Rezensionen

The barbed wire and the ear of corn

Isabella Camera d’Afflitto: Cento anni di cultura palestinese. Rome: Carocci, 2007.

This book represents an original approach to Palestinian culture, a representation of the history of Palestine through the personal experiences and in particular the writings of Palestinian intellectuals. Palestinian literature is seen as an act of resistance not only to the enemy, but also to dogmatism among political advocates of the Palestinian cause, to censorship and to all forms of oppression in Palestinian society, be they ideological, political or religious. The Palestinian culture discussed here is essentially secular. Starting with the cultural awakening of the second half of the 19th century and the contacts with Europe at that time, Palestinian prose and poetry up to 1948 is treated. The different strands of literature after the nakba in the diaspora, in Israel and, after 1967, in the Occupied Territories are all covered up to and including the second intifada. Finally, there are brief surveys of contemporary novels, autobiographies and memoirs from the 1920s till 2000, theatre, and films and filmmakers. This book contains a vast amount of material on Palestinian history, literature and culture in the 20th century. It includes works by Palestinians in several languages. Throughout, the author’s approach to Palestinian culture is perceptive. One misses, however, any reference to the rich tradition of folktales and oral poetry and to the classical heritage which many Palestinain writers have drawn on. The end of the book shows a cartoon of Naji al-‘Ali’s stock character Hanzala, his back to the reader, looking at a line of barbed wire, one strand of which has broken away to become an ear of corn. Tracing the history of Palestine through its culture, Isabella Camera d’Afflitto shows the reader both the barbed wire, the harsh living conditions of so many Palestinians, and the ear of corn, the creativity by which writers, actors and filmmakers transcend them.

Hilary Kilpatrick

Europäisch oder nicht?

Metin Aksoy: Die Türkei auf dem Weg in die EU. Die Beziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union – insbesondere von 1990 bis Ende 2004.(Bern u.a.: Peter Lang. Europäischer Verlag der Wissenschaften, 2007, 144 S.

Eine besondere Art türkischer Geschichte während der vergangenen Jahrzehnte bietet ein kleines Buch, das vor drei Jahren im Berner Verlag Peter Lang erschienen ist: Die Türkei auf dem Weg in die EU, eines der wichtigen politischen Themen in der Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts.
Im Jahre 2004 begannen, nach vielen Vorverhandlungen und unzähligen Debatten, die Verhandlungen um einen türkischen EU-Beitritt. Die Begleitmusik dazu aus den verschiedenen politischen Orchestern war nicht immer ohne Kakophonie. Erstaunliches aus der Konfrontationsgeschichte Islamische Welt – Europa wurde hier wieder bemüht: die Belagerung von Wien 1683; die Türkei, die nun eigentlich nicht «zu uns» gehört; oder die EU als «christlicher Klub».
Das erwähnte Buch befasst sich mit anderem: nicht mit historischen Traumata, sondern mit den politisch-wirtschaftlichen Realien.

«Das Ziel dieser Arbeit liegt darin, die Problematik des türkischen EU-Beitritts herauszuarbeiten. Der Schwerpunkt befasst sich mit der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Integration der Türkei in die EU, besonders aber mit dem Zeitraum von der Ablehnung des Mitgliedschaftsantrages 1990 bis hin zum Beginn der Verhandlungen im Jahre 2004.» (16) Angesprochen werden dabei besonders die innen- und aussenpolitische Situation/Entwicklung in der Türkei in jenem Zeitraum mit jeweils einigen Seiten Rück- und einigen Seiten Ausblick.

Hartmut Fähndrich

Vom Minarett – nach der Schlacht, vor dem Streit

Mathias Tanner, Felix Müller, Frank Mathwig, Wolfgang Lienemann (Hg.): Streit um das Minarett. Zusammenleben in der religiös pluralistischen Gesellschaft. Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2009, 288 S.

Wahrscheinlich hätte das Buch, selbst wenn es ein halbes Jahr früher erschienen und dann auch schon im SGMOIK-Bulletin über das Minarett angezeigt worden wäre, nichts am Abstimmungsresultat der Minarettverbotsinitiative verändert. Die Jasager lesen möglicherweise keine differenzierten Überlegungen über das «Zusammenleben in der religiös pluralistischen Gesellschaft», und diffuse Globalisierungs- und Überfremdungsängste lassen sich nicht ohne weiteres durch nachdenkliche Abhandlungen zerstreuen. Und das sind die zehn in diesem Band vereinigten Artikel.

Es geht vom Statistischen und Historischen muslimischer Präsenz in der Schweiz über das Phänomen Minarett in der islamischen Tradition bis hin zu den zahlreichen (verfassungs-)rechtlichen Fragen über die Errichtung von Sakralbauten und öffentlicher Zurschaustellung religiöser Symbole. Die Schwierigkeiten jener neu entstandenen Einwanderungsgesellschaften, zu denen auch die schweizerische gehört, mit sich selbst zeigt sehr schön der letzte Artikel von Walter Kälin und Judith Wyttenbach auf, der prägnant zusammenfasst und ergänzt, was Walter Kälin schon vor zehn Jahren in seinem Buch Grundrechte im Kulturkonflikt dargelegt hat, «die Auseinandersetzung um den richtigen Platz von Assimilation oder Multikulturalismus im Umgang mit eingewanderten Menschen» in verschiedenen Bereichen des Verhältnisses zwischen Staat und Privaten.
Und da der Band die Abstimmung nicht mehr beeinflussen konnte, wird er vielleicht bei der Beurteilung der Streitfälle hilfreich sein, die uns sicher zu diesem Thema ins Haus stehen.

Hartmut Fähndrich

Moscheen mit oder ohne?

Christian Welzbacher: Euroislam-Architektur. Die neuen Moscheen des Abendlandes. Amsterdam: SUN Publishers, 2008. 110 S.


Das richtige Büchlein zur rechten Zeit. Überall wird debattiert, gestritten, demonstriert für/gegen/über Moscheebauten und besonders deren himmelwärts strebenden Appendices, die Minarette. Und hier liegt nun eine reich illustrierte Darstellung der Moschee an sich und ihrer neuesten Entwicklungen vor, nämlich derjenigen in Europa - also in einer Region, die weder bestimmt ist durch islamische Religion oder Kultur noch traditionelle «islamische», das heisst mittelöstliche Moscheearchitektur kennt.

Europa stellt somit besondere Anforderungen an den Bau islamischer «Gotteshäuser»: Einerseits werden sie von einer wachsenden muslimischen Gemeinschaft verlangt, andrerseits werden sie in eine «neue» architektonische Umgebung gestellt; und je nach Gruppierung, für die sie gedacht sind, machen die neuen Moscheebauten mehr oder weniger Anleihen an den Gebetshäusern islamischer «Herkunftsländer». Nicht selten sind sie mehr oder weniger Kopien davon.

Die drei Teile des Buches machen diese Entwicklungen und Anforderungen deutlich:
Der erste handelt vom historischen Hintergrund von «Europa und der Islam»: islamische Identität und Islam als Provokation und Romantik. Im zweiten Teil geht es ums Wesentliche: «Der Islam in Europa» bespricht die Entwicklung des Islams (der Muslime) vom Hinterhof zu einer unterschiedlich gearteten Integration, symbolisiert durch eine «Euroislam-Architektur» mit Anpassungen an europäische Bautraditionen. Im dritten Teil wird diese Entwicklung in die Zukunft projiziert und einige Moscheeprojekte vorgestellt - mit und ohne Minarett, unterscheidbar oder nicht von modernen christlichen Gotteshäusern. Alles zusammen zeigt eine längst in vollem Gang befindliche, hier am Architektonischen sichtbare Europäisierung des Islam, was nicht heisst, Entislamisierung, sondern vielmehr Ablösung von Traditionen aus anderer Zeit und anderen Weltregionen. Ein angenehm unaufgeregtes Buch.

Hartmut Fähndrich

Der Mensch ist die Lösung

Manea, Elham: Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte. Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2009.

Das Buch ist eine sehr persönliche Reaktion einerseits auf die veränderte Einstellung gegenüber «Muslimen» in Europa nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und andererseits auf den «Re-Islamisierungsprozess», der gegenwärtig in den arabischen Gesellschaften stattfindet und mit dem sich die Autorin nicht identifizieren kann: Sie will daher nicht länger zur schweigenden Mehrheit gehören.

Im ersten Teil prangert sie die herrschende «Wir gegen sie»- Mentalität an und die Reduktion der Menschen aus arabischen Ländern auf die Religion des Islams,
als ob diese sich - geographisch und historisch - uniform und homogen gezeigt hätte. In verschiedenen arabischen Ländern aufgewachsen, hat sie selbst erlebt, wie vielfältig die Religion des Islams sich präsentiert.

Elham Manea fordert die Einhaltung der Menschenrechte als oberstes Prinzip für alle und eine klare Absage an einen kulturellen Relativismus, wie er häufig in Europa
unter dem Deckmantel der Toleranz zu finden ist, einer Toleranz, die sich schliesslich als Gleichgültigkeit gegenüber der Rechte von Frauen oder Minderheiten erweist.

Allzu oft wird Religion von gewissen Gruppen vorgeschoben, um patriarchalische Forderungen durchzusetzen. Als Basis für das Konzept eines humanistischen Islams fordert Elham Manea vier Prinzipien: «Menschsein kommt vor Religion», «Wahlfreiheit und Rationalität», «Schluss mit Denkverboten» und «Gleiche Rechte für Frauen und Männer».

Es ist ein anregendes und auch ein mutiges Buch, das Elham Manea uns da vorlegt, das Zeugnis einer Humanistin, die sich das [Nach-]Denken in religiösen Fragen nicht verbieten lassen will: «Der Mensch ist die Lösung, nicht die Religion.»

Elisabeth Baeschlin

Lyrik aus dem Irak

Rückkehr aus dem Krieg. Neue Irakische Lyrik. Hg. Khalid Al-Maaly. Aus dem Arabischen von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker. Köln/Frankfurt: Kirsten Gutke Verlag: 2006, 681 S.

Khalid Al-Maaly ist als Chef des Kamel-Verlags (Köln) bekannt, in dem zahlreiche zeitgenössische arabische und aus dem Deutschen ins Arabische übersetzte Werke erschienen sind. Ausserdem hat er vor einigen Jahren schon eine Anthologie arabischer Lyrik herausgegeben (Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Berlin: Das Arabische Buch, 2000). Nun hat er, selbst irakischer Dichter im Exil, ein immenses Projekt vorgelegt: eine zweisprachige, arabisch-deutsche Sammlung moderner irakischer Poesie, ein äusserst verdienstvolles Werk.

Beginnend mit Nazik al-Mala'ika und Bad Shakir as-Sayyab, die "die Hauptrolle im Prozess der Modernisierung der arabischen Lyrik" (Vorwort, S. 10) spielten, stellt Khalid Al-Maaly poetische Werke von insgesamt 43 Dichtern und Dichterinnen zusammen, die die irakische Lyrik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestimmt und gestaltet haben.

Eine kurze Einführung macht mit einigen Haupttendenzen und mit den wichtigsten Namen bekannt. Dann folgen, auf gegenüberliegenden Seiten Arabisch und Deutsch die Gedichte, wobei es zwangsläufig mit dem Band "Zwischen Zauber und Zeichen" Überschneidungen gibt, da zahlreiche irakische Dichter zu den wichtigsten Dichtern der gesamten arabischen Welt im genannten Zeitraum gehören. So, neben den beiden schon genannten, Abdul Wahhab al-Bayyati, Boland al-Haidari, Sargon Boulos, Salah Fa'iq und andere.

Am Schluss finden sich biobibliografische Angaben zu den einzelnen AutorINNen, bei denen besonders auffällt, wie viele von ihnen in den Jahrzehnten der Diktatur ihre Heimat verliessen, ein Phänomen, das man auch von der irakischen Prosaliteratur kennt: Die irakische Literatur ist weithin Exilliteratur.

Hartmut Fähndrich

Abraham Geiger und der Koran

"Im vollen Licht der Geschichte". Die Wissenschaft des Judentums und die Anfänge der kritischen Koranforschung. Hg. Dirk Hartwig, Walter Homolka, Michael J. Marx, Angelika Neuwirth. Würzburg: Ergon Verlag, 2008, 299 S. 

Angelpunkt der in diesem Band zusammengestellten Aufsätze ist Abraham Geiger (1810-1874), der "in seinem bahnbrechenden Werk 'Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen' (1833) [versuchte], die biblischen und nachbiblischen Traditionen zu identifizieren, die sich im Koran auf verschiedene Weise reflektieren" (S. 27). Gemeinsam mit anderen, Zeitgenossen und Späteren, unternahm er es, den Koran "aus dem Bezugsrahmen eines - häufig stereotyp zum 'ganz Anderen' der islamischen Offenbarung verzeichneten - Heidentums, der jâhiliyya, in den weiteren Kontext nahöstlicher Traditionsbildung" zurückzuholen.

"Koranforschung ist ein Teil der Spätantike-Forschung, die das breite Spektrum jüdischer und christlicher Exegese in den Blick nehmen muss", schreibt Angelika Neuwirth in ihrer Einführung des Bandes und charakterisiert so gleichzeitig das Forschungsprojekt, dem sich der Band verdankt: Das Corpus Coranicum - Dokumentierte Edition und Historisch-kritischer Kommentar zum Koran, so der Name der seit Beginn des Jahres 2008 an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften existierenden Arbeitsstelle, sieht seine Aufgabe in drei Teilbereichen, so ihr Leiter, Michael J. Marx, nämlich "Textdokumentation, Sammlung der Texte zur Umwelt des Koran, und Erstellung eines historisch-kritischen Kommentars" (S. 45). Bei dieser Erforschung der koranischen Umwelt führen die Forscher verschiedene Ansätze westlicher Koranforschung fort, deren Ausgangspunkt, trotz aller möglichen Kritikpunkte, derjenige von Abraham Geiger ist, dem Fokus der hier vorgelegten Debatte.

Hartmut Fähndrich

Zwischen Oxus und Indus

Pierre Centlivres / Micheline Centlivres-Demont: Revoir Kaboul. Chemins d’été, chemins d’hiver entre l’Oxus et l’Indus 1972-2005. Carouge-Genève: Editions Zoé, 2007. 479 p.

Kabul, Kabul, immer wieder Kabul!
Für das Ehepaar Centlivres-Demont, Ethnologen in Neuchâtel, ist Kabul der Fokus wissenschaftlichen Lebens gewesen, oder besser: die Drehscheibe, über die sie jahrzehntelang zu den Regionen ihrer Tätigkeit gelangt sind. Und auf diese blicken sie in ihrem umfangreichen Buch zurück. Es handelt sich um die Zusammenstellung und Edition der Notizen aus zahlreichen Reisen, anfangs hauptsächlich in Afghanistan, dann auch in Pakistan, Iran und Indien. Es ist damit der Bericht über ein Leben für und mit dieser Region – nicht nur als Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung, sondern auch als Raum freundschaftlicher Beziehungen über mehrere Jahrzehnte hinweg.
So wird Revoir Kaboul auch zu einer Art Geschichts- und Geschichtenbuch. Die Orte, unzählige Orte, werden in ihrer Veränderung von einem Besuch zum anderen geschildert. Auch die Menschen, ihre Lebensverhältnisse und der Einfluss der Politik darauf. Anfangs gab es noch einen König, dann (1973) kam eine Revolution, dann (1979ff.) die sowjetische Besetzung, dann (1989ff.) die Auseinandersetzung unter den Mudschahidin, dann (1996ff.) die Taliban und schliesslich (2001ff.) das Afghanistan nach deren Sturz. In den achtziger Jahren verschieben sich die Untersuchungen der afghanischen Gesellschaft durch die beiden Ethnologen, zusammen mit einem grossen Teil der afghanischen Bevölkerung, in die Flüchtlingslager in Pakistan, wo die „Nation im Exil“ lebt.
Immer wieder unterbrochen wird der Bericht, dessen Ordnungsprinzip die tagebuchartige chronologische Abfolge ist, durch Reflexionen über Andersartigkeit und über die Schwierigkeiten bei der Annäherung an die Menschen, die „Gegenstand“ des wissenschaftlichen Interesses sind – die eigentliche Unmöglichkeit, in deren Innerstes und Intimstes vorzudringen.

Hartmut Fähndrich

Für den Einstieg

Atlas du Liban. Seconde édition revue et augmentée. Beirut/Paris: Presse de l’Université Saint-Joseph, 2006.

Das ist etwas für den schnellen Einstieg, die klare Übersicht und die erläuternde Illustration. Ein Atlas, der über die Geografie, die Geschichte, die Wirtschaft und die Gesellschaft des Zedernlandes Auskunft gibt. Angefangen mit seiner Eingliederung in den Mittelmeerraum, sein Relief, sein Klima und seine Vegetation, reichen die Informationen über seine Geschichte (von der Prähistorie bis zum Abzug der Syrer) bis hin zum Strassennetz, zum Tourismus und zum Bildungswesen. Alle diese Themen stellt das Herausgeberteam in je einem kurzen Artikel, ausserdem in Karten und, soweit verfügbar, in Tabellen. Eine den Libanon mit grösstmöglicher Objektivität darstellende Informationssammlung!

Hartmut Fähndrich

Handlanger der USA

Gilbert Achcar with Michel Warschawski: The 33-Day War. Israel’s War on Hezbollah in Lebanon and its Aftermath. London/San Francisco/Beirut: Saqi, 2007. 136 p.

Nicht wenige Libanesen sehen in dem israelischen Bombenkrieg gegen den Libanon im Sommer 2006 in erster Linie einen amerikanischen Krieg, Israel nur als willigen Handlanger. Denn, so die Ansicht des Hauptautors, G. Achcar, der schon durch zahlreiche scharfzüngige Analysen der politischen Entwicklung in der arabischen Welt bekannt ist, als Staat sei Israel abhängiger von den USA als der Hisbollah als Organisation von Iran. Die mittelöstliche Pattsituation, die durch die Konfrontation im Libanon («Mehrheit» vs. «Opposition») und in Palästina (Fatah/PLO vs. Hamas) entstanden sei, habe die amerikanische Regierung in ihrem Sinne regeln wollen und deshalb der israelischen grünes Licht zur Durchführung eines längst entworfenen Plans gegeben: das Eindringen in den Gasa-Streifen und den Krieg gegen den Hisbollah. Die entführten Soldaten seien nur Vorwand gewesen, denn schliesslich gehöre es seit Jahrzehnten zur israelischen Methode, Personen, d.h. in erster Linie Palästinenser, zu entführen.
Es ist ein Büchlein, das die uns im allgemeinen als israelische Selbstverteidigung hingestellten Ereignisse gegen diesen glatten Strich liest.


Hartmut Fähndrich

Vom Emirat bis Tâïf

Georges Corm: Le Liban contemporain. Histoire et société. Edition actualisée. Paris: La Découverte, 2005. 343 p.
Fawwaz Traboulsi: A History of Modern Lebanon. London/Ann Arbor: Pluto Press, 2007. 306 p.


Zwei neue Bücher geben kompetent und konzise Auskunft über die neuere Geschichte des Libanon. Das eine von Georges Corm, dem Wirtschaftswissenschaftler und Historiker, zeitweise auch Minister, dem man schon viele Bücher über den Libanon, über den Mittleren Osten, über das Orient-Okzident-Verhältnis verdankt. Das andere von dem noch nicht so bekannten Beiruter Historiker und Politologen Fawwaz Traboulsi.
Beide setzen den Beginn des modernen Libanon einige Zeit vor der Ziehung der heutigen Grenzen (1920) an, nämlich im 16. Jahrhundert mit der Etablierung des Emirats im Libanon-Gebirge, das eine gewaltige Expansion kannte und in dem so manche Historiker den Ausgangspunkt für libanesische Identität erblicken wollen. Corm stellt diesem Anfang einige interessante Überlegungen zur libanesischen historischen Befindlichkeit voran, die paradoxe Identität und das Gegeneinander von Säkularismus und Konfessionalismus.
Danach durchpflügen beide die Jahrzehnte seit der Staatsgründung samt der Einrichtung des Konfessionalismus, der, verstärkt durch das Abkommen von Tâïf, auf vielfältige Weise die Entwicklung des Landes blockiert. Während Traboulsi bei Tâïf endet, geht Corm noch über die Ermordung Hariris im Februar 2005 hinaus und schliesst ab mit Überlegungen über den Kommunitarismus und dessen Überwindung. Zwei Lehrbücher, die mehr sind als nur das.


Hartmut Fähndrich

Art islamique dans un dialogue interculturel

Nasser D. Khalili: The Timeline History of Islamic Art and Architecture, Worth Press, 2005.

The Timeline History of Islamic Art and Architecture du docteur Nasser D. Khalili est un aperçu général sur l’histoire de l’art et de l’architecture islamique à travers des exemples et des oeuvres brillamment illustrés appartenant dans leur grande majorité à l’auteur du livre.
Nasser D. Khalili, académicien et collectionneur passionné et de renommée internationale, nous met entre les mains un livre très élégant contenant une partie de son trésor estimé à quelques 25,000 objets, dans une tentative d’illuminer le développement des différents arts islamiques depuis leur début au septième siècle jusqu’au début du vingtième siècle. Dans ses débuts, l’art islamique subissait l’influence directe des traditions artistiques des anciens empires byzantin et sassanide. Les Khalifes de la dynastie omeyyade (661-750) engageaient des maîtres byzantins ou sassanides pour répondre aux besoins d’une nouvelle civilisation encore faible en techniques et moyens d’expression. La mosquée omeyyade à Damasse avec son architecture de basilique, ainsi que les pièces de monnaies frappées à l’époque encore avec des sigles byzantins, témoignent de cette influence.
C’est à partir du huitième siècle, avec l’arrive des Abbassides en 750, une dynastie concurrente qui se légitimait par ses liens familiaux avec le prophète, que l’art islamique se développe dans un tout autre itinéraire. C’est à partir de ce moment que l’on peut parler, selon Khalili, d’un art islamique authentique.

A partir d’une définition assez large de l’art islamique, Khalili nous amène pour un tour d’horizon à travers les grandes cités de l’islam: Beijing, Delhi, Boukhara, Chiraz, Bagdad, le Caire, Damas, Istanbul, Fez, Granada etc. Bien que dispersés dans la grande géographie de l’empire islamique, les artistes et maîtres musulmans souvent anonymes produisaient des oeuvres ayant des traits communs, visibles aussi bien dans l’architecture que dans les livres et les objets d’arts décoratifs ou à usage quotidien.
Khalili définie l’art islamique à partir de cette donnée comme la forme d’expression artistique produite par des artistes musulmans pour des patrons musulmans, sans exclure les oeuvres produits par des artistes musulmans pour des partons non musulmans, comme c’était le cas en Espagne ou en Sicile. Le qualificatif «islamique» n´est pas pour attribuer à cette art un caractère strictement religieux. Il n’est pas seulement – comme c’est le cas de l’art dite «chrétienne» – l’expression d’un esprit religieux. Une grande partie de l’art islamique est en effet un art séculaire. On parle ici d’un art islamique, vu la pensée profonde qui lui servait de base. En effet, une grande partie du vocabulaire artistique musulman et des moyens d’expression a été tirée de la philosophie musulmane. S’ajoute à cela les caractéristiques communs qui fondent ses concepts, notamment la forte présence de la calligraphie sur la base de la langue arabe: la langue sacrée du texte coranique, l’ornement, l’arabesque et les motives géométriques comme expression de l’infini universel.
Khalili dément l’idée généralisée qui veut que l’art islamique, depuis ses débuts a bannie l’expression figurative. C’est uniquement dans le domaine sacré que la figuration était sujet d’un iconoclasme général. Dans le domaine séculaire, il n’en manquait pas d’oeuvres d’une forte expression figurative ayant comme sujet la nature, des scènes de vie quotidienne de cité, de palais, de chasse ou de guerre et, plus tard, des portraits de personnes ou de paysages.
Le corps du livre est précédé par une présentation des différentes dynasties ayant régie depuis le premier siècle de l’ère islamique sur le spectre politique et ethnique du monde islamique de l’Inde jusqu’au Maroc.
Les seize pages du Timeline lui même présentent en quatre voies parallèles – qui présentent cinq régions de la géographie musulmane: L´Afrique du nord et l’Espagne, le Moyen Orient, l’Anatolie et les Balkans, l’Iran, l’Asie central et l’Inde – un aperçu chronologique des développements majeurs qu’a connu l’art islamique et, d’une manière peu explicite, l’influence de l´état politique et sociale sur ce développement.
Ainsi, on peut suivre, simultanément à travers le temps et le lieu, les différentes écoles et tendances artistiques qu’a connu la région en lien avec l’environnement social et politique qui les a engendré. The Timeline History est un oeuvre qui s’inscrit avec mérite dans le contexte d’un dialogue interculturel. Non seulement, il redonne à l’art islamique la place qu’il mérite au sein de la civilisation humaine, mais il met en évidence les manifestations de son universalité.
L’art islamique a su, depuis ses débuts, non seulement assimiler les moyens d’expressions d’autres cultures mais aussi s’ouvrir sur des arts et connaissances fondés sur des philosophies totalement différentes de la sienne.

Jaouad Mousser

Two hundred authors

Kadhim Jihad Hassan: Le roman arabe (1834-2004). Arles: Sindbad/Actes Sud, 2006. 395 pp.

The late Najib Mahfuz may be the Arab novelist best known abroad, but he is not the only one. Kadhim Jihad Hassan’s survey of the Arabic novel discusses well over two hundred authors, from experimenters with new narrative forms in the mid 19th century to today’s young novelists, who come from Morocco, Mauritania, Yemen and Bahrain as well as Egypt or Lebanon. Thanks to the book’s immense range and the author’s concise but perceptive observations on the works he presents, this is a unique introductory guide to the Arabic novel. It may not provide in-depth treatments, but it gives a wealth of information – and a real desire to get to know a host of lesser-known authors. The appendix of works treated indicates French translations, where they exist.

Hilary Waardenburg-Kilpatrick

Mon dîner chez Saddam

Liesl Graz: Mon dîner chez Saddam... et autres histoires du Proche-Orient. Paris: L'Harmattan, 2005. 291 p., Fr. 26.50.

Liesl Graz has been travelling to Iraq, the Gulf, Oman and other areas  often regarded as on the fringes of the Arab world since the mid 1970s. Apart from her articles in The Economist and the Tribune de Genève, her L'Irak au présent (1979) attracted attention for providing a rare informed account of the contemporary situation of the country. Mon dîner chez Saddam contains the very varied experiences and impressions which she could not publish in a newspaper or scholarly book, but they are none the less interesting, thought-provoking and sometimes entertaining for that.
With a husband and sons in Switzerland, Liesl Graz could not live for long periods in the Middle East.  But thanks to her frequent visits to the region over many years and her independent approach, her observations have a depth which instant reporting lacks, while she never takes for granted things which an established correspondent might in the end find familiar. She has also been well placed to record changes, especially in Iraq and Oman, the two countries which take up the lion's share of the book - in one case the destructions caused by dictatorship and war, in the other the modernisation following on the country's opening-up to the outside world. After reading this book, few will regret not having received an invitation to dinner with Saddam Hussein - but many would have liked to be on the Sultan of Oman's second personal yacht travelling from Venice to Salala as part of the UNESCO Silk Road Project.

Hilary Waardenburg-Kilpatrick

Von Bagdad nach Paris

Abdelkader al-Dschanabi: Vertikale Horizonte. Von Bagdad nach Paris. Basel: Lenos, 1997.
Samuel Shimon: An Iraqi in Paris. An Autobiographical Novel. London: Banipal Books, 2005.

Der Berichte sind viele, greifbar sind wenigstens einige. Über junge Männer, die Bagdad verliessen, um ein bisschen wie Hans im Glück irgendwo etwas Besseres zu finden. Die Berichte von Abdelkader al-Dschanabi, der heute noch in Paris lebt, und von Simon Shimon, der heute in London lebt, gleichen sich in vieler Hinsicht. Beide haben Bagdad mehr oder weniger frustriert und/oder hoffnungsvoll verlassen. Al-Dschanabi, der 1944 geboren ist, 1970, der zwölf Jahre jüngere Shimon 1979. Es waren die Verlockungen des Westens, die beide aus dem Zweistromland sogen. Al-Dschanabi erzählt, wie sie in Bagdads Cafés Westliches (Literatur und Filme, einschliesslich der darin vorgestellten Lebensart) verschlangen und so die Sehnsucht wuchs. Shimon berichtet von seinem tiefen Wunsch, Filmregisseur zu werden, nach Hollywood zu gehen. Die Wirklichkeit, die beide aus einer jeweils recht langen zeitlichen Distanz darstellen, sah dann doch etwas anders aus.
Al-Dschanabi ging zunächst nach London, erlebte Musik, Literatur, Drogen, Not. Er kiffte und stahl, um zu überleben, und gelangte schliesslich nach Paris, wo er sich sehr vom Kreis der Surrealisten und Situationalisten angezogen fühlte und sich durch europäisches Denken des zwanzigsten Jahrhunderts arbeitete. Auch für die Erneuerung der arabischen Literatur, besonders der Poesie, versuchte (und versucht) al-Dschanabi zu arbeiten, beispielsweise durch die Herausgabe von arabischsprachigen Zeitschriften.
Samuel Shimon probierte sein Glück zunächst in den arabischen Bruder-, bzw. Nachbarländern, die sich aber gar nicht brüderlich gebärdeten. In Syrien, Libanon und Jordanien wird er unter verschiedenen Vorwänden (gemeinsamer Nenner: Spionage) festgenommen und malträtiert. Dann setzt er sich nach Paris ab, wo er jobbend und bettelnd jahrelang als anerkannter Flüchtling mehr oder weniger permanent auf dem Pflaster lebt, unterstützt von arabischen Freunden.
Zu lesen ist Shimons Buch leichter. Es hat etwas Pikareskes. Selbst die physischen Misshandlungen auf den verschiedenen arabischen Polizeistationen sind so beschrieben, dass man die Bitterkeit zwar spürt, diese aber weit weg geschoben und hinter einem ausgeprägt schelmischen, ja, simplicissimus-haften Ton verschwindet, ein Ton, den der Autor auch weitgehend bei seinen Schilderungen des Vagantenlebens auf Trottoir und in Bars beibehält.
Einen solchen Ton hat al-Dschanabi im ersten Teil. Doch auch da tritt schon ernsthaftere, manchmal etwas schwere Auseinandersetzung mit den politischen Vorgängen auf, die später bei den Erörterungen über das kulturelle Leben in Europa, besonders den persönlichen Affiliationen des Autors, noch intensiviert wird.
Zwei spannende Bücher, um Irakisches zu erfahren, um Elemente der Ost-West-Beziehung kennenzulernen.

Hartmut Fähndrich

esense GmbH