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Metapher für Frei­heit, Emanzi­pation und Unab­hängig­keit: «Land­schaft» in der zeit­genössischen marok­ka­nischen Literatur

Im Rahmen der eco­criticism werden Natur und Natur­verständnis verschie­dener litera­rischer Tradi­tio­nen und Litera­turen unter­sucht. Auch Litera­turen der MENA-­Region. Anhand von drei realis­tisch erzähl­ten Romanen aus Marokko wird be­leuchtet, wie Land­schaft und Natur mit Hilfe der Öko­kritik analy­siert werden können.

Peter Dové02. Mai 2025

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Autorin Laylā Abū Zayd bei einer Lesung aus ihrem Roman Ām al-Fīl, Das Jahr des Elefanten, in Fes, 2015.© Donata Kinzelbach. Mit freundlicher Genehmigung des Kinzelbach Verlags.

In vielen Texten der zeit­genö­s­sischen marok­ka­nischen Litera­tur, sowohl in arabischer als auch in fran­zö­sischer Sprache, finden sich «schöne» Land­schaften. Diese Landschafts­räume sind in mehr­facher Hin­sicht interessant: Zum einen handelt es sich häufig um Räume, in denen die litera­rischen Figuren ein anderes, «besseres» und glück­licheres Leben er­fahren können. Es sind Räume, die eine per­sön­liche Ent­faltung und ein inten­siveres, er­füllteres Da­sein er­mög­lichen. Ein Da­sein, das frei ist von ein­engenden gesell­schaft­lichen Kon­ven­tionen, und das ge­prägt ist von einem be­hut­samen und respekt­vollen Um­gang mit der natür­lichen Um­welt. Im An­schluss an den Romanist Uwe Dethloff können diese Landschafts­räume als «utopische Inten­tion» ver­standen werden. Utopie wird hier aber nicht als Dar­stellung einer idealen, ge­schlos­senen, «phan­tas­tischen» Gesell­schaft – im Sinne des Genres des uto­pischen Romans – ver­standen. Das uto­pische Moment liegt in der Er­zählung alter­nativer persön­licher und gesell­schaft­licher Lebens­weisen, die poten­tiell reali­sier­bar sind. So wird in den Texten eine Kritik an der gegen­wärtigen Gesell­schaft for­muliert, gleich­zeitig werden Per­spek­tiven auf­gezeigt, die auf eine Ver­besserung der – persön­lichen, sozialen – Situation der je­weiligen Figu­ren oder Gesell­schaften ab­zielen.

Die Landschafts­beschreibungen können jedoch auch als Positio­nierungen inner­halb der Debatten um den politisch-­kulturellen Charakter der natio­nalen Iden­tität Marokkos gelesen werden. So wird Land­schaft etwa als Metapher für ein arabisch-­islamisch definier­tes Marokko kon­struiert oder dient als Au­druck der amazigh, der ­Berber-­Kultur, und damit als ein politisch-­kultureller Gegen­diskurs zur arabisch-­islamischen Iden­tität. Zudem sind diese «schönen» Landschafts­darstellungen über solche «vorder­gründigen» poli­tischen Aspekte hinaus eine «Sicht­bar­machung» von Natur und skizzieren Ideal­vor­stellungen der­selben. Der Begriff «Land­schaft» ist in diesem Sinne besonders aufschluss­reich: Ver­steht man ihn – im An­schluss an franzö­sische Landschafts­theoretiker – als eine auf kul­turell spezi­fische und damit auch auf eine poten­ziell unter­schied­liche Weise kon­struierte Natur, so kann eine Unter­suchung von «Land­schaft» Auf­schluss geben über das Natur­verständnis einer Gesell­schaft und ihr Ver­hältnis zur natür­lichen Umwelt.

Ecocriticism

Geistes­wissen­schaft­liche Analysen von Natur und Natur­verständnis an­hand von litera­rischen Texten, werden im Rahmen der eco­criticism, der Öko­kritik, seit einiger Zeit für verschie­dene litera­rische Tradi­tio­nen und Litera­turen unter­nommen, aber erst seit relativ kurzer Zeit für die Litera­turen der MENA-­Region. Es ist dies ein Forschungs­kontext, in den sich auch mein Beitrag ein­schreibt.

Der ökolo­gische Um­gang mit der natür­lichen Um­welt gehört zu den grossen Heraus­forderungen unserer Zeit. Die hier vor­ge­stellten Texte sind nun aber nicht in einem aktivis­tischen Sinne öko­logisch enga­gierte Texte, auch wenn Sorge und Ver­ant­wortung für die natür­liche Um­welt durchaus positive Werte sind, die in diesen Texten ver­treten werden. Die Texte sind beson­ders aus einer spezifisch öko­kritischen Per­spek­tive interessant. Denn sie formu­lieren – wenn auch mehr­heitlich implizit – Lebens­weisen und Hal­tungen für einen acht­samen Um­gang mit Natur.

Die Aus­einander­setzung damit ist in einer sich immer stärker globali­sierenden Welt wichtig, da ein frucht­barer Dialog über funda­mentale Begriffe wie Natur und Umwelt über­haupt erst mög­lich werden kann, wenn es gelingt, mit unter­schied­lichen, auch kultu­rellen Voraus­setzungen anderer Gesell­schaften ver­traut zu sein.

Im Zentrum des Bei­trags stehen drei realis­tisch er­zählte Romane, anhand derer verschie­dene Aspekte von Land­schaft und Natur in der marok­ka­nischen Litera­tur be­handelt werden können: Ām al-Fīl (Das Jahr des Elefan­ten, 1984) von Laylā Abū Zayd und Ni fleurs ni couronnes (2000) von Souad Bahéchar sowie die Er­zählung Il était une fois un vieux couple heureux (2002, post­hum er­schienen) von Mohammed Khaïr-Eddine.

Ām al-Fīl, Das Jahr des Elefan­ten, von Laylā Abū Zayd

Im Roman Ām al-Fīl sind die schönen Land­schaften ein Garten und eine kulti­vierte, blühende Agrar­land­schaft. Dieser Garten ist ein Raum, in dem die weib­liche Haupt­figur ihrer Kind­heit Frei­heit und glück­liche Momente voller be­zaubernder Sinnes­eindrücke erleben durfte. Zudem wird Land­schaft meta­phorisch ein­gesetzt, um Marokko emble­matisch als islamisch-­arabisches Land zu charak­terisieren und – durch die Dar­stellung einer «ver­welkten», desolaten Land­schaft – die Des­illusio­nierung nach Erlang­ung der Un­abhängig­keit Marokkos zu versinn­bildlichen.

Laylā Abū Zayd wurde 1950 in einem Dorf im Mittleren Atlas geboren. Sie studierte in Rabat und in London Journa­lismus und arbeitete an­schliessend auf diesem Beruf. Sie war nicht nur für Zeitungen und Zeit­schriften tätig, sondern auch für das Radio und die Staats­verwaltung.

Das Jahr des Elefanten ist ihr erster Roman und einer der aller­ersten von einer Frau auf Arabisch ver­fassten litera­rischen Texte, die in Marokko er­schienen sind. Der Roman war ein grosser Erfolg in Marokko und gehört zum Lehr­plan an marok­ka­nischen Schulen. Laylā Abū Zayd ver­öffent­lichte an­schliessend weitere Romane und Kurz­geschichten­bände.

Laylā Abū Zayd ist perfekt drei­sprachig; sie hat aus­gezeich­nete Kennt­nisse in Arabisch, Englisch und Französisch, hat sich aber ganz bewusst für das Arabische als ihre Literatur­sprache ent­schieden. Marok­ka­nische Autor­innen und Autoren, die mehrere Sprachen als Literatur­sprache be­herrschen, sind selten; ent­scheidend für fun­dierte, ins­besondere auch schrift­liche Kompe­tenzen in einer Sprache – haupt­sächlich Arabisch oder Französisch – ist in der Regel die Wahl einer franko­phonen oder arabisch­sprachigen Schule; eine Wahl, die meist von den Eltern getroffen wird.

Der Roman Ām al-Fīl spielt einige Jahre nach der Un­abhängig­keit Marokkos und erzählt die Geschichte von Zahra, einer Frau aus einfachen Ver­hält­nissen, die von ihrem Mann ver­stossen wurde, weil er an seiner Sekre­tärin Gefallen ge­funden hatte. Zahra ist nach dieser Scheidung quasi mittel­los. Alles, was ihr bleibt, ist eine Geschiedenen-­Pension für hundert Tage und ein ge­erbtes Zimmer im Haus ihres ver­stor­benen Vaters in einer kleinen Stadt im Mittleren Atlas, wohin sie sich nun not­gedrungen zurück­zieht. Das Leben in ihrem Heimat­ort ist schwierig und einsam, alle ihre Ange­hörigen und Ver­wandten sind weg­gezogen oder ver­storben. Zu ihrer Bezugs­person wird schliess­lich ein Sufi-­Scheich, den sie noch aus ihrer Kind­heit kennt, und der ihr durch Gespräche aus der Krise hilft. Am Ende des Romans fasst Zahra neuen Mut und ist ent­schlossen, nie mehr von jeman­dem ab­hängig zu sein. Zahra reist nach Casablanca, wo sie eine Stelle findet und ein neues Leben beginnt.

Im Rahmen dieser Haupt­handlung werden in Rück­blenden Szenen aus dem bewaff­neten Wider­stand gegen die franzö­sische Protektorats­macht, wie auch aus Zahras freier, glück­licher Kind­heit erzählt. Es sind diese Erinne­rungen, die Zahra die er­littene Un­gerechtig­keit und ihre Abhängig­keit vor Augen führen, und sie in ihrem Ent­schluss be­stärken, auto­nom zu werden.

Koran­sure 105 «Der Elefant»

Marokko erlangte 1956 die Un­abhängig­keit, nach Jahren auch des gewalt­samen Kampfes. Zahra hatte an bewaff­neten Aktionen teil­genommen, trans­por­tierte etwa heim­lich Waffen für die Kämpfer im Unter­grund. Im Roman wird kriti­siert, dass all diese «kleinen» Helfer­innen und Helfer um ihre Ver­dienste für die Un­abhängig­keit betrogen worden seien. Nicht umsonst ver­weist der Titel des Romans, Das Jahr des Elefanten, auf die Koran­sure 105 «Der Elefant». Die Sure erzählt die Schlacht um Mekka im Geburts­jahr des Propheten, die der jemeni­tische König Abraha unter anderem deshalb verlor, weil Vogel­schwärme die feind­lichen Truppen mit Steinen be­warfen und deren Soldaten töteten. Durch diesen inter­textuellen Ver­weis wird der Bei­trag zur Un­abhängig­keit, den «kleine Leute» wie Zahra ge­leistet haben, die wie die Vögel in der Sure kleine «Stein­chen» ge­worfen hatten, durch den Titel des Romans hervor­gehoben. Zudem werden ihre An­sprüche religiös legiti­miert: Zahras Bitter­keit ist gross, wenn sie sich ihren Ein­satz für die Un­abhängig­keit Marokkos in Erin­ne­rung ruft und ihre einstigen Hoff­nungen mit ihrer aktuellen mittel- und macht­losen Situa­tion ver­gleicht. Sie fühlt sich, wie viele andere, durch korrupte Profiteure um ihre Ver­dienste und die ent­sprechende Aner­kennung gebracht.

Die «land­schaft­liche» Bild­sprache des Romans ist in diesem Zusammen­hang bezeichnend. Zu Beginn wird Zahras Rück­kehr in ihr Heimat­ort, eine stark land­wirtschaft­lich geprägte Klein­stadt, erzählt. Zahra beklagt den Ver­fall der einst grünen­den (Agrar)Land­schaft. So sind die Wasser­quellen ver­siegt, die Frucht­kulturen und sogar die Oliven­bäume ver­schwun­den. Explizite Ver­gleiche zur Situation der Nation vor und nach der Un­abhängig­keit werden gezogen: die blühenden Hoff­nungen, die mit der Un­abhängig­keit ver­bunden waren, sind grau­kalter Tristesse ge­wichen. Die Land­schaft wird zur Metapher für Marokko.

Zahra vergleicht diese einst frucht­bare Land­schaft ihres Heimat­orts mit den pracht­vollen Land­schaften des musli­mischen Andalusiens. Durch die Gleich­setzung der emble­matischen «marok­ka­nischen» Land­schaft ihrer Heimat mit der anda­lusischen, wird Marokko in die arabisch-­islamische Geschichte ein­ge­schrieben und somit als arabisch-­islamische Nation defi­niert; eine für den marok­ka­nischen Natio­nalis­mus durch­aus charak­teris­tische Ver­bin­dung von Islam und arabischer Kultur.

Die Unabhängig­keit der Frau und die post­koloniale Nation

Ein zweiter Strang von Rück­blenden zeigt Szenen aus Zahras Kind­heit. Es ist allem voran die Rede von der Frei­heit, die Zahra als Mädchen genossen hat. Die sinn­lichen Erleb­nisse im Garten des Gross­vaters nehmen dabei einen grossen Teil dieser Erin­ne­rungen ein: die Düfte, das sprudelnde Wasser, die Farben, das Grün und die Pflanzen im Früh­ling. Auch in der Be­schreibung dieses Gartens wird das islamische Andalusien evoziert. So finden sich in der Garten­beschreibung Elemente der arabisch-­andalusischen Poesie, die konstitutiv sind für die ideal­typische Land­schaft der anda­lusischen Dichtung, so wie es die Arabistin Brigitte Foulon in ihrer Arbeit zu Landschafts­darstellung in der arabischen anda­lusischen Poesie analy­siert hat: Etwa das aquatische Element, die Farben Grün und Blau, der Vogel­gesang, eine wohl­riechende Brise oder der er­frischende Schatten. Es ist die Erin­ne­rung an ihre freie Kind­heit, an diese «andere» Zahra, die Zahra in ihrer Ent­scheidung bestärkt, als Frau un­abhängig zu leben. Diese Erin­ne­rungen haben für sie eine identitäts­stiftende Funk­tion.

In den Landschafts- und Garten­beschreibungen konver­gieren die beiden thema­tischen Stränge des Romans. Die Un­abhängig­keit der Frau wird ver­bunden – wie in so manchen post­kolonialen Romanen – mit der Ent­wicklung der post­kolonialen Nation: Das Schick­sal, ganz beson­ders aber die Neu­definition der Rolle der Frau, können nicht los­gelöst werden vom Schick­sal und dem Auf­bau der un­ab­hängigen Nation.

All diese Landschafts- und Garten­beschreibungen ver­weisen jedoch auf ein einziges, ideales Modell: den kora­nischen Paradies­garten. Durch die Evo­kation der anda­lusischen Ideal­land­schaft, ist der kora­nische Paradies Garten im Roman das Ur­bild, der «Kern» für die schönen Gärten und Garten-­Landschaften. Die persön­lichen Lebens­entwürfe und das natio­nale Projekt, die im Garten er­lebt oder durch den Garten ver­körpert werden, finden darin ihre moralisch-­spirituelle Grund­lage und Recht­fertigung sowie auch die Werte und Hal­tungen im Um­gang mit Natur.

Der Prozess zu einem un­ab­hängigen Leben, den Zahra durch­läuft, voll­zieht sich nicht nur auf­grund der Hilfe des Sufi-­Scheichs inner­halb einer arabisch-­islamischen Tradi­tion. Er wird auch durch die mora­lisch spiri­tuelle Garten­metaphorik religiös fun­diert und in diese Tradition ein­ge­bunden. Dieser Aspekt wurde in der Forschungs­literatur zu diesem Roman wieder­holt dis­kutiert: Kann Ām al-Fīl noch als feminis­tischer Text charak­terisiert werden, da die Emanzi­pation der Frau inner­halb eines patriar­chalen Systems, wie Religion, er­langt wird, das die Autorin im Roman positiv dar­stellt und nicht grund­sätz­lich in Frage stellt? Laylā Abū Zayd vertritt anti­koloniale Posi­tionen und grenzt sich deut­lich von west­lichen Ein­flüssen ab. So hat sie denn auch – im Nach­wort zur englischen Über­setzung ihres Romans Das letzte Kapitel – geschrieben, dass sie eher eine post­koloniale Les­art ihres Romans akzeptiert habe als eine feminis­tische, die sie als redu­zierend, gar ab­wertend empfand. Sie merkte aber an, dass je stärker sie mit feminis­tischer Kritik und Theorie ver­traut ge­worden sei, desto mehr habe sie fest­gestellt, dass sich eine feminis­tische Lektüre durch­aus auch auf ihren Text an­wenden liesse. Sie habe ihren Text jedoch nicht bewusst emanzi­patorisch aus­legen, sondern ei­nfach über ihre Erfah­rungen als musli­mische Frau in Marokko schreiben wollen.

Ni fleurs ni couronnes, von Souad Bahéchar

Knapp zwanzig Jahre nach Ām al-Fīl erschien der Roman Ni fleurs ni couronnes von Souad Bahéchar. Er erzählt in mancher­lei Hin­sicht eine ver­gleich­bare Geschichte wie Ām al-Fīl, wenn auch anders akzentu­iert und kon­textuali­siert. Der Roman handelt von der Ent­wicklung einer weib­lichen Haupt­figur, Chouhayra, zu persön­licher und gesell­schaft­licher Sou­veränität und Un­ab­hängig­keit, jen­seits der Zwänge der Stammes­gesellschaft, der sie ent­stammt. Auch in Ni fleurs ni couronnes ist Land­schaft ein «Paradies­garten», kein «ge­zähmter», son­dern ein wildes, un­kultiviertes «Paradies», in dem Chouhayra, die als Klein­kind von ihrem Stamm ver­stossen wurde, am Rande der Gesell­schaft auf­wächst. Es ist diese «natürliche», «wilde» und «ur­sprüngliche» Sozia­lisa­tion, die es Chouhayra er­möglicht, zu einer selbst­bestimmten, un­ab­hängigen Person zu werden.

Souad Bahéchar wurde 1953 in Casablanca geboren; studierte in Frank­reich Kunst­geschichte und Archäo­logie und arbeitete nach ihrer Rück­kehr nach Marokko als Kura­torin und frei­schaffende Autorin. Ni fleurs ni couronnes ist ihr erster Roman und wurde mit Grand Prix Atlas, der vom Service Culturel de l’Ambassade de France ver­liehen wird, aus­ge­zeichnet. Es folgte noch ein weiterer Roman, Le concert des cloches (2005).

Der Roman setzt ein mit dem natür­lichen Tod von Madame Chouhayri. Madame Chouhayri kam als Fremde in das Dorf der Mramda, einem Stamm, der an der Nord­küste Marokkos lebt. Sie kaufte den Mramda den hinteren Ab­hang des Hügels ab, auf dem die Mramda ihren Obst­garten kulti­vier­ten. Madame Chouhayri liess den Garten ver­wildern, weil sie dort das Paradies, wie es im Roman explizit heisst, wieder­erschaffen wollte, und sie bot kranken und ver­letzten Tieren, für die die Mramda keine Ver­wendung mehr hatten, eine Heim­statt und pflegte sie. Nach dem Tod von Madame Chouhayri nehmen sich die Mramda das Land – illegaler­weise – zurück.

Chouhayra wird genau zu diesem Zeit­punkt geboren, ihr Vater tauft sie auf den Namen Chouhayra, eine «Versöhnungs­geste». Doch der Name wird der Kleinen zum Ver­hängnis: Da er an ihr Ver­gehen an Madame Chouhayra erinnert, wird das Mädchen von den Dorf­bewohnern ge­mieden und ver­stossen.

Chouhayra lebt «wild» am Rande der Gesell­schaft der Mramda, unter anderem auf jenem Hügel, auf dem Madame Chouhayri das Paradies neu er­schaffen wollte, und in den Ställen. Sie imitiert die Tiere und lernt von ihnen. Chouhayra ver­bringt ihre Kindheits­jahre als eine Art Wolfs­kind. Erst als Jugend­liche wird sie dank den Be­mühungen eines Dorf­lehrers zumindest wieder teil­weise in die Dorf­gesellschaft integriert, sie ent­wickelt sich zu einer schönen und intelligen­ten jungen Frau. Sie ver­liebt sich in den Hirten­jungen Hachem. Die beiden schlafen mit­einander, werden aber dabei er­tappt. Chouhayra wird schwer be­straft: die Frauen der Mramda ver­sengen ihr das Geschlecht. Noch in der Nacht fliehen die beiden zusammen nach Tanger.

In Tanger trennt sie sich von Hachem, als sie er­kennt, dass dieser sich vom homo­sexuellen Herrn Doulabi aus­halten lässt. Im Verlauf der Erzäh­lung wird es Chouhayra in dieser Stadt je­doch gelingen, sich ein – kosmo­politisches – Um­feld und eine Familie aufzu­bauen. Sie wird quasi adoptiert von Luigi, der ein italienisches Restau­rant führt, und es ihr schliess­lich ver­erbt. Zudem lernt sie den Foto­grafen Najib kennen und lieben. Sie gründen zusammen eine Art patch-work Familie: Amna, eine in Frank­reich aufge­wachsene Tochter marok­ka­nischer Emigran­ten, die in Marokko zwangs­verheiratet werden soll, findet Zu­flucht bei Chouhayra und Najib.

Sozialisation ausser­halb der Stammes­normen in der «para­diesischen» Natur

Chouhayra ist eine Frau, die es schafft, sich von den seelischen und kör­per­lichen Ver­letzungen zu heilen. Sie wird als integre Figur charak­terisiert, die sich weigert, sich in irgend­einer Form zu ver­kaufen und korrum­pieren zu lassen. Wieder­holt wird auf ihre Ver­bunden­heit mit dem para­die­sischen Hügel ver­wiesen. Es ist diese Soziali­sation ausser­halb der Stammes­normen, in der «para­die­sischen» Natur, die es ihr er­möglicht, eine un­ab­hängige Persön­lich­keit zu ent­wickeln und – wie es im Roman heisst – die «Archaismen zu über­winden».

Chouhayra, wie auch ihre Namens­geberin, Madame Chouhayri, pflegen einen respekt­vollen, empa­thischen Um­gang mit den Tieren. Beide haben eine Sensi­bilität für die Schön­heiten der Natur ent­wickelt – ganz im Gegen­satz zu dem Profit­denken der Mramda, das im Roman ver­urteilt wird. Die schöne Natur ist in diesem Roman zwar eine ver­wilderte Natur, sie ist jedoch ein­deutig als para­die­sischer Garten kon­notiert. Damit wird auch die Figur Chouhayra und ihre weitere Ent­wicklung, die ja ihren Ur­sprung in diesem Paradies-­Garten hat, positiv bewertet. Wichtig für Chouhayras Ent­wicklung sind aber nicht nur Natur, sondern auch Kultur: die Lektio­nen des Schul­meisters im Dorf der Mramda sowie die Er­fahrungen, die sie im kosmo­politischen Tanger macht. Es ist also kein «rousseaueskes» Menschen­bild, das der Roman ver­tritt.

Zudem wird Chouhayra als Personi­fikation eines «anderen» Marokkos gezeichnet. Hält man sich ihre Ent­wicklung und ins­besondere das happy-end des Romans vor Augen, wird Marokko Ni fleurs ni couronnes als kulturell «offene», mediterrane Nation ver­standen.

Il était une fois un vieux couple heureux, von Mohammed Khaïr-Eddine

Der Landschafts­raum ist in dieser kurzen Erzählung ein Tal im Süden Marokkos; eine Region, die stark von der Kultur der amazigh geprägt ist. Die durch die Moderne aus­gelösten Ver­änderungen im Tal und in der Lebens­weise seiner Bewohner werden im Text durch­aus skeptisch – auch in einer ökolo­gischen Perspektive – kommentiert. Zentral für diesen Text ist jedoch eine sinn­liche, ästhetische Freude an Land­schaft und Natur sowie ein bewusster, rück­sichts­voller Um­gang mit der Kulti­vierung der natürlichen Um­welt des Tals. Gleich­zeitig werden Kultur und Lebens­weise der amazigh dar­gestellt und affirmiert.

Der Autor Mohammed Khaïr-Eddine wird 1941 im Süden Marokkos, in Tafraout, geboren; den Gross­teil seiner Kind­heit und Jugend ver­bringt er in Casablanca. Der marok­ka­nische Süden bleibt aber in seinem gesam­ten Werk ein poli­tischer und kultu­reller Referenz­punkt sowie – besonders in den letzten Texten – ein Sehnsuchts­ort.

Khaïr-Eddine lebt von 1965 bis 1980, zu einem grossen Teil während der années de plomb, einer Zeit harscher, brutaler Re­pression in Marokko, im franzö­sischen Exil, vor allem in Paris. In den achtziger Jahren kehrt er in sein Heimat­land zurück, das er jedoch später erneut ver­lässt, abermals nach Frank­reich. Seine letzten Jahre ver­bringt er wieder in Marokko, wo er 1995 in Rabat an den Folgen einer Krebs­erkrankung verstirbt.

Khaïr-Eddines seit den sechziger Jahren ver­fasste Texte sind von einer «experi­men­tellen» Schreib­weise ge­prägt, einer guerilla linguistique. Sie sind aggressiv-­revolutionär in dem Sinne, als sie sich gegen die litera­rischen Kon­ven­tionen der franzö­sischen wie auch der damals aktuellen marok­ka­nischen Litera­tur wendeten, um nicht nur litera­rische, sondern auch gesell­schaft­liche Struk­turen aufzu­brechen und soziale Verän­derungen herbei­zu­führen. Die achtziger Jahre mar­kieren dann eine Zäsur in seinem litera­rischen Schaffen; die Erzähl­weise der Texte wird «konven­tioneller». Es sind realis­tische Texte, die wieder Geschichten er­zählen und von einem Engage­ment für seine Kultur, die Kultur der amazigh, und deren An­er­kennung geprägt sind.

Ich werde hier auf Il était une fois un vieux couple heureux ein­gehen, den letzten, noch zu Leb­zeiten voll­endeten Text von Khaïr-Eddine, der aber erst post­hum er­schienenen ist. Khaïr-Eddine hat ihn während seiner Krebs­erkrankung ge­schrieben und erst zwei Monate vor seinem Tod be­endet. In diesem Text hat er sich, wie er es in seinem Tage­buch fest­hält, von den Schmerzen der Krank­heit in ein anderes Leben weg­geträumt.

Realistisch, beinahe doku­men­tarisch

Il était une fois un vieux couple heureux erzählt vom ver­gangenen Leben eines alten Paares. Der Text be­ginnt mit der Be­schreibung der Ruinen ihres Hauses, um dann mit der Schil­derung ihres Lebens fort­zu­fahren. Das Paar lebt kinder­los – nach der Un­ab­hängig­keit Marokkos – in einem Dorf in einem Tal im marok­ka­nischen Süden. Beschrieben wird das täg­liche Leben des Paares im Rhyth­mus der Jahres­zeiten, immer wieder unter­brochen von langen Gesprächen der beiden über all­tägliche Dinge wie das Essen und die Haus­tiere oder über die Geschichte ihres Landes, besonders des Südens, und die Ver­änderungen, die die Moderne in das Tal und das Leben seiner Bewohner bringt. So wird letzt­lich auch eine ganze Region mit ihrer länd­lichen Kultur und ihrer Geschichte gezeichnet.

Das Lebens­zentrum des alten Paares aber ist ihr Haus und ihr kleiner Garten, vor allem aber die Terrasse ihres Hauses, auf der sie viel Zeit ver­bringen, ihre Mahl­zeiten ein­nehmen, sich er­freuen an der Natur, den Pflanzen, an ihren Haus­tieren, den Vögeln und am stern­hellen Nacht­himmel. Die Land­schaft in Il était une fois un vieux couple heureux wirkt realis­tisch, bis­weilen bei­nahe doku­men­tarisch: So werden Flora und Fauna mit natur­wissen­schaf­tlichen Begriffen benannt und auf­gezählt. Land­schaft und die Objekte in ihr sind konkret, greif- und verfüg­bar. Die Land­schaft steht für sich und kann nicht alle­gorisch aufge­löst werden. Ins Zentrum rückt die un­mittel­bare Wahr­nehmung der Land­schaft durch das Paar; erzählt wird ihre sinnliche und ästhetische Er­fahrung des Konkreten. Bouchaïb, ein gläubiger Muslim, lobt Gott, der es ihm erlaubt, all diese Momente des Friedens mit seiner Frau und den Wesen, die er liebt – seine Katze und sein Esel – erleben zu dürfen.

Es ist eine «para­die­sische» Existenz, das das alte Paar haben durfte; ein Leben, das aber auch als ver­gangene «Idylle» be­stimmt wird. Davon zeugen die Be­schreibung der Ruinen ihres ver­fallenden Hauses zu Beginn der Er­zählung. Auch hier ist die schöne Land­schaft haupt­sächlich eine kulti­vierte Land­schaft: Der Autor unter­scheidet dabei zwischen einem «Drinnen», das die Terrasse des alten Paares, den Garten und die Haus­tiere um­fasst, und ein «Draussen», das auch von jagenden und damit tötenden Raub­tieren belebt ist.

Der Text ist in mehr­facher Hin­sicht poli­tisch: Bouchaïb schreibt Poesie in amazigh, womit er seine sprach­liche und kultu­relle Tradi­tion geltend macht. Da­durch kann der ganze Text als Affir­mation der Kultur und Lebens­weise der amazigh – zumindest so, wie Khaïr-Eddine sie versteht – gelesen werden – was durch­aus ein Gegen­entwurf ist zu der hege­monialen und mon­olithischen arabisch-­islamisch Konzep­tion Marokkos, wie sie etwa Laylā Abū Zayd in ihrem Roman for­muliert.

Die traditio­nell ge­prägte, länd­liche Lebens­weise des alten Paares wird – auch wenn es augen­zwinkernd die eine oder andere moderne An­nehm­lich­keit in sein Alltag­sleben inte­griert – als eine positive Gegen­kultur zum ent­frem­denden, zer­störe­rischen Leben in der modernen Stadt inszeniert; der Text formu­liert damit eine Modernisierungs­kritik, die auch eine öko­logische Kompo­nente ent­hält. Interessant in diesem Zusammen­hang ist die Hal­tung des alten Paares der Nahrung und der Nahrungs­produktion gegen­über. So schätzen die beiden aus geschmacklich-­qualitativen Gründen die traditio­nelle Zubereitungs­art der Mahl­zeiten – ins­­besondere in tönernen und nicht in industriell herge­stellten Ge­fässen – sowie die alther­gebrachte «Produktion» des Fleisches. Sie ziehen das Fleisch von er­jagten Tieren dem industriell erzeugten Fleisch vor.

«Paradie­sische Palimpseste»

Die schönen, «utopischen» Landschafts­räume in den vor­ge­stellten Texten sind Gärten oder Garten-­Land­schaften, also Kultur­land. Die Beziehung der Menschen zur natür­lichen Um­welt in diesen Räumen ist ge­prägt von Respekt, einem sorg­samen Um­gang und Empathie; es sind Rückzugs­orte und Orte der emotio­nalen und sinn­lichen Wahr­nehmung von natür­licher Schön­heit.

Was sich in diesen Texten hin­gegen nicht findet, ist eine für die roman­tische Tradition west­licher Litera­turen charak­teris­tische Faszi­nation für wilde, erhabene Berg­land­schaften oder für das un­bändige Meer. Viel­mehr ver­weisen alle diese schönen Gärten oder Garten-­Landschaften auf einen paradie­sischen Ur­sprung (an dem die Welt auch neu ge­schaffen werden kann) und er­zählen von der Sehn­sucht nach einem Para­dies. Es ist dieser Paradies-­Topos, der den Garten- und Landschafts­beschreibungen zu Grunde liegt und das Natur­verständnis sowie die ästhe­tischen und ethischen Dimen­sionen von Natur­wahr­nehmung formt – und damit auch die Hal­tung gegen­über der natür­lichen Um­welt bestimmt.

Bio

Peter Dové studierte Arabistik in Aix-en-Provence und Göttingen und promovierte 2003 an der Universität Bern zur modernen syrischen Literatur. 2010 publizierte er im Rahmen eines Projektes des Schweize­rischen National­fonds eine Mono­graphie zur Land­schaft in der zeit­genössischen arabischen und franko­phonen marok­ka­nischen Litera­tur. Seit 2012 ist er Lehr­beauftrager für moderne arabische Litera­tur an der Universität Genf. Seine Forschungs­schwer­punkte sind moderne arabische Litera­tur, Narrato­logie, Inter­textualität, Satire, Phantastik/­Groteske sowie Natur/­Landschaft

Primärliteratur

  • Abū Zayd, Laylā: Ām al-Fīl. Rabat 1984. (Deutsche Übersetzung: Abouzeid, Leila: Eine Verstossene geht ihren Weg. Mainz 2005.)
  • Bahéchar, Souad: Ni fleurs ni couronnes. Casablanca 2000. (Deutsche Übersetzung: Bahéchar, Souad: Wüstenkind. München 2003.)
  • Khaïr-Eddine, Mohammed: Il était une fois un vieux couple heureux. Paris 2002. (Deutsche Übersetzung: Khaïr-Eddine, Mohammed: Es war einmal ein glückliches Paar. Mainz 2004.)

Weiterführende Literatur

  • Berque, Augustin: La pensée paysagère. Paris 2008.
  • Burckhardt, Lucius: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft. (Hrsg. Von Markus Ritter und Martin Schmitz). Kassel 2006.
  • Collot, Michel: Paysage et poésie du romantisme à nos jours. Paris 2005.
  • Dethloff, Uwe: Literatur und Natur. Literatur und Utopie. Beiträge zur Landschaftsdarstellung und zum utopischen Denken in der französischen Literatur. Tübingen 2005.
  • Dové, Peter: Landschaft und Utopie. Studien zur erzählten Natur in der arabophonen und frankophonen Literatur Marokkos.Wiesbaden 2010.
  • Foulon, Brigitte: La poésie andalouse du XIe siècle. Voir et décrire le paysage - Etude du recueil d'Ibn afāa. Paris 2011.
  • Hall, Michael: Leila Abouzeid’s Year of the Elephant: A post-colonial Reading. In: Women: A Cultural Review 6/1 (1995), 67-79.
  • Kirchhoff, Thomas/Trepl, Ludwig (Hrsg.): Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ökologie als kulturgeschichtliche Phänomene. Bielefeld 2009.

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