Schweizerische Gesellschaft für Kulturtheorie und Semiotik SGKS

Internationale Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturtheorie und Semiotik (SGKS)

Sich einrichten. Zur Poetik und Semiotik des Wohnens seit 1850

Université de Lausanne, Section d’allemand, 11.-13. April 2019

„Wohnen heißt Spuren hinterlassen. Im Interieur werden sie betont.“ Dieser ebenso pointierte wie folgenreiche Befund Walter Benjamins bildet den Ausgangspunkt für die geplante Tagung. Er weist erstens darauf hin, dass es sich beim Wohnen um eine anthropologische Aktivität handelt, die an eine räumliche Umgebung („Interieur“) ebenso gebunden ist wie sie diese allererst herstellt. Er besagt zweitens, dass Wohnen über eine Produktivität verfügt, welche Zeichen („Spuren“) hinterlässt und damit Bedeutungen herstellt, die ihrerseits gelesen werden können und gelesen werden sollen. Der Wohnraum fungiert als Artefakt, das von seinen Produzenten (Architekten, Designern, Bewohnern) und von deren Interessen angeleitet, gestaltet und gebraucht wird und so nonverbale Informationen über die genannten Akteure und ihren kulturgeschichtlichen Kontext akkumuliert. Das wiederum impliziert drittens, dass es sich beim Wohnen um keine unmittelbar wahrnehmbare Tätigkeit handelt, sondern um ein ebenso unscharfes wie historisch und lokal wandelbares Bündel von Tätigkeiten und Verrichtungen, das sich nur mittelbar, über seine Gestaltung und Ablagerungen, seine Bilder, Narrative und Reflexionen erschließen lässt. Das Wohnen konstituiert viertens eine räumlich praktizierte und kulturell überformte Differenz von Inklusion und Exklusion, Innen und Außen, wenn bestimmte Dinge, Personen und Aktionen in die Wohnräume eingelassen werden und andere nicht.
Diese poetische wie semiotische Produktivität steht im Mittelpunkt der geplanten Tagung. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass eine solche Poetik und Semiotik des Wohnens im Verlauf des „wohnsüchtigen“ (W. Benjamin) 19. Jahrhunderts zunehmend virulent wird und sich schließlich zum Gemeinplatz verfestigt. Historisch realisiert sich darin der bis heute andauernde Versuch, zunächst die mit dem traditionellen oikos bzw. dem ‚ganzen Haus‘ verbundenen Lebensformen zu verabschieden und sich alsdann in einer technifizierten, industrialisierten und urbanisierten Moderne einzurichten. Dies betrifft sowohl das eigene Selbst als auch die Privaträume, in denen sich dieses einrichtet, wobei die Ausgestaltung des Wohnraums die psychosoziale Einstellung seiner Bewohner und also auch deren Individualität sichtbar macht. Dem auf diese Weise emotionalisierten und individualisierten Verhältnis der Menschen zu ihrer dezidiert ‚eigenen‘ Behausung trägt das stets nur unzureichend bestimmbare Verb wohnen Rechnung, indem es eine neue und nachhaltige Weise der Bindung signalisiert, bei der am Ende selbst zu gemieteten oder gar besetzten Wohnungen ein buchstäblich eigentümliches Verhältnis entsteht. Das Einrichten einer Wohnung ist dabei mehr und mehr gleichbedeutend mit der reflexiven Variante des Verbs, dem Sich einrichten, geworden. Wohnen wird so zum Bestandteil der Arbeit am eigenen Selbst wie zum kulturellen Imperativ, dem man sich durch alternative bzw. passagere Wohn- und Lebensformen aber auch entziehen kann.

Mit Vorträgen von: Jan-Christopher Assmann (Goethe-Universität Frankfurt), Vera Bachmann (Universität Regensburg), Peter Brandes (Ruhr-Universität Bochum), Szilvia Gellai (KIT Karlsruhe), Roland Innerhofer (Universität Wien), Michael Jennings (Princeton University), Claudia Keller (Universität Zürich), Dave Lüthi (Université de Lausanne), Georg Mein (Université du Luxembourg), Irene Nierhaus (Universität Bremen), Günter Oesterle (Universität Gießen), Sarah Pogoda (Bangor University), Sergej Rickenbacher (RWTH Aachen), Alexandra Schamel (LMU München), Beate Söntgen (Universität Lüneburg), Bernd Stiegler (Universität Konstanz), Julia Weber (FU Berlin).

Konzeption & Organisation:
Prof. Dr. Hans-Georg von Arburg, Section d’allemand, 
Université de Lausanne, Bâtiment Anthropole, CH-1015 Lausanne, hg.vonarburg@unil.ch
Prof. Dr. Thomas Wegmann, Institut für Germanistik, Universität Innsbruck, Innrain 52, A-6020 Innsbruck, thomas.wegmann@uibk.ac.at

In Kooperation mit der Section d’allemand, Faculté des lettres, Université de Lausanne
Kontakt: hg.vonarburg@unil.ch

Programm-Flyer

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