Prof. Dr. phil., Dr. phil. h.c., Fil. dr. h.c Oskar Bandle (11.1.1926-17.1.2009)
Am 17. Januar 2009 ist Oskar Bandle an seinem Alterswohnsitz in Frauenfeld verstorben. Mit ihm verliert die deutschsprachige Skandinavistik einen Forscher und Lehrer, der das von ihm vertretene Fach in aussergewöhnlicher Tiefe und Breite versehen hat und dessen wissenschaftliches Lebenswerk nicht zuletzt in den nordischen Ländern nachhaltiger Resonanz sicher war.
Oskar Bandle wurde am 11. Januar 1926 in Frauenfeld geboren. Er durchlief die Schulen seiner Heimatstadt und begann 1944 in Zürich das Studium der deutschen Sprache und Literatur, belegte aber daneben auch Kurse in Isländisch und Schwedisch. Nach einem Aufenthalt am University College in London fuhr er 1948 nach Island, wo er am isländischen etymologischen Wörterbuch von Prof. Alexander Jóhannesson mitarbeitete, bevor er 1949 seine Studien an den Universitäten Kopenhagen und Uppsala fortsetzte. 1954 promovierte er an der Universität Zürich bei Rudolf Hotzenköcherle und Eugen Dieth mit einer Arbeit über die Sprache der ältesten isländischen Bibelübersetzung. Auf die Promotion folgte eine kürzere Tätigkeit am Schweizerdeutschen Wörterbuch in Zürich, der sich 1961-65 eine erste akademische Stellung als Universitätslektor für nordische Sprachen an der Universität Freiburg i. Br. anschloss. Erneute Studienaufenthalte in Skandinavien, auf Island und den Färöern legten den Grund zu einer Materialsammlung über die Haustierterminologie im Norwegischen, Isländischen und Färöischen, aus der ein zweibändiges Werk zur westnordischen Sprachgeographie erwuchs, mit dem er sich 1965 an der Universität Freiburg i. Br. habilitierte. Noch im Jahr der Habilitation auf einen ordentlichen Lehrstuhl für Germanische Philologie unter besonderer Berücksichtigung der Nordistik an die junge Universität des Saarlandes, Saarbrücken, berufen, wurde ihm drei Jahre später die Rückkehr in die Schweiz ermöglicht, nachdem 1968 ein Koordinationslehrstuhl für Nordische Philologie an den Universitäten Basel und Zürich begründet worden war, den er bis zu seiner Emeritierung 1993 innehatte.
Oskar Bandle war ein vielseitiger Philologe, und er durchdrang nahezu alle Gebiete seines weiten Fachs. Die liebsten Interessenfelder aber waren ihm nordische Sprachgeschichte und die Namenforschung. Seine Laufbahn als Namenforscher begann er 1954 mit einem thurgauischen Entwurf über „Die Naturlandschaft im Lichte der Flur- und Ortsnamen“, und nach zahlreichen Beiträgen, insbesondere im „Reallexikon der Germanischen Altertumskunde“, sah er 2007 noch die Vollendung des „Thurgauer Namenbuchs“, das er von den Anfängen an begleitet hatte. Auf sprachgeschichtlicher Seite legte die umfangreiche Dissertation über „Die Sprache der Gu›brandsbiblía“ (1956) den Grundstein für die Erforschung des Älteren Neuisländischen. Aus den „Studien zur westnordischen Sprachgeographie“ (1967) gestaltete sich das Standardwerk „Die Gliederung des Nordgermanischen“, mit dem er 1973 die von der Schweizerischen Gesellschaft für skandinavische Studien herausgegebene Reihe „Beiträge zur Nordischen Philologie“ eröffnete. Am Ende seiner Laufbahn widmete Oskar Bandle all seine Energien einem letzten grossen Ziel: der Herausgabe des voluminösen, zweibändigen Werks „The Nordic Languages. An International Handbook of the History of the North Germanic Languages“ (HSK-Handbücher, Walter de Gruyter 2002-05), dessen 230 Artikel er als „main editor“ minutiös betreute.
Als Mitglied der Philosophischen Fakultäten der Universitäten Basel und Zürich ist es Oskar Bandle gelungen, die Schweizer Nordistik aus bescheidenen Anfängen zu einem vielseitigen, modernen Fach zu entwickeln, welches die komplexen sprachlichen, literarischen und landeskundlichen Verhältnisse des Nordens mit einem entsprechend differenzierten Studienangebot zu bewältigen suchte. Trotz der erheblichen Mehrbelastung, die seine Doppelprofessur bedingte und die er zeitweise auch als Last empfinden mochte, hat er als Forscher mit breitem Interesse sowohl für philologisch-linguistische Sachgebiete wie für neuere und neueste skandinavische Literaturgeschichte, als Herausgeber und als Organisator wissenschaftlicher Kongresse und Symposien der gesamten deutschsprachigen Nachkriegsskandinavistik entscheidende Impulse zu vermitteln gewusst und massgeblich zu ihrem heutigen internationalen Erscheinungsbild beigetragen.
Oskar Bandle verfügte über eine aussergewöhnliche Sprachbegabung. Er stellte sie glänzend unter Beweis, als er 1961 als junger Lektor nach Freiburg i. Br. berufen wurde, wo er bis 1965 in sämtlichen nordgermanischen Sprachen höchst erfolgeich unterrichtete. Für seine wissenschaftliche Lebensleistung wurde ihm hohes Ansehen zuteil - Ehrendoktorate der Universitäten von Uppsala und Reykjavík, Mitgliedschaften in Akademien, Preise und Anerkennungsgaben. Er war ein geselliger Mensch, aber sein liebster wissenschaftlicher und sozialer Ort war „Gustav-Adolfs Akademien“ in Uppsala, wo er über Jahrzehnte sein Kontaktnetz so intensiv pflegte, dass er in Sprache und Habitus ohne weiteres als fast schon sprichwörtlicher ‚Uppsalaprofessor’ durchgehen konnte. Der „Schweizerischen Gesellschaft für skandinavische Studien“, zu deren Gründungsvätern er gehörte, stand er lange Jahre als Präsident vor, und er beeindruckte uns Mitglieder immer wieder durch seine Grosszügigkeit an Jahresfeiern und akademischen Anlässen, für die er zahlreiche und berühmte Künstler und Gelehrte aus ganz Skandinavien zu gewinnen vermochte.
Für die letzten Lebensjahre kehrte der Emeritus in seine Heimatlandschaft zurück, die früh motivierend auf sein Schaffen als Thurgauer Ortsnamenforscher gewirkt hat und der er stets eng verbunden blieb. Die letzte Ruhestätte hat er sich aber an seinem langjährigen Wohnsitz Greifensee gewünscht.
Hans-Peter Naumann

