Jahrestagung 2026:Mosaik der Moderne - Siegfried Kracauers Ästhetische Theorie der Populärkultur
12.–14. März 2026 — Université de Lausanne
Internationale Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturtheorie und Semiotik SGKS / Association Suisse de Sémiotique et de Théorie de la Culture, in Kooperation mit der Section d'allemand.
Organisation: Hans-Georg von Arburg (hg.vonarburg@unil.ch), David Brehm (david.brehm@uni-marburg.de), Irmtraud Hnilica (irmtraud.hnilica@uni-mannheim.de), Lotta Ruppenthal (lotta.ruppenthal@uni-marburg.de)
Der deutsch-jüdische Autor, Journalist, Architekt und Soziologe Siegfried Kracauer (1889-1966) gehört zu den wegweisenden Kulturtheoretikern der Moderne. Kracauer war
überzeugt davon, dass sich das Signalement einer Kultur an ihren unbewussten
Oberflächenerscheinungen zuverlässiger ablesen ließ als aus ihren bewussten
Statements. Das bevorzugte Terrain für den physiognomischen Kulturtheoretiker
waren die boomenden Vergnügungsorte und die populären Medien seiner Zeit. Er
durchstreifte sie zuerst in den Zehner- und Zwanzigerjahren in Frankfurt und
Berlin, danach in den Dreißigerjahren als Emigrant in Paris und schließlich in
den Vierziger- bis Sechzigerjahren in New York. Kracauers hellsichtigen
Bestandsaufnahmen reichen vom Eishockeyspektakel bis zur Eisenbahnlektüre, von
der Illustrierten bis zur Industrieausstellung, von der Lichtreklame bis zum
Lunapark, vom Premierenkino bis zur Pläsierkaserne und von der Weinklause bis
zum Warenhaus. Mit virtuoser Feder für die Tagespresse geschrieben, rücken
Kracauers Feuilletons die angesagten Ausflugsziele der gehobenen Schichten und
die billigen Erbauungslektüren der Angestellten ebenso in den Blick wie die
vergilbten Zeitschriftenbände, mit denen die Abgebauten und Arbeitslosen in den
Wärmehallen abgespeist wurden. Diese hohe Kunst des literarisch-philosophischen
Feuilletons rückt den Kulturkritiker Kracauer in die Nähe seines Freundes
Theodor W. Adorno. Ob Kracauer ähnlich wie Adorno die von ihm kritisierte
Populärkultur im Grunde verachtet oder ob er sich ähnlich wie sein anderer
Freund Ernst Bloch zum Komplizen des kollektiven Kitsches macht (wie Walter
Benjamin erkannt hatte), gehört zu den offenen Fragen, über die bei der Tagung
zu diskutieren sein wird.
Das erkenntnistheoretische Modell für Kracauers Ästhetische Theorie des Populären
ist das Mosaik. In einer Schlüsselstelle seines soziologischen Berichts
über Die Angestellten von 1930 grenzt Kracauer dieses
methodische Ideal ab vom fotografischen Abbildungsrealismus der neusachlichen
Reportage: «Hundert Berichte aus einer Fabrik lassen sich nicht zur
Wirklichkeit der Fabrik addieren, sondern bleiben bis in alle Ewigkeit hundert
Fabrikansichten. Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion. Gewiß muß das Leben
beobachtet werden, damit sie erstehe. Keineswegs jedoch ist sie in der mehr
oder minder zufälligen Beobachtungsfolge der Reportage enthalten, vielmehr
steckt sie einzig und allein in dem Mosaik, das aus den einzelnen Beobachtungen
auf Grund der Erkenntnis ihres Gehalts zusammengestiftet wird. Die Reportage
photographiert das Leben; ein solches Mosaik wäre sein Bild.»
Dieses Mosaik der Moderne Kracauers soll auf der Jahrestagung der SGKS /ASSH text- und materialnah rekonstruiert und kritisch weiterdiskutiert werden. Das Programm orientiert sich an folgenden Leitfragen: In welchem Verhältnis stehen Begriffs- und Beobachtungsarbeit bei Kracauer? An welchen populären Gegenständen und Szenen entzünden sich welche theoretischen Optionen? Welche realen und idealen Eigenschaften schreibt Kracauer den besprochenen Gegenständen zu? Wie macht er sie sowohl textintern für seine Feuilletons, als auch textextern für die gesellschaftspolitische
Analyse und Aktion fruchtbar? Von welchen konkreten Schreib-, Redaktions-, und
Lektürepraktiken der Tageszeitung werden Kracauers Texte nicht nur informiert,
sondern auch formatiert? Welche Verkettungen ergeben sich zwischen seinen
feuilletonistischen Texten und wie interagieren diese Textkonstellationen mit
ihren Kontexten? Wie setzt Kracauer die Artefakte der Unterhaltungskultur in
Beziehung zur Hochkultur’, so dass sich beide wechselseitig kritisch erhellen?
Im Fluchtpunkt dieser Fragen steht das übergeordnete Erkenntnisinteresse, wie
aktuell Kracauers Ästhetische Theorie des Populären heute noch ist und wie
relevant die von ihm entworfene Methode des Mosaiks für das Verständnis der
spätmodernen Mediengesellschaft werden könnte. Das Konzeptpapier finden
Sie hier.
Kontakt:
Prof. Dr. Hans-Georg von Arburg
Université de Lausanne
Section d'allemand
Anthropole 4066
CH-1015 Lausanne
hg.vonarburg(at)unil.ch