Ulrich Stadler, Basel
Abstract
Verfasser, der ein Jahr zuvor verstorbene Karl Philipp Moritz, hat das Werk nicht mehr abschließen können. Es ist ein Briefroman, der allein schon durch diese Gattungszugehörigkeit für die Thematik der Kippfiguren Relevanz besitzt. Die Präsentation des Inhalts nämlich erfolgt hier, ohne dass ein den Erzählstoff vermittelnder Erzähler fassbar würde. Es gibt nur die Briefe der Protagonisten, und diese vertreten ihren je eigenen Standpunkt, der sich oft genug keineswegs mit dem der anderen Briefpartner deckt. Dadurch erscheint die selbe Sache von Brief zu Brief in anderer Gestalt. Anders und genauer ausgedrückt: Leser und Leserin müssen eine Sache (er)finden, von der sie nur inkompatible, häppchenweise zugeteilte Beschreibungen besitzen. Moritz wäre nicht der ingeniöse Autor, der er ist, wenn er diese erzähltheoretische Finesse der Form des Briefromans nicht auch für den spezifischen Inhalt seines Romans nützen würde: Die Liebenden haben ähnliche Probleme wie wir Lesenden; sie erkennen sich nicht direkt, sondern müssen sich mühsam mit Hilfe von trügerischen Indizien ein Bild von einander machen.
Bio
Em. Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich. Forschungsschwerpunkte: Geschichte der deutschen Literatur vom 17. bis 20. Jahrhundert, bes. Goethe, Novalis, E.T.A. Hoffmann, Heine, Hohl und Kafka, Beziehungen der Literatur zur Philosophie, Anthropologie und zu anderen kulturellen Praktiken, Geschichte und Theorie der Wahrnehmung und des Sammelns. Neuere Publikationen: mit H.-G. von Arburg/M. Gamper (hg.), « Wunderliche Figuren ». Über die Lesbarkeit von Chiffrenschriften, München 2001; Der technisierte Blick. Optische Instrumente und der Status von Literatur. Ein kulturhistorisches Museum, Würzburg 2003; mit S. Haupt (hg.), Das Unsichtbare sehen. Bildzauber, optische Medien und Literatur, Zürich 2005..


