Die Rassifizierung muslimischer Männer durch die Konstruktion «schlechter Männlichkeit»
In der Schweiz stellen bestimmte Diskurse muslimische Männer als das Gegenteil einer modernen und egalitären Männlichkeit dar. Indem sie muslimische Männer mit Sexismus, Gewalt oder Homophobie in Verbindung bringen, tragen sie zu deren Rassifizierung bei und stellen ihre vollwertige Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft in Frage.

«Muslimische Frauen werden als Personen wahrgenommen, die befreit werden müssen, während die Männer eher als gefährlich gesehen werden. Also passe ich auf, wie ich mich anziehe, wie ich mich präsentiere. Ich versuche, nicht als migrantischer Mann gesehen zu werden», erzählt Ody, ein 26-jähriger Student, den ich am 2. März 2026 in der Romandie befragt habe.
Seine Äusserung deckt sich mit den Erfahrungen anderer Männer im Rahmen meiner Dissertation. Diese verbindet kritische Analysen politischer und medialer Diskurse mit Interviews, die ich mit Männern zwischen 20 und 35 Jahren geführt habe, die in der Romandie leben, sich als Muslime identifizieren und ein Studium absolvieren oder absolviert haben. Meine Forschung befasst sich sowohl mit der Art und Weise, wie diese Männer ihre Männlichkeit definieren und leben, als auch mit den von ihnen angewandten Strategien, mit welchen sie stereotype Darstellungen verhandeln, vermeiden oder anfechten, die muslimische Männer mit Figuren der Gewalt, des Sexismus oder der Homophobie in Verbindung bringen.
Solche Stereotypen betreffen allerdings eine Gruppe, die weit davon entfernt ist, homogen zu sein. Tatsächlich machen Personen muslimischen Glaubens gemäss dem Bundesamt für Statistik ungefähr 6% der Schweizer Bevölkerung aus. Ihre Migrationsverläufe, ihre nationalen Zugehörigkeiten und ihre religiösen Praktiken sind äusserst divers (Schneuwly Purdie und Tunger-Zanetti, 2025). Diese Diversität wird in bestimmten öffentlichen Diskursen jedoch häufig zugunsten eines essentialistischen Bildes von Islam und Muslim:innen ausgeblendet.
Diese homogenisierende Sicht, mit der meine Interviewpartner in ihrem Alltag – sei es in ihrem Studium, an ihrem Arbeitsplatz oder in ihren sozialen Beziehungen – regelmässig konfrontiert werden, wird in der Schweiz ausserdem durch gewisse politische Diskurse zur Laizität und zur Geschlechtergleichstellung genährt. Wenn diese – durchaus legitimen – Grundsätze in einer selektiven Art und Weise in den Debatten zu Islam mobilisiert werden, können sie zu Ausschlussmechanismen beitragen.
Um zu verstehen, wie a priori konsensuelle Werte zu Instrumenten des Ausschlusses werden können, muss man sich mit einem heimtückischen Prozess befassen: der Rassifizierung; also der Art und Weise, wie gewisse Gruppen mit bestimmten, als natürlich dargestellten Merkmalen in Verbindung gebracht werden, obwohl diese sozial konstruiert sind, und zwar so sehr, dass sie als grundlegend anders wahrgenommen werden. In diesem Zusammenhang werden als muslimisch gelesene Menschen, das heisst Menschen, die aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens oder aufgrund tatsächlicher oder vermeintlicher religiöser Symbole als solche bestimmt werden, nicht mehr nur anhand einer religiösen Zugehörigkeit definiert. Sie werden häufig als homogene Gruppe konstruiert, der als problematisch dargestellte Eigenschaften zugeschrieben werden, insbesondere in Bezug auf Gender und Sexualität. In diesem Artikel untersuche ich also, wie bestimmte Diskurse die Geschlechtergleichstellung und die Laizität mobilisieren, um muslimische Männer als männliches Gegenmodell zu konstruieren und sie zu Figuren der Andersartigkeit zu machen.
Wenn die Gleichstellung zur Grenze wird
Gemäss den Männern, die ich befragt habe, tauchen immer wieder dieselben Bilder auf, die oft ins Karikaturhafte abgleiten, wenn es um den Islam geht. «Das Kopftuch, zum Beispiel; es wird behauptet, dass es sich zwangsläufig um ein Instrument zur Unterdrückung von Frauen handelt, dass sie keine Wahl haben», erklärt Samy, ein 21-jähriger Student, den ich am 26. März 2026 in der Romandie befragt habe. Um diese festgefahrene Meinung zu untermauern, hört er oft das Argument, dass «die Frauen im Iran dafür kämpfen, es [das Kopftuch] ablegen zu können. Also sollte das hier nicht erlaubt sein». Er bestreitet nicht, dass manche Frauen dazu gezwungen werden können, das Kopftuch zu tragen, aber die Tatsache, dass «diese Minderheit dargestellt wird, als sei sie die Regel», ärgert ihn. Seine Äusserung beleuchtet einen wiederkehrenden Mechanismus, bei dem spezifische Situationen auf alle Personen verallgemeinert werden, die als muslimisch gelesen werden. Die grosse Vielfalt religiöser und kultureller Praktiken und Erfahrungen wird dadurch auf einen homogenen Block reduziert, der angeblich unvereinbar ist mit Werten wie der Geschlechtergleichstellung und der Laizität.
In diesem Sinn können diese Ideale als politische Instrumente genutzt werden, um eine Grenze zwischen den Personen zu ziehen, die als vollständig in die Gesellschaft integriert gelten, und «den Anderen». Das Laizitätsgesetz, das 2019 im Kanton Genf verabschiedet wurde, bietet ein anschauliches Beispiel für diese Instrumentalisierung. Im Rahmen der Debatten im Vorfeld der Abstimmung behauptete Pierre Gautier, damals Abgeordneter der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP.Die Liberalen) im Grossen Rat des Kantons Genf, dass die Gegner:innen dieses Gesetzes durch «Sexisten, Homophobe und Dunkelmänner» manipuliert worden seien.1
Eine solche Aussage beschränkt sich nicht darauf, einen politischen Standpunkt zu verteidigen. Sie disqualifiziert die Gegner:innen, indem sie diese als moralisch illegitim darstellt. Fragen von Gender und Sexualität dienen hier dazu, die Grenzen der Nation zu ziehen (Jaunait, Le Renard und Marteu, 2013), indem zwischen Personen unterschieden wird, die als vollwertige Bürger:innen gelten, und solchen, deren Zugehörigkeit angezweifelt wird. In den Debatten zu Islam nehmen die Figuren des Sexisten, des Homophoben und des Dunkelmanns oftmals die Gestalt des muslimischen Mannes an, ohne dass dies immer explizit gemacht wird. Er wird somit auf eine Figur der Andersartigkeit reduziert, die als unvereinbar mit den nationalen Normen der Gleichstellung und der Modernität dargestellt wird. Genau durch diesen Prozess wird eine rassifizierte Männlichkeit hergestellt.
Die Herstellung eines «anderen» Männlichen
Dieser Mechanismus bleibt nicht auf die politischen Debatten beschränkt. Er findet sich auch in alltäglichen Interaktionen wieder. Ody erzählt mir von einem kürzlichen Erlebnis. Als eine Freundin ihrem Grossvater von ihm erzählt, ist dessen Reaktion unmittelbar: «Er ist aber nicht Muslim? Ich hoffe, er hat dir nicht gesagt, du sollst ein Kopftuch tragen!». Ody erinnert sich noch gut an die Verlegenheit seiner Freundin, die sich für eine Bemerkung entschuldigen musste, die die muslimische Identität sofort mit der Kontrolle über Frauen in Verbindung brachte.
Um diese Art der Assoziation zu verstehen, muss man sich damit befassen, wie Männlichkeitsbilder gesellschaftlich konstruiert werden. Wie die auf Gender- und Männlichkeitsforschung spezialisierte Soziologin Raewyn Connell (2005) zeigt, nehmen nicht alle Männlichkeiten dieselbe soziale Position in Anspruch. Die hegemoniale Männlichkeit, verstanden als das sozial dominante Modell der Männlichkeit, das dazu beiträgt, die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern aufrechtzuerhalten (Cornell, 2005), wird im Schweizer Kontext heute oft dargestellt als vereinbar mit Geschlechtergleichstellung, Toleranz und Respekt sexueller Rechte. Diese Werte sind zu zentralen Markern einer demokratischen Gesellschaft geworden (Jaunait, Le Renard et Marteu, 2013; Fassin, 2006). Auch wenn diese Ideale nicht notwendigerweise vollständig realisiert sind, trägt diese diskursive Inszenierung dazu bei, deren Gegenteil zu konstruieren: die Figur einer «schlechten Männlichkeit», die in bestimmten politischen Diskursen häufig mit muslimischen Männern in Verbindung gebracht wird.
Das Kopftuch ausschliesslich als ein Symbol der Unterwerfung der Frauen zu verstehen, das diesen von den Männern vorgeschrieben wird, ist Ausdruck einer homogenen und starren Auffassung der Geschlechterverhältnisse im Islam, die teilweise aus der Kolonialzeit stammt. Diese Sichtweise ist nämlich Teil eines umfassenderen Prozesses, durch welchen sich die als Okzident bezeichnete Welt teilweise in Abgrenzung zu einem imaginierten Bild des «Orients» (Saïd, 1978) konstruiert hat. «Der Islam» wurde dabei als ein Marker der Andersartigkeit dargestellt, insbesondere vor dem Hintergrund von Fragen von Gender und Sexualität (Clancy Smith, 2005). Ende des 19. Jahrhunderts stellten die europäischen Mächte ihre koloniale Herrschaft über die kolonialisierten Gesellschaften als «zivilisatorische Mission» dar, indem sie den Harem oder das Kopftuch heranzogen, um muslimische Frauen als Opfer darzustellen, die es zu befreien galt, und muslimische Gesellschaften als intrinsisch patriarchal (Bessis, 2014). Gleichzeitig wurden muslimische Männer widersprüchlich gezeichnet: Sie wurden einerseits als hyperviril, gewalttätig und sexuell bedrohlich dargestellt, und andererseits durch eine pathologisierende Interpretation der Homosozialität als abweichend von den in den Kolonialgesellschaften vorherrschenden heteronormativen Normen (Clancy Smith, 2006; Bouyahia, 2011). Trotz dieser offensichtlichen Widersprüchen folgen die beiden Modalitäten einer ähnlichen Logik, die darauf abzielt, muslimische Männlichkeit als abweichende Männlichkeit darzustellen und damit die koloniale Ordnung zu legitimieren.
Wie das oben genannte Beispiel verdeutlich, trägt auch die selektive und verkürzte Bezugnahme auf internationale Zusammenhänge zur Konstruktion dieser vorurteilsbehafteten Sichtweise bei. So wird die Situation in Ländern wie dem Iran, wo das Tragen des Kopftuchs Frauen vorgeschrieben wird, oft herangezogen, um restriktive Masnahmen in der Schweiz im Namen der Geschlechtergleichstellung zu rechtfertigen. Diese Logik trägt dazu bei, muslimische Männer intrinsisch als Unterdrücker darzustellen. Sie werden daher nicht mehr nur als potenziell sexistisch betrachtet, sondern als Verkörperung des Sexismus selbst. Die Rassifizierung transformiert so soziale Beziehungen wie der Sexismus oder die Homophobie in vermeintlich kulturelle oder gar rassische Merkmale. In dieser Perspektive wird die Laizität als eine Voraussetzung für die Emanzipation der Frauen charakterisiert und «der Islam» als deren Gegenspieler. Diese Gegenüberstellung, scheinbar offensichtlich, verdeckt jedoch komplexere Realitäten, insbesondere geschlechtsspezifische Gewalt, das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern oder auch die ungleiche Verteilung der unbezahlten Haus- und Familien-Arbeit, die auch in sogenannten gleichberechtigten Gesellschaften weiterhin bestehen.2
Sogenannt «importierte» Gewalt
Das Bild des muslimischen Mannes als einer problematischen Figur beschränkt sich nicht auf das eines Mannes, der angeblich Frauen unterdrückt. Es wird zusätzlich begleitet durch eine weiter gefasste Verbindung zu geschlechtsspezifischer Gewalt. Wie es Samy zusammenfasst: «Man sagt, der muslimische Mann ist gewalttätiger als der nicht-muslimische Mann». Bestimmte politische Diskurse machen diese Darstellung besonders deutlich. Das gilt beispielsweise für ein von Melissa Gerber am 13. Juni 2019 verfasstes Flugblatt, damals Präsidentin der Jungen SVP Fribourg (Schweizerische Volkspartei, eine rechtspopulistische Partei). Das Dokument beschwört «importierte Gewalt» und schreibt Handlungen wie sexuelle Übergriffe, Zwangsheirat oder weibliche Genitalverstümmelung «nicht-integrierten» Männern zu.
Das Datum dieses Flugblattes ist nicht unbedeutend. Am Vorabend des feministischen Streiks vom 14. Juni 2019 veröffentlicht, bei dem sexualisierte Gewalt zu den wichtigsten Mobilisierungsthemen zählten, zeigt das Flugblatt, wie legitime feministische Anliegen von nationalistischen und immigrationsfeindlichen Strömungen vereinnahmt werden können (Farris, 2017; Khazaei, 2022). Hier wird sexualisierte Gewalt nicht mehr als übergreifendes gesellschaftliches Problem betrachtet, sondern als ein Merkmal spezifischer Gruppen, die kulturellen, ethnischen und religiösen Kategorien zugeordnet werden.
Diese Art von Diskurs führt eine doppelte Bewegung aus. Einerseits verbindet er Islam, Migration und insbesondere muslimische Männer mit Gewalt und dem Patriarchat. Andererseits konstruiert er die Schweizer Gesellschaft implizit als einen gleichberechtigten Raum, in dem solche Gewalttaten von aussen kommen, marginal sind oder importiert werden. Indem diese Diskurse sexualisierte Gewalt in ein «Anderswo» verlagern und sie Bevölkerungsgruppen zuschreiben, die als fremd wahrgenommen werden, verstärken sie die Rassifizierung. Bestimmte Gruppen werden so als intrinsisch gewalttätig dargestellt, während das Bild einer vermeintlich egalitären nationalen Gesellschaft aufrechterhalten wird. Diese Verlagerung trägt im Gegenzug dazu bei, den strukturellen Charakter sexualisierter Gewalt zu verschleiern, die auch die Schweizer Gesellschaft durchdringt.
Ganz reale Auswirkungen
Angesichts dieser Zuschreibungen sagt Ody, dass er seine Art, sich zu präsentieren, manchmal anpasst. Wie er am Anfang dieses Artikels erklärt, achtet er auf seine Kleidung und das Bild, das er vermittelt, um nicht mit der Figur des gefährlichen und unterdrückerischen muslimischen Mannes in Verbindung gebracht zu werden. Aber er beschreibt auch eine Widerstandshaltung: «Ich habe aufgehört, eine Rechtfertigungshaltung einzunehmen, denn das ist eine unterlegene Haltung». Durch seine Weigerung, sich zu rechtfertigen, stellt er die Vorstellung selbst in Frage, dass er ständig sein Bekenntnis zu bestimmten Werten unter Beweis stellen müsse, um als legitimer Bürger anerkannt zu werden. Diese Ambivalenz zeigt, dass der Prozess der Rassifizierung sehr reale Zwänge produziert, ohne den Betroffenen jedoch ihre Handlungsfähigkeit zu nehmen. Je nach Kontext können Individuen somit ihre Art der Selbstpräsentation anpassen, um bestimmte Zuschreibungen zu vermeiden, Rechtfertigungen verweigern, auf Ironie und Sarkasmus zurückgreifen, um Stereotypen zu destabilisieren oder sich dafür entscheiden, ihnen keine Bedeutung zuzumessen.
Darüber hinaus tragen diese Darstellungen dazu bei, die Konturen der nationalen Gemeinschaft neu zu definieren. Durch die Konstruktion einer rassifizierten Figur des muslimischen Mannes, der als grundsätzlich unvereinbar mit den Normen der Gleichstellung und der Modernität dargestellt wird, zielen diese Darstellungen darauf ab, ihn symbolisch aus der Nation auszuschliessen. Wie Samy unterstreicht, «das betrifft nicht nur die Männer, sondern die Muslime allgemein, die angesichts der gesellschaftlichen Probleme zu Sündenböcken geworden sind». Dieser Rassifizierungsprozess geht somit über die reine Figur des muslimischen Mannes hinaus. Indem muslimische Männer als unvereinbar mit der Geschlechtergleichstellung dargestellt werden, tragen diese Darstellungen allgemein dazu bei, den Islam zu rassifizieren und ihn als etwas Fremdes darzustellen, das ausserhalb der schweizerischen nationalen Zugehörigkeit steht.
Die Originaalfassung dieses Textes ist auf Französisch. Er wurde von Noemi Trucco ins Deutsche übersetzt.
[1] Pierre Gautier, im Original in Französisch, zitiert in: Laure Lugon Zugravu « L’islam au cœur du débat sur la laïcité », Le Temps, 14. Februar 2018.
[2] In der Schweiz bestehen in vielen Bereichen nach wie vor geschlechtsspezifische Ungleichheiten. Im Jahr 2022 verdienten Frauen im Durchschnitt 16,2% weniger als Männer und übernahmen im Jahr 2024 einen grösseren Anteil der unbezahlten Haus- und Familienarbeit (Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann, Zahlen und Fakten zur Gleichstellung, 2026). Polizeistatistiken zeigen zudem, dass die wegen Straftaten gegen die sexuelle Integrität Beschuldigten überwiegend Männer sind (Bundesamt für Statistik, Sexualisierte Gewalt: Beschuldigte nach Geschlecht, 2025). Diese Zahlen beziehen sich jedoch auf registrierte Fälle, und die Forschung betont, dass sexualisierte Gewalt nach wie vor in grossem Umfang nicht angezeigt wird.
Bio
Bibliographie
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