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Palästinenser im Libanon: Leben im Abseits

Im Libanon, wo palästinensische Flüchtlinge bis heute kaum Rechte besitzen, verkörpern die Flüchtlings­lager für viele bis heute den einzigen Ort, an dem sie sich zugehörig fühlen. Doch selbst hier ist dieses Gefühl zunehmend bedroht.

Meret Michel02. Oktober 2025

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Das palästinensische Flüchtlingslager Shatila in Beirut© Aleksei Ilin, CC BY-NC-SA 2.0

Mohammad erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er als Kind zum ersten Mal das Stadt­zentrum Beiruts besuchte. Ein Bekannter seines Vaters besaß ein Auto und versprach, ihn auf eine Fahrt in die Innen­stadt mitzunehmen. Sie fuhren los, über die Schnell­straße Richtung Down­town. Mohammad sah die dichten Wohn­häuser vorbeifliegen, bis sie die luxuriösen Gebäude im Zentrum erreichten. »Ich sah mir das alles an und dachte mir: Das alles existiert hier?«

Er liebe Beirut, sagt Mohammad. Doch es ist eine ein­seitige Liebe: »Die Leute akzeptieren dich nicht, wenn du sagst, du kommst aus dem Lager«, sagt Mohammad, der seinen vollen Namen für sich behalten will. »Es stimmt, dass wir Teil dieses Landes sind. Aber letztlich sind wir hier Fremde.«

Mohammad, 33 Jahre alt, ist Palästinenser. Er ist in Schatila auf­gewachsen, einem von drei palästinen­sischen Flüchtlings­lagern in Beirut. Die Viertel um das Lager herum sind dichtes Stadt­gebiet, hohe Wohn­blocks säumen die Straße. Von hier aus führt eine Gasse ins Lager hinein. Sofort werden die Wege so eng, dass die Autos un­möglich hindurch­passen. Leute auf Motor­rädern versuchen, sich einen Weg durch die Menschen zu bahnen. Die Stock­werke der un­ver­putzten Backstein­häuser ragen wie gestapelte Bau­klötze in die Höhe.

Hier lebt Mohammad mit seiner Frau und seiner Tochter, in einer Wohnung in der Nähe des Lager­eingangs. Eine unverputzte Beton­treppe führt am Gebäude hoch, bis man die Wäsche­leinen, die in der davor­liegenden Gasse vor den Fenstern hängen, von oben sieht. Die Eingangs­tür führt direkt ins Wohn­zimmer, drei Sofas umrahmen den Raum. Dieser ist selbst tagsüber von weißem Neon­licht erleuchtet, Tages­licht dringt kaum ins Innere.

Abgetrennte Welten

Schatila ist 1949 entstanden, als Ansammlung von Zelten, die eine Gruppe von palästinensischen Flücht­lingen hier am südlichen Rand Beiruts auf­gestellt hatten. Es war ein Jahr nach der sogenannten »Nakba« – der Kata­strophe, wie die systematische Vertreibung Hundert­tausender Palästinenser aus ihrer Heimat im Zuge der Staats­gründung Israels 1948 im Arabischen bis heute genannt wird. Über 100 000 von ihnen flohen damals in den Libanon, darunter Mohammads Gross­eltern.

Sie stammen ursprünglich aus einem Dorf namens al-Khalsa, im Norden Galiläas, direkt an der heutigen Grenze zum Libanon. Davon ist nicht viel übrig­geblieben: Nachdem die Bewohner geflohen waren, wurde es bis auf wenige Gebäude zerstört. Auf den Über­resten von al-Khalsa wurde Kirjat Schmona errichtet – ein Ort, dessen Name in den letzten zwei Jahren, als der Krieg zwischen der Hisbollah und Israel herrschte, immer wieder in den Nachrichten zu hören war.

Dass Mohammads Vorfahren aus al-Khalsa stammen, sollte später in seinem Leben noch eine wichtige Rolle spielen. Seine Familien­geschichte, die von dem kleinen Dorf im Norden Galiläas über Beirut nach Libyen und wieder zurück nach Beirut führt, steht exemplarisch dafür, wie die Grün­dungen der modernen National­staaten in der Region, die Schaffung der Grenzen zwischen den Ländern das Leben der Menschen, besonders der palästinen­sischen, bis heute bestimmt.

Vor 1948 war die Beziehung zwischen Galiläa und dem Süden Libanons eng. Viele Menschen aus dem Süd­libanon arbeiteten in Palästina, für sie war die Stadt Haifa vertrauter als Beirut. Im Libanon kannte man die Palästinenser vor allem als wohl­habende Besucher: 50 Prozent der Touristen im Jahr 1947 kamen aus Palästina, sie füllten die Hotels in Ferien­orten in den Bergen wie Safwar oder Bhamdun. Nach 1948 jedoch sollte sich dieses Bild radikal ändern.

Während jene Palästinenser, die 1948 nach Jordanien ver­trieben wurden, nach wenigen Jahren ein­gebürgert wurden und jene in Syrien fast volle Bürger­rechte erhielten, wurden die Palästinenser im Libanon zu Aus­sätzigen gemacht. Hier, wo das politische System entlang konfessioneller Linien auf­gebaut ist, wo die Identität der Bewohner sich zuerst an der Familie, der Konfession, dem Dorf orientiert und erst danach am Staat als Ganzes, blieben die Palästinenser, die ihre Heimat verloren hatten, Außen­seiter. Sie wurden als Bedrohung gesehen für das fragile demo­grafische Gleich­gewicht, und es gab einen breiten Konsens, dass sich die Palästinenser nicht dauer­haft im Libanon nieder­lassen dürften.

In der Folge wurden sie nicht als Flüchtlinge behandelt, die Anspruch auf Schutz hatten, sondern fielen ab 1962 in die dritte von fünf Kategorien von Aus­ländern: Jene, die ohne Dokumente ihres Heimat­landes im Libanon lebten und hier eine Aufenthalts­bewilligung hatten. Für eine Stelle mussten sie sich wie alle anderen Nicht-­Libanesen um eine Bewilligung vom Arbeits­ministerium bemühen, zu zahl­reichen Berufs­gruppen hatten Palästinenser faktisch keinen Zugang.

Angelpunkt einer gespaltenen Gesellschaft

In der Schule war Mohammad stets einer der Besten seiner Klasse. Doch er fragte sich, was ihm dieser Schul­abschluss bringen sollte, wo es ihm doch verboten war, in fast vierzig Berufs­gruppen zu arbeiten. Seinen Eltern zuliebe machte er eine Ausbildung zum Elektriker – im Wissen, dass er keine Anstellung finden würde. Stattdessen begann er mit 16 Jahren, tage­weise auf dem Bau oder als Hand­werker zu arbeiten.

Lange bevor Mohammad auf der Welt war, in den Sechziger- und Siebziger­jahren, arbeitete sein Vater als Kranken­pfleger. Es war eine Zeit, in der sich die Situation der Palästinenser im Libanon verändern sollte: Nach dem Sechstage­krieg 1967 erstarkte der palästinensische bewaffnete Wider­stand gegen Israel unter dem Schirm der »Palästinensischen Befreiungs­organisation« (PLO) und mit Jassir Arafat an seiner Spitze. Als die PLO nach 1970 gezwungen war, Jordanien zu verlassen, kamen die palästinensischen Widerstands­gruppen in den Libanon.

An der Frage, wie man zur palästinensischen Sache insgesamt und dem bewaffneten Wider­stand vom Libanon aus im Besonderen stand, spaltete sich die libanesische Gesellschaft. Während die Linken, die Panarabisten und die überwiegende Mehr­heit der muslimischen Bevölkerung ihren Kampf gegen Israel vom Libanon aus voller Überzeugung unterstützten, sahen die rechts­nationalen christlichen Parteien und viele vor allem maronitische Christen die Präsenz der PLO als Besatzung ihres Landes an. Es war diese Bruch­linie, an der sich 1975 der Bürger­krieg entzünden sollte.

Das Ereignis, das den Krieg auslöste, war ein Massaker, bei dem Milizionäre der christlichen Kata’ib auf einen Bus mit palästinensischen Passagieren schossen und zahlreiche Insassen töteten. Daraufhin brachen Kämpfe zwischen den zwei libanesischen Lagern aus: Auf der einen Seite stand die Libanesische National­bewegung, die den Umsturz des konfessionellen politischen Systems forderten. Auf der anderen Seite standen die rechts­nationalistischen christlichen Gruppen, die eben­jenes System, das die politische Dominanz der maronitischen Christen über alle anderen garantierte, erhalten wollten.

Die PLO versuchte sich zunächst rauszuhalten. Doch als die christlichen Milizen ein Jahr später die palästinensischen Lager im Osten Beiruts belagerten, war das nicht mehr möglich. Über Wochen hinweg wurden die Bewohner der Lager ausgehungert, die Belagerung mündete in Massakern in Karantina und Tell al-Zaatar, bei der christliche Milizionäre unter Führung der Kata’ib Hunderte Zivilisten tötete und die Überlebenden vertrieben. Auch Mohammads Eltern flohen aus Tell al-Zaatar nach Schatila.

Auch ausländische Staaten, allen voran Syrien und Israel, griffen in den Krieg ein. Eine entscheidende Wende kam 1982: Damals startete Israel eine Boden­invasion im Libanon und drang in wenigen Tagen von Süden her Richtung Beirut vor. Die Armee belagerte und bombardierte über Wochen hinweg den Westen der Stadt, bis die PLO sich zum Abzug aus dem Land bereit erklärte.

Der Abzug markierte das Ende des palästinensischen Wider­stands im Libanon. Für die Palästinenser im Land sollte er massive Folgen haben. Am 16. September marschierte die israelische Armee in Beirut ein, zwei Tage, nachdem der designierte Präsident Baschir Gemayel noch vor seiner Amts­übernahme ermordet worden war. Am selben Tag drangen christliche Milizionäre in Schatila und dem angrenzenden Sabra ein und massakrierten zwischen mehreren Hundert und mehreren Tausend Bewohner.

Die israelische Regierung stritt zunächst jegliche Verantwortung für das Massaker ab. Erst nachdem eine interne Kommission feststellte, dass die Milizionäre auf Befehl der israelischen Armee in das Lager eindrangen, um nach »Terroristen« zu suchen, sah sich der damalige Verteidigungs­minister Ariel Sharon zum Rück­tritt gezwungen. In den darauf­folgenden Jahren bis zum Ende des Kriegs wurde Schatila, vor allem während des sogenannten »Kriegs der Lager« zwischen der Amal-­Bewegung und Über­resten der PLO, beinahe vollständig zerstört.

Das Schicksal und die »sieben Dörfer«

Mohammads Eltern hatten das Massaker in Sabra und Schatila nicht selbst miterlebt. Ende der Siebziger­jahre hatte die Familie entschieden, nach Libyen auszuwandern. Über zehn Jahre sollten sie dort­bleiben. 1994, zwei Jahre nach Mohammads Geburt, kehrte die Familie in den Libanon zurück.

Hier hatte der Bürger­krieg inzwischen geendet. Und die Lage der Palästinenser hatte sich verschlechtert. Viele Libanesen machten sie verantwortlich für den Krieg, wobei sie groß­zügig über die Bruch­linien innerhalb der libanesischen Gesellschaft hinweg­schauten, die letztlich die tiefer­liegenden Ursachen dafür waren.

Zurück in Beirut wollte der Vater wieder in dem Alters­heim arbeiten, wo er vor seiner Abreise angestellt gewesen war. »Dort fragten sie ihn, ob er inzwischen eingebürgert worden sei«, sagt Mohammad. Im selben Jahr hatte der damalige Minister­präsident Rafik Hariri ein Dekret verabschiedet, das zahl­reichen Menschen, die im Libanon ohne libanesische Staats­bürgerschaft lebten, die Einbürgerung ermöglichte.

Darunter waren auch die Geflüchteten aus den sogenannten »Sieben Dörfern«, einer Ansammlung von zwei Dutzend Dörfern im heutigen Israel direkt an der Grenze zum Libanon. Diese Dörfer, darunter auch al-Khalsa, waren 1920 von der französischen Mandats­macht dem Gebiet des Groß­libanon zugerechnet worden. Dank des Erlasses konnte sich ein Groß­teil von Mohammads Verwandtschaft einbürgern lassen. Nicht aber seine Familie: Nach ihrer Rück­kehr bewarben sie sich zwar um die Staats­bürgerschaft – doch das Zeit­fenster war bereits geschlossen worden.

Als der Vater die Frage die Klinik­leitung verneinte, hiess es, man könnte ihn nicht einstellen. Inzwischen waren zahlreiche Berufs­gruppen hinzu­gekommen, in denen Palästinenser nicht arbeiten dürften, darunter auch die Kranken­pflege. »Am selben Tag zog mein Vater seinen Kittel aus und tauschte ihn gegen einen Overall«, sagt Mohammad. Er begann, als Bau­arbeiter zu arbeiten. Später arbeitete er wieder als Kranken­pfleger – allerdings selbstständig. Irgendwann laugte ihn dies körperlich so sehr aus, dass er gar nicht mehr arbeiten konnte.

Die Erfahrung seines Vaters hatte Mohammad geprägt. Als er in der Lage war, etwas Geld zur Seite zu legen, begann er, seine Eltern zu unter­stützen. Diese lehnten seine Hilfe zunächst ab – es war ihnen unangenehm, dass ihr Sohn für sie aufkam. Dennoch ging Mohammad jeden Samstag auf den Markt. »Ich hatte keine Ahnung, was ich nehmen sollte«, sagt er. Daher nahm er einfach alles: Fisch, Fleisch, Geflügel, das er bei seinen Eltern in den Kühl­schrank stellte.

2017 verlobte sich Mohammad, im selben Jahr fand er eine Stelle bei der UNRWA. Die ersten zwei Jahre dort hatte er noch keinen festen Arbeits­­vertrag, sondern wurde tageweise bezahlt. Seine Frau und er lebten in einer winzigen Wohnung im Unter­geschoss. Dort konnten sie die Ratten hören, die in den Rohren in den Wänden lebten.

Nach zwei Jahren gab ihm die UNRWA einen festen Arbeits­vertrag, und Mohammad suchte eine bessere Wohnung. Dabei war es für ihn keine Frage, dass er in Schatila bleiben würde. Obwohl er mit seinem Gehalt auch eine Wohnung außer­halb des Lagers vermocht hätte, wollte er hier­bleiben. Hier war sein Zuhause.

Dabei geht es um mehr als Kindheits­erinnerungen. Die Lager verkörpern die Verbindung der Palästinenser zu dem Land, das sie verloren haben. Viele Straßen tragen bis heute die Namen der Dörfer, aus denen ihre Vorfahren geflohen waren. »Palästina kennen wir nur aus dem Fernsehen und aus den Büchern in der Schule.« Im Libanon verkörpern die Lager den einzigen Ort, den sie als ihren eigenen bezeichnen können.

Doch sein Gefühl von Zugehörig­keit gegenüber Schatila sei nicht mehr dasselbe, sagt Mohammad. In den letzten Jahren zogen immer mehr Leute von außer­halb in die Lager. Syrische Geflüchtete, Gast­arbeiter aus Bangladesch oder Pakistan, Libanesen, die sich die teuren Mieten anderswo in der Stadt kaum noch leisten konnten. 2017 ergab eine Unter­suchung, dass der Anteil der Palästinenser im Lager noch bei knapp 30 Prozent lag. Gleich­zeitig verlassen immer mehr Palästinenser die Lager, wenn sie die Gelegen­heit haben.

Damit ging ein Teil der Identität der Lager verloren, sagt Mohammad. Weil der Drogen­handel und bewaffnete Gangs sich zunehmend in Schatila eingenistet hätten, fernab der Kontrolle des Staates, hätte sich das in den Köpfen von Außen­stehenden als Ort eingebrannt, den man meiden sollte. »Wenn jemand von draußen hierher­kommt«, sagt Mohammad, »was für ein Bild hat er dann von der palästinensischen Sache? Es ist nicht die Olive und die Stand­haftigkeit und der Wider­stand.« Statt­dessen würden sie einen Ort sehen, wo sich alle Verbrecher verstecken würden.

Inzwischen ist Mohammad deswegen zur Über­zeugung gelangt, dass er sein Gefühl von Zugehörig­keit nicht mehr an einen Ort binden müsse. »Zugehörig­keit ist kein Ort, keine Flagge oder Zeichnung an der Wand«, sagt er. »Wir können sie selbst schaffen und sie mit uns mitnehmen.«

Über

Dieser Beitrag wurde durch den Liesl Graz Fonds der Schweizerischen Gesellschaft Mittlerer Osten und Islamische Kulturen (SGMOIK) unterstützt. Der Text basiert auf dem Buch «Beirut – Splitter einer Weltstadt», das im Oktober 2025 beim Hirzel Verlag erschien.

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