont Zedan. Sie seien sich jedoch bewusst, dass kaum ein Staat an ihrem Schicksal interessiert sei. «Sie sind von der inter­nationalen Gemein­schaft im Stich ge­lassen worden.»

Später sollte Zedan er­fahren, wie sich die Peshmerga, die Streit­kräfte der Auto­nomen Region Kurdistan im Irak, während des Genozids kampf­los zurück­gezogen hatten. «Das war für uns der grösste Schock», sagt Zedan. «Mein Vater hatte das bis zu seinem Tod nicht fassen können. Denn zu seiner Zeit wäre es für die Peshmerga undenk­bar gewesen, die Zivil­bevöl­kerung sich selbst zu über­lassen. Früher hatten die Peshmerga gekämpft, um ihr Land und ihre Rechte zu ver­teidigen, jetzt kämpfen sie für ihre eigene Interessen.»

Nach Şengal zurückgekehrt ist er nie.

Kinder in IS-­Gefangenschaft

Said war zwölf Jahre alt, als der IS ihn aus Kocho entführte, einem Dorf süd­lich von Şengal, und acht Monate lang gefangen hielt. Als ich ihn in einem Café in Berlin treffe, erkundige ich mich, ob es für ihn nicht zu schmerz­haft sei, über diese Zeit zu reden. «Nach meiner Befreiung wurde ich von verschie­denen inter­nationalen Organisa­tionen detailliert befragt, ich habe meine Geschichte so oft erzählt, dass es für mich kein Problem ist, darüber zu reden. Aber ehrlich gesagt, inzwischen habe ich vieles ver­gessen.» Als erstes möchte ich wissen, ob Said während seiner Kind­heit Gewalt oder Diskrimi­nierung erlebt hatte. Ezid:innen waren unter dem irakischen Diktator Saddam Hussein unter anderem auf dem Arbeits­markt diskrimi­niert worden. So war es ihnen etwa aufgrund ihrer Religions­zugehörigkeit nicht erlaubt gewesen, in der Justiz tätig zu sein. Dies, obwohl Saddam Hussein danach gestrebt hatte, die Religion aus der Öffentlich­keit zu entfernen. Said schüttelt den Kopf. «Kocho war ein kleines Dorf von kaum 2000 Ein­wohnern», sagt er. «Wir wurden nicht diskriminiert, aber ich kann mir vorstellen, dass Ezid:innen in Şengal-­Stadt von Seiten der sunnitisch-­arabischen Bevölkerung Diskrimi­nierung erfahren haben.»

In Kocho besuchte Said die arabische Schule. Nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 konnten Ezid:innen wählen, ob sie auf Kurmanji, der meist­gesprochenen kurdischen Sprache, oder auf Arabisch unter­richtet werden wollten, unter dem irakischen Diktator war der Unter­richt auf Arabisch für alle obliga­torisch gewesen. «Kurmanji sprach ich schon zu Hause, also wollte ich noch Arabisch lernen», erzählt er. Diese Wahl rettete ihm später das Leben: Als er während seiner Flucht aus der IS-­Gefangenschaft an einem Check-­Point ange­halten wurde, gab er sich als Araber aus. Da er die Sprache perfekt beherrschte, glaubte man ihm – und liess ihn passieren.

Am 15. August 2014 war Kocho Schau­platz eines unvorstell­baren Massakers geworden. Nach einer zwei­wöchigen Belagerung ver­sammelte der IS alle Ein­wohner:innen in der Dorf­schule und begann, die Männer systema­tisch hinzu­richten. Said befand sich mit seiner Familie unter jenen Bewohner:innen, die nicht hin­gerichtet werden sollten. Sie ahnten, dass ein Massaker geschehen würde. «Denn die meisten, die sich damals inner­halb weniger Tage dem IS ange­schlossen hatten, waren keine fremden Gesichter. Sie waren unsere arabische Nach­bar:innen. Wir kannten sie vom Sehen und wussten, wer sie waren. Und wir wussten, dass sie uns um­bringen wollten.»

Tatsäch­lich waren einige Anführer der benach­barten arabischen Clans den IS-Milizen gefolgt und beteiligten sich an dem Massaker gegen die Ezid:innen, mit denen sie zuvor freund­schaft­liche und wirtschaft­liche Beziehungen unter­halten hatten. Die über­lebenden Ezid:innen verloren dadurch nicht nur das Ver­trauen in jede Behörde Iraks – von der Zentral-, bis zur kurdischen Regional­regierung – sondern auch in ihre Nach­bar:innen. Said erzählt, wie die IS-Kämpfer zunächst Männer und männ­liche Jugend­liche ab fünfzehn Jahren auf die Felder ausser­halb des Dorfs ver­schleppten und einen nach dem anderen er­schossen. «Wir wussten, was geschah. Doch wir wollten es nicht glauben, dass alle Männer umge­bracht worden waren. Ich habe auch ein Jahr später immer noch gehofft, dass sie irgendwo in Gefangen­schaft sind. Manche hoffen das noch heute, obwohl wir mittler­weile die sterb­lichen Über­reste der Hinge­richteten aus den Massen­gräbern ausge­graben haben.»

Said verlor im Massaker von Kocho seinen Vater, fünf Onkel, beide Gross­eltern – auch ältere Frauen wurden erschossen und manch­mal noch lebendig begraben – alle seine Cousins und seinen besten Freund, der gleich alt gewesen war als er, aber vom IS als «erwachsener Mann» einge­stuft und hinge­richtet worden war. «Sie haben uns Kinder unter­sucht, ob wir Haare haben und somit als Männer galten. Ich wurde auch kontrolliert, dann aber frei­gelassen. Es war reines Glück: Mein bester Freund ist jetzt tot, weil er erwachsener aus­sah als ich.»

Erst verkauften die IS-Kämpfer nur die unver­heirateten Frauen in Mosul als Sklavinnen, Frauen mit Kindern ver­schonten sie. Saids Mutter, sein kleiner Bruder, eine schwangere Tante und die Tanten, die auch Mütter waren, über­lebten. Said wurde von seiner Mutter getrennt und mit anderen Kindern nach Tel Afar trans­portiert, eine Stadt 52 Kilometer östlich von Şengal und erneut in eine um­funktio­nierte Schule gebracht. «Es war ein Gefäng­nis für Ezid:innen», so Said. «Dort trafen wir die­jenigen, die aus anderen Dörfern Şengals ent­führt worden und bereits seit elf Tagen einge­sperrt waren. In diesem Moment haben wir realisiert, dass dies im voraus geplant und orchestriert worden sein muss. Wir waren mindestens fünfzehn Kinder in einem Zimmer, Tag und Nacht. Abends haben uns die IS-­Anhänger Koran­unterricht erteilt, sie wollten uns zum Islam bekehren.»

Später durften die gefangenen Kinder zu ihren Ange­hörigen zurück­kehren, sie lebten unter strenger Über­wachung des IS in Tel Afar. «Wir konnten uns ein leeres Haus aus­suchen. Der grösste Teil der Bevöl­kerung von Tel Afar war geflohen, die Stadt ver­lassen», erzählt Said. «Wir wussten nicht, wie lange wir in Tel Afar bleiben würden. Stunden, Tage, Monate, Jahre? Wir hatten keine Ahnung.»

Tags­über musste Said an die Tech­nische Univer­sität in Mosul, die der IS in eine islamis­tische Schule umge­wandelt hatte: «Wir sollten zu Mudschaheddin ausge­bildet werden und befanden uns in­mitten von Männern, die nichts anderes im Sinn hatten, als zu töten. Wir mussten lernen, wie man einen Menschen um­bringt. Wir hatten Angst, zeigten uns aber motiviert und machten mit. Denn wir waren ge­zwungen, eine Rolle zu spielen, um an diesem Ort über­leben zu können.» Das «Training» bestand daraus, Videos von IS-­Kämpfern zu studieren, die Menschen ab­schlachteten. «Wir mussten uns das alles an­sehen. Erst war es grauen­haft, aber irgend­wann wurde es normal. Trotz­dem habe ich meiner Mutter einmal gesagt, dass ich das nicht mehr aus­halte. Diese Schule war die Hölle, ich wollte nicht mehr hin.» Die Lehrer, sie nannten sich Scheichs, waren aus Jordanien und Ägypten, ein anderer kam, wie Said vermutet, aus Saudi-­Arabien. «Unter diesen Lehrern gab es nicht einmal einen Iraker.»

Die meisten IS-­Anhänger hin­gegen stammten aus dem Irak, vor allem aus Mosul, es gab aber auch inter­nationale Kämpfer: «Unter uns war einer aus Russ­land», erzählt Said, «er sprach kein Wort Arabisch. Er setzte sich einfach zu uns und wollte mit­machen. Viele inter­nationale Kämpfer, die sich Daesh, dem IS, freiwillig an­schlossen, hatten sogar vor, in ihren Rängen Karriere zu machen. Sie waren die Schlimmsten.» Erst nach acht Monaten gelang Said, seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder mit­hilfe eines Schmugglers die Flucht nach Dohuk in die auto­nome Region Kurdistan. Nach einem Jahr wurden sie in das Sonder­kontingent in Deutsch­land (siehe An­merkung unten) aufge­nommen.

Geschichte einer an­dauernden Ver­folgung

Der Begriff «Genozid» wurde 1944 vom polnischen Juristen Raphael Lemkin als Reaktion auf den Holocaust und den Völker­mord an den Armeniern während des Ersten Welt­kriegs geprägt. Die UN-­Konvention zur Ver­hütung und Bestrafung des Völker­mords von 1948, heute von über 150 Staaten ratifiziert, definiert Genozid als die absicht­liche Ver­nichtung einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe – sei es durch Tötung, schwere körper­liche oder seelische Schäden, un­mensch­liche Lebens­bedingungen, Geburten­verhinderung oder die gewalt­same Tren­nung von Eltern und Kindern. Obwohl die juristische Auf­arbeitung eines Genozids lücken­haft bleibt, und viele Täter weiterhin auf freiem Fuss sind, ist die offizielle Aner­kennung eines Genozids entscheidend für die Über­lebenden. Sie trägt zur Erinnerungs­kultur bei und schafft Sicht­bar­keit, er­möglicht Straf­verfolgung vor inter­nationalen Gerichten und schützt vor Relati­vierung oder Leug­nung. Denn die Über­lebenden eines Genozids, so auch jene in der ezidischen Diaspora, leiden bis heute an immensen physischen und psychischen Folgen.

Der 3. August 2014 gilt unter Ezid:innen als der 74. «Ferman». Dieser osmanisch-­türkische Begriff bezeichnet die Dekrete der osma­nischen Herrscher gegen die Minder­heiten ihres Reichs und wird von Ezid:innen ver­wendet, um die Massaker zu benennen, die sie im Laufe der Geschichte er­litten haben. Die zyklische Er­fahrung von Gewalt spielt eine zentrale Rolle in ihrem kollek­tiven Gedächt­nis. Während die Osmanen mit den Massakern an der Gemein­schaft darauf ab­zielten, die Kontrolle über die öst­lichen Provinzen aufrecht­zuerhalten, recht­fertigten sie die An­wen­dung von Gewalt per se religiös. In mehreren osma­nischen Archiv­dokumenten werden die Ezid:innen als «Ungläubige», «Apostaten» oder auch «Ketzer» beschrieben.

Das Regime von Saddam Hussein in Irak (1979 bis 2003) ver­folgte eine ähn­liche Strategie: Die Ezid:innen wurden zusammen mit Kurd:innen, Turkmen:innen und Schabak:innen, eine ethno-­religiöse Gruppe im Norden des Irak, Ziel einer Aktion, mit der eine voll­ständige «Arabi­sierung» des Landes erreicht werden sollte. Die Baath-­Partei unter Saddam Hussein beab­sichtigte, den arabischen Charak­ter des Irak zu stärken, insbesondere durch Zwangs­um­sied­lungen der nicht-­arabischen Bevöl­kerung. So wurden die Ezid:innen ab den 1970er Jahren aus ihrem ur­sprüng­lichen Siedlungs­gebiet im Şengal-­Gebirge ver­trieben und in weit entfernte, eigens zur Zwangs­um­sied­lung errichtete Dörfer deportiert. Damit ver­loren die Ezid:innen ihre Ressourcen und primäre Erwerbs­arbeit in der Vieh­zucht und Land­wirtschaft, die vom Zugang zu Wasser in den Bergen abhing. Der Genozid von 2014 ist somit Aus­druck einer Konti­nuität in einer Geschichte von Gewalt gegen­über der ezidischen Gemein­schaft; doch sind die Ereig­nisse von 2014 auch eine Zäsur: Im Gegen­satz zum osma­nischen Kontext zeugt dieses jüngste Massaker von der Absicht, die Ezid:innen als Gruppe zu ver­nichten und ihre Präsenz in Şengal auszu­löschen.

Orientierungs­losigkeit und Neu­anfang im Exil

Heute liegt Kocho grössten­teils in Trümmern, das Trauma der Ereignisse ist immer noch präsent. Im Gegen­satz zu Zedan, ist Said mehr­mals in den Irak zurück­gekehrt. Das erste Mal 2019, als in Kocho die ersten Massen­gräber ausge­graben werden sollten. «Ich wollte unbedingt dabei sein. Es war schön, die Leute wieder zu sehen, die den Genozid über­lebt haben. 2021 bin noch­mals mit meiner Mutter in den Irak geflogen, weil die Gräber, in denen wir die Über­reste meines Vaters, meines Gross­vaters und meiner Onkel ver­muteten, ge­öffnet wurden. Man fand die Über­reste meines Vaters. Ich habe sie mit meinen eigenen Händen begraben.»

In Kocho erinnert ein neuer Fried­hof an die Opfer des Massakers. Viele Gräber sind jedoch noch leer, da die Dorf­gemein­schaft darauf wartet, dass alle Über­reste ihrer Ange­hörigen ex­humiert und identi­fiziert werden. Said macht sich jedoch keine Illusionen darüber, dass Ezid:innen in Şengal jemals Gerechtig­keit zuteil wird. «Dass sich die irakische Regierung für uns interessiert, kann man ver­gessen. Das zeigt nur schon, dass wir unsere Familien­mitglieder erst nach sieben Jahren in unseren Fried­höfen bei­setzen durften.»

In der ezidischen Diaspora in Deutsch­land, mit 300’000 Menschen die grösste Diaspora­gemeinde welt­weit, herrscht weit­gehend eine ver­bitterte Stimmung, sagt Said. Am meisten ent­täuscht ihn die Asyl­politik Deutsch­lands und die Tat­sache, dass der Völker­mord an den Ezid:innen und seine offizielle Aner­kennung bislang keinen Unter­schied in der Auf­nahme von Ezid:innen bewirkt hat. Das werde von vielen als «bitteren Affront» empfunden. «In Şengal hat sich die Situation kaum ver­bessert, das Miss­trauen gegen­über der arabischen Bevöl­kerung ist nach wie vor gross. Wir haben deshalb alles auf eine Karte gesetzt und unser gesamtes Leben zurück­gelassen, um hier einen Neu­anfang zu wagen.»

Den geflüch­teten Ezid:innen fehle es an Zukunfts­aussichten, viele befänden sich erneut in einer Phase grosser Orientierungs­losigkeit. «Der Wille zum Neu­start stösst oft an seine Grenzen, weil die Politik ihre Ver­antwortung nicht in dem erfor­der­lichen Mass wahr­nimmt und die not­wendigen Unterstützungs­strukturen bereit­stellt», meint Said. «Ezid:innen in Deutsch­land brauchen raschen Zugang zu kultur­sensiblen Deutsch­-Intensiv­kursen, Trauma­therapie, kosten­freier Rechts­beratung in Asyl- und Aufenthalts­sachen sowie eine schnelle Aner­kennung ihrer im Irak erwor­benen beruf­lichen Qualifi­kationen.» Denn oft werden Ezid:innen, die nach 2014 nach Deutsch­land gekommen sind, mit ezidischen Gast­arbeiter:innen der 1960er und 70er Jahre ver­glichen – eine Erwartungs­haltung, die die not­wendige Zeit zur Integra­tion ausser Acht lässt. Denn Politik und Ver­waltung legen bei allen Migrant:­innen ähnliche Integrations- und Arbeits­markt-­Indika­toren an, zum Beispiel sprach­licher Fort­schritt, beruf­liche Etablie­rung oder soziale Teil­habe, unab­hängig von deren tatsäch­lichen Auf­enthalts­dauer. Das ist irre­führend. «So entsteht der Ein­druck, die Ezid:innen hätten schon viel erreicht», erklärt Said.

Dennoch ver­suchen die Ezid:innen, sich in Deutsch­land Stück für Stück ein neues Leben zu erobern. Zedan hat zwar die Gescheh­nisse noch nicht verar­beiten können, arbeitet inzwischen jedoch als Journalist und ist als solcher für seine Gemein­schaft engagiert. Dank dieser Tätig­keit hat er seinen Frieden wieder gefunden und fühlt sich seiner Heimat nahe. Die Situation der Ezid:innen aus Şengal in Deutsch­land erachtet er als stabil. Das politische System und die Bürokratie wären anfangs unge­wohnt, doch hätten sich die meisten gut ange­passt. Einige haben eigene Unter­nehmen gegründet oder kleine Geschäfte eröffnet. Gleich­zeitig aber, moniert Zedan, bleibe ihre Geschichte in der deutschen Öffentlich­keit weit­gehend unsicht­bar. Trotz der offiziellen Aner­kennung des Genozids durch den Bundes­tag im Jahr 2023 werden sie noch immer eher als «Ausländer:innen» wahr­ge­nommen und weniger als eine Gemein­schaft, die in ihrer Geschichte mehrere Ver­folgungen und einen Genozid über­lebt haben. «Nach dem Genozid flohen wir nach Deutsch­land, um unser Leben zu retten», sagt Zedan. «Doch auch jene, die für den Völker­mord verant­wort­lich waren, kamen hier­her. Sowohl die Täter wie auch die Über­lebenden wurden mit derselben Offen­heit empfangen.»

Diese Gleich­behandlung stellt im Alltag eine Bedrohung für die Ezid:innen dar. Doch weil sie wissen, dass sie in dieser Demokratie geschützt sind und in Freiheit leben können, sind viele motiviert, zu einem festen Teil der Gesell­schaft zu werden. Zumal sie in Deutsch­land neue Chancen haben, wie etwa der Zugang zu Hoch­schulen und Aus­bildungen. In Şengal selbst hatte es keine vergleich­baren Möglich­keiten gegeben.

Said studiert heute Bau­ingenieur­wesen an der TU Berlin. Auch er ist daran, seinen Platz in Deutsch­land zu finden.

*Zum Schutz des Protagonisten wurde sein Name geändert.

Das Sonder­kontingent in Deutsch­land

Das soge­nannte Sonder­kontingent umfasste 1000 besonders vulnerable Frauen und Kinder, die nach Deutsch­land geholt und auf ver­schiedene Kommunen in Baden-­Württemberg ver­teilt wurden. In Nordrhein-­Westfalen gab es 2023 einen Abschiebe­stopp für Ezid:innen, doch der wurde in­zwischen aufge­hoben. Ein befristeter Abschiebe­stopp für Frauen und Minder­jährige jesidischen Glaubens gilt derzeit unter anderem noch in Thüringen und Rheinland-­Pfalz. Grund­sätzlich aber werden Ezid:innen wie alle anderen ausländischen Schutz­suchenden be­handelt und sehen sich im Fall abge­lehnter Asyl­anträge den­selben Ab­schiebungs­verfahren aus­gesetzt. Gemäss des «Spiegels» wurden in den ersten Monaten des Jahres 2024 665 Asyl­anträge von Ezid:innen mit irakischem Pass abge­lehnt, was einem Anteil von 56 Prozent ent­spricht.

Bio

Nora Togni studierte Kunst­geschichte und Geschichte an der Universität Basel. Nachdem sie als wissen­schaftliche Mitarbeiterin für mehrere Forschungs­projekte im Bereich der Provenienz­forschung arbeitete, besuchte sie den Master­studiengang Mittlerer Osten am Global Studies Institute der Universität Genf. Die Recherchen für ihre Master­arbeit über den Genozid der Ezid:innen führte sie nach Deutsch­land, wo sie mehrere Über­lebende des Genozids inter­viewt hat. Im Zentrum ihrer Arbeit standen die Fragen, wie Gewalt und Genozid im historischen Kontext der MENA-­Region als politisches Instrument ver­wendet wurden und wie die jahr­zehnte­lange Ver­folgung der Ezid:innen den Boden für die Gräuel­taten des «Islamischen Staats» bereitete. Zudem ging es ihr darum, zu ergründen, warum die Aner­kennung des Genozids für die Über­lebendens wichtig ist, und was es für die ezidische Gemein­schaft bedeutet, die bereits eine lange Geschichte der Ver­folgung kennt, einen Genozid erlitten zu haben. Derzeit ist sie am Aargauer Kunst­haus im Bereich Sammlungs­management tätig.

Weiterführende Literatur

  • Cheterian V., ISIS Genocide against the Yazidis and Mass Violence in the Middle East, British Journal of Middle Eastern Studies, vol. 48, Nr. 4, août 2021, p. 629–641.
  • Fuccaro N., The Other Kurds: Yazidis in Colonial Iraq, London: I. B. Tauris, 1999.
  • Gölbaşi E., Turning the Heretics’ into Loyal Muslim Subjects: Imperial Anxieties, the Politics of Religious Conversion, and the Yezidis in the Hamidian Era, in: The Muslim world, (vol. 103/1), 2013, p. 3–23.
  • Kartal C., Deutsche Yeziden. Geschichte, Gegenwart, Prognosen, Marburg: Tectum Verlag, 2016.
  • Tagay S. & Ortaç S., Die Eziden und das Ezidentum. Geschichte und Gegenwart einer vom Untergang bedrohten Religion, Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg: Hamburg, 2016.
  • Tezcür G. M. (éd), Kurds and Yezidis in the Middle East: Shifting Identities, Borders and the Experience of Minority Communities, London: I.B. Tauris, 2021.
  • Togni N., Shengal: une histoire sans fin. Le génocide des Yézidis et la perpétuation de la violence politique en Irak et au MoyenOrient, Mémoire de recherche présenté pour l’obtention de la Maîtrise universitaire Moyen Orient par Nora Togni. Rédigé sous la direction de Vicken Cheterian, juré: Ozcan Yilmaz, Genève, août 2023. URL: https://www.unige.ch/gsi/application/files/9717/2647/6231/Togni.pdf
  • Wettich T., Erkundungen im religiösen Raum: Verortungen religiöser Transformationsprozesse der yezidischen Gemeinschaft in Niedersachsen, Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 2020.

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