Notstandszenarien und Dringlichkeitsgefühle zwischen literarischen Diskursen und intermedialen Praktiken (Jahrestagung 2026)
19.–20. November 2026 — Université de Lausanne
Ausschreibung
Notstandszenarien sind am Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts allgegenwärtig: sei es in ökologischen, gesellschaftlichen, demokratie- oder gesundheitspolitischen Zusammenhängen. Sie verlangen per se nach außerordentlichen Reaktionsweisen sowohl hinsichtlich ihrer zeitlichen Fristen als auch ihres massenhaften Auftretens. Diese potenzierte Dringlichkeit bringt Notstände fast notwendigerweise mit anderen Zwängen in Konflikt, weshalb jeder Notstand, der ja nicht für jedermann gleichermaßen evident ist, in der Regel stark polarisiert. Im Namen eines Handlungsnotstandes müssen Entscheidungen außerhalb der üblichen Prozesse getroffen werden, was sowohl bei Einzelnen als auch bei ganzen Gruppen heftigen Widerstand hervorrufen muss; schließlich wird alles, was die notstandmäßige Dringlichkeit nicht ernst nimmt, als fahrlässig oder gar kriminell desavouiert. In diesem polarisierten Handlungsspielraum werden einerseits flammende Aufrufe laut, man müsse verabsolutierte Werte wie die Privatsphäre, die Demokratie, marginalisierte Bevölkerungsgruppen, die Gesundheit oder die Artenvielfalt schützen. Andererseits entwickelt sich eine Rhetorik, die diese Dringlichkeit nachdrücklich relativiert, die sich ihr gegenüber gleichgültig gibt oder die sie gänzlich leugnet. Dringlichkeitsappelle haben also radikal divergierende Auswirkungen auf Individuen und Kollektive: Unruhe, Panik, Niedergeschlagenheit, Demobilisierung, Rückzug etc. auf der einen Seite; Engagement, Initiative, Aktivismus usw. auf der anderen. Notstandsverordnungen rufen sowohl Zustimmung und Gehorsam hervor als auch Widerstand und Protest.
Der Gedanke an eine bevorstehende oder bereits eingetretene Katastrophe wirkt auf die künstlerische Imagination besonders attraktiv. Einige Literatur- und Kunstschaffende eignen sich ihn affirmativ an und verbinden damit mitunter geschichtsphilosophische Hoffnungen, etwa die Anhänger des so genannten Akzelerationismus in den 1990er Jahren (Ordonneau 2022: 248-249). Andere versuchen, die Katastrophe mit allen Mitteln zu verhindern, indem sie sich entweder direkt aktivistisch engagieren oder aber poetische Szenarien ersinnen, um die Vorstellungskraft des Publikums zu aktivieren und dadurch eine Art indirekten Katastrophenschutz zu betreiben (vgl. am Beispiel der Ökokrisen Cavallin 2021). Für viele Akteure auf dem Gebiet der Literatur und der visuellen und performativen Künste stellt die Bewältigung einer Katastrophe allerdings weder die einzige noch die wichtigste Dringlichkeit dar: es geht ihnen mindestens ebenso sehr um positive Vorbilder und um die Hoffnungs- und Utopiefähigkeit der Menschheit. Andere wiederum entscheiden sich je nach Gegenstand der Dringlichkeit für einen radikalen Rückzug: Sie versuchen entweder Beschleunigungsdynamiken zu verlangsamen oder betonen gerade die Dringlichkeit der Langsamkeit, indem sie auf die Notwendigkeit kritischer Langzeiträume pochen, um sich dem emotionalen Wahnsinn einer rasenden Gegenwart entgegenzustellen. Werden sie »veröffentlicht« (Bionda, Demont und Zbaeren 2021) und erweitert, können auch solche Dringlichkeiten zur poetischen, ja politischen Intervention führen.
Die Notstandszenarien und Dringlichkeitsgefühle, denen wir gegenwärtig mehr denn ja ausgesetzt zu sein scheinen, sind unweigerlich medial vermittelt, indem sie stets von Diskursen, Bildern und Tönen transportiert und das heißt modifiziert, moduliert und modelliert werden. Was aber sehen und hören wir eigentlich, wenn wir diese medial vermittelten Notstandszenarien wahrnehmen? Und was kann eine komparatistisch geschulte Analyse zu einem besseren Verständnis ihrer intermedialen Möglichkeitsbedingung und Problematisierung beitragen? Vielleicht kann das Gefühl der Dringlichkeit aber auch umgekehrt zu einer Differenzierung und Diversifizierung der materiellen und medialen Grundlagen von Literatur beitragen, weil literarisch thematisierte Notstände oft sinnvollerweise außerhalb das traditionellen Mediums Buch in die Öffentlichkeit getragen werden. Oder, anders gefragt, eignen sich multimediale (Re-)Präsentationsweisen darum vielleicht in besonderer Weise, um von Notständen zu sprechen und Dringlichkeiten zu kommunizieren?
Aus dem Drang heraus, Missstände anzuprangern, Protest zu formulieren oder für (Selbst-)Schutz zu sorgen, ergeben sich wiederum andere Dringlichkeiten: etwa jene zur Gemeinschaftsbildung, zum Widerstand oder überhaupt zur Kreativität. Man engagiert sich ja nicht immer nur gegen etwas, sondern mindestens so oft auch für etwas. Neben Kunstschaffenden, die sich als Sprachrohr für andere verstehen oder lediglich abstrakt an etwas beteiligt sind (Blanckeman 2015), sind im Zeichen von Notstandszenarien darum auch Autorinnen und Autoren zu berücksichtigen, die einfach nur mit an Bord sind (Huppe 2023). Aus einem inneren Dringlichkeitsgefühl heraus, das sie miterleben, artikulieren sie politische Statements mit, was als solches auch anerkannt zu werden verdient (Le Quellec Cottier und Cossy 2022: 9). Engagierte Literatur und Kunst in diesem Sinn will die Welt nicht beherrschen; sie hat es vielmehr auf eine schöpferische Macht abgesehen, die Menschen dazu befähigen soll, die dringend notwendigen Dinge zu tun (power to). Hier geht es um eine kollektive und politische Macht, die insbesondere innerhalb von Basisorganisationen mobilisiert wird (power with), um eine Macht von innen (power from within), die das Selbstvertrauen und die Fähigkeit steigern soll, um sich von verinnerlichten Selbst- unterdrückungsmechanismen zu befreien (vgl. Calvès 2009: 739).
Zwischen diesen Spielarten oszillierend, regt das Gefühl der Dringlichkeit nicht nur die literarische und künstlerische Kreativität neu an, sondern kann sich auch innovativ auf das wissenschaftliche Arbeiten auswirken. Ja bisweilen krempelt es sogar die Organisation ganzer Disziplinen um: Man denke nur an die anhaltende Auseinandersetzung zwischen ökokritischen und ökopoetischen Ansätzen, die sich an der Frage ökologischer Dringlichkeiten entzünden und sich um die Grundsatzfrage drehen, wie literarische Werke angesichts dieser Herausforderung auf das Publikum wirken. Bei allen diesen Dringlichkeiten geht es um engagierte und kritische Diskurse, die sich mit Räumen assoziieren, in denen Zurückhaltung unter Generalverdacht steht. Dabei ist weniger dieser Verdacht als solcher interessant – Engagement steht in der Literatur(wissenschaft) seit jeher unter Verdacht –, sondern vielmehr die epistemologischen und methodologischen Neumodellierungen, die dadurch möglich werden. Diskursive Dringlichkeiten dieser Art, die von einzelnen Diskursgruppen oder ganzen Forschungsgemeinschaften geteilt werden, laden speziell zur Metakritik der kritischen Geste selbst sowie des Wissenschaftsdiskurses als solchem ein.
Die Tagung widmet sich nach diesem Verständnis den literarischen Darstellungsformen (im weitesten Sinne) und medialen Evokationsweisen epochaler Notstandszenarien wie ihrer Kritik, die sich im Sinne einer Metakritik daran anschließt oder aber die sich ihr in einer aktivistischen Überzeugung anschließt. Im Zentrum steht insbesondere die Frage, inwiefern die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft mit ihrer theoretischen Expertise und ihren thematischen Sensibilitäten zur Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Zeit beitragen kann. Um tragfähige Antworten auf diese Frage zu finden, ist es unerlässlich, unsere zeitgenössischen Diskurse und Empfindungen durch das Prisma älterer historischer Problemstellungen und Sensibilitäten neu zu beleuchten. Daher sind namentlich auch Beiträge willkommen, die sich der ästhetischen Inszenierung und Diskussion von Notständen und Dringlichkeiten aus der Vergangenheit widmen – egal ob diese gegenwärtige Stimmungslagen bestätigen oder nicht.
Organisation und praktische Informationen
Die Tagung findet vom 19. bis 20. November 2026 an der Universität Lausanne statt.
Organisation: Prof. Hans-Georg von Arburg, Dr. Romain Bionda, Dr. Joséphine Vodoz.
Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Hans-Georg von Arburg, Dr. Romain Bionda, Prof. Nadia Cattoni, Prof. Marie Kondrat, Prof. Gianluigi Simonetti, Dr. Aurore Turbiau, Dr. Joséphine Vodoz.
Vorschläge zu Tagungsbeiträgen sind bis spätestens 9. März 2026 an romain.bionda@unil.ch, josephine.vodoz@unil.ch und hg.vonarburg@unil.ch zu senden.
Die Arbeitssprachen des Kolloquiums sind Französisch und Deutsch, Englisch und Italienisch sind jedoch ebenfalls willkommen. Die Reise- und Aufenthaltskosten werden im Rahmen des verfügbaren Budgets übernommen. Die Beiträge werden nach einem Peer-Review-Verfahren im Heft 57 der komparatistischen Zeitschrift Colloquium Helveticum veröffentlicht (Publikationshorizont: Herbst 2028).
Zitierte Literatur
- Bionda Romain, Demont François et Zbaeren Mathilde, « L’œuvre littéraire et ses publications : édition, exposition, performance », Itinéraires : littérature, textes, cultures, no2022-2, en ligne, 2023 : https://doi.org/10.4000/itineraires.13110.
- Blanckeman Bruno, « De l’écrivain engagé à l’écrivain impliqué : figures de la responsabilité littéraire au tournant du XXIe siècle », dans Catherine Brun et Alain Schaffner (dir.), Des écritures engagées aux écritures impliquées. Littérature française (XXe-XXIe siècles), Dijon, EUD, 2015, p.161-170.
- Bouju Emmanuel, Parisot Yolaine et Pluvinet Charline (dir.), Pouvoir de la littérature. De l’energeia à l’empowerment, Rennes, PUR, 2019.
- Calvès Anne-Emmanuèle, « Empowerment : généalogie d’un concept clé du discours contemporain sur le développement », Revue Tiers-Monde, no200, 2009, p. 735-749 ; disponible en ligne : https://doi.org/10.3917/rtm.200.0735.
- Cavallin Jean-Christophe, « Vers une écologie littéraire », Fabula-LhT, no27, en ligne, 2021 : https://doi.org/10.58282/lht.2841.
- Huppe Justine, La Littérature embarquée, Paris, Amsterdam, 2023.
- Le Quellec Cottier Christine et Cossy Valérie (dir.), Africana. Figures de femmes et formes de pouvoir, Paris, Classiques Garnier, 2022.
- Ordonneau Adrien, « La vallée du désordre : au seuil utopique des musiques électroniques », dans Judith Cohen, Lagrange Samy et Turbiau Aurore (dir.), Esthétiques du désordre. Vers une autre pensée de l’utopie, Paris, Le Cavalier Bleu, 2022, p.235-249.