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Donnerstag, 17. Mai 2012






Thesen


  1. Intergenerationelle Beziehungen sind in ihren Auswirkungen genauso ambivalent wie intragenerationelle. Einerseits erzeugen z.B. intrafamiliale Beziehungen in Form von Erziehungsarbeit Humanvermögen und sind als Quelle intergenerationeller Solidarität unverzichtbar für die Gesellschaft. Andererseits kann z.B. häusliche Gewalt die Humanvermögensbildung innerhalb der Familie stark beeinträchtigen. Zudem tragen intrafamiliale Beziehungen zur Reproduktion sozioökonomischer Ungleichheiten bei, etwa durch den Transfer von ökonomischem (z.B. Erbschaften), kulturellem oder sozialem Kapital. Diese Ambivalenz gilt es bei der Konstruktion sozialpolitischer Massnahmen zu beachten.
     
  2. Unentgeltliche intergenerationelle Beziehungsarbeit wird hauptsächlich von Frauen geleistet. So tragen Frauen die Hauptlast der unentgeltlichen Erzeugung von Humanvermögen und von Pfl egeleistungen. Im Sinne des Gleichstellungspostulats ist es wünschenswert, dass diese unentgeltlichen Leistungen gleichmässiger zwischen den Geschlechtern verteilt und/oder besser honoriert werden, etwa durch Sozialtransfers oder via Steuern.
     
  3. Die Forschung über intergenerationelle Beziehungen vernachlässigt die familienübergreifenden Kontakte. Viele Beiträge suggerieren, dass damit primär Kontakte zwischen Grosseltern, Eltern und Kindern gemeint sind. Im Unterschied dazu spricht das makrosoziologische Sozialkapital-Konzept, aber auch das Konzept der «Zivilgesellschaft » dafür, dass ausserfamiliale Beziehungen genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger sind als intrafamiliale. So setzen gesellschaftliche Modernisierung und Kohäsion voraus, dass Menschen nicht nur mit Mitgliedern der eigenen Familie, sondern auch konstruktiv in öffentlichen Räumen und in freiwilligen Assoziationen mit Menschen kooperieren, die weder der eigenen Familie noch derselben Generation angehören.
     
  4. Der Sozialstaat bremst die Bereitschaft zu intergenerationeller Solidarität nicht. Wird davon ausgegangen, dass der Sozialstaat von der Pfl icht befreit, in Not geratene Familienangehörige zu unterstützen, wäre an sich absehbar, dass damit auch die Unterstützungsbereitschaft schwindet (crowding out). Die bislang vorhandenen empirischen Studien dokumentieren indes, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Von daher scheint die Sozialpolitik gut beraten, die intergenerationellen Hilfeaktivitäten in der Bevölkerung nicht durch einen Abbau des Sozialstaats fördern zu wollen.
     
  5. Die empirische Sozialkapitalforschung differenziert nicht zwischen inter- und intragenerationellen Beziehungen. Aus Sicht der Theorie macht es keinen Sinn, zwischen diesen beiden Beziehungstypen zu unterscheiden, da sich beide gleichermassen sowohl positiv als auch negativ auswirken können. Wichtiger als die Differenz zwischen intra- und intergenerationellen Beziehungen ist die Differenz zwischen starken und schwachen Beziehungen. So zeigt sich, dass Freundschaften und die Familie (starke Beziehungen) vor allem im Hinblick auf das physische und psychische Wohlbefinden von Bedeutung sind. Wichtig im Hinblick auf materielle Ziele, sei es im Erwerbsleben oder sei es in der Politik, sind vor allem aber auch spontane Bekanntschaften am Arbeitsplatz, in der Ausbildung oder in freiwilligen Assoziationen (z.B. Parteien, Vereinen, Verbänden, Kirche).
     
  6. Der Kapitalstock und Nettonutzen intergenerationeller Beziehungen lässt sich zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht empirisch eruieren. Sozialkapital-Indikatoren, die bei internationalen Vergleichen herangezogen werden, beschränken sich in der Regel auf Mitgliedschaften in freiwilligen Assoziationen. Ob eine solche Mitgliedschaft auch einen Zugang zu Ressourcen garantiert, bleibt dabei jedoch eine offene Frage. Hinzu kommt, dass die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Assoziationen genauso wie jene der Familien sowohl positiv (Erzeugung von Humanvermögen) als auch negativ (z.B. soziale Exklusion, Fundamentalismus, Mafia) sein können. In diesem Sinne ist der Versuch, den Nutzen intergenerationeller Beziehungen zu messen, mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie das Bruttoinlandprodukt, das u.a. auch dann ansteigt, wenn die Prävalenz von Unfällen, Krankheiten, Umweltschäden oder Eigentums- und Vermögensdelinquenz zunimmt.
     
  7. Intergenerationelle Beziehungen werden in der Debatte um soziale Nachhaltigkeit nicht direkt thematisiert und es existieren (bislang) keine Nachhaltigkeitsindikatoren für ihre Erfassung. Bei der Konzeptualisierung von Nachhaltigkeit werden zwar der soziale, gesellschaftliche Zusammenhalt oder auch eine gerechte Gemeinschaft als wesentlicher Grundpfeiler hervorgehoben. Dabei wird jedoch nicht differenziert hinsichtlich der verschiedenen Formen intergenerationeller Beziehungen. Ausserdem fi ndet die mikrosoziologische Prämisse, dass soziales Kapital intergenerationell «vererbt» werden kann, kaum Entsprechung in der konkreten Ausgestaltung der Messkonzepte.
  8.  

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