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Friday, 03. September 2010






Mitteilungen der SGSS


Nachruf

Prof. Dr. phil., Dr. phil. h.c., Fil. dr. h.c Oskar Bandle (11.1.1926-17.1.2009)

Am 17. Januar 2009 ist Oskar Bandle an seinem Alterswohnsitz in Frauenfeld verstorben. Mit ihm verliert die deutschsprachige Skandinavistik einen Forscher und Lehrer, der das von ihm vertretene Fach in aussergewöhnlicher Tiefe und Breite versehen hat und dessen wissenschaftliches Lebenswerk nicht zuletzt in den nordischen Ländern nachhaltiger Resonanz sicher war.

Oskar Bandle wurde am 11. Januar 1926 in Frauenfeld geboren. Er durchlief die Schulen seiner Heimatstadt und begann 1944 in Zürich das Studium der deutschen Sprache und Literatur, belegte aber daneben auch Kurse in Isländisch und Schwedisch. Nach einem Aufenthalt am University College in London fuhr er 1948 nach Island, wo er am isländischen etymologischen Wörterbuch von Prof. Alexander Jóhannesson mitarbeitete, bevor er 1949 seine Studien an den Universitäten Kopenhagen und Uppsala fortsetzte. 1954 promovierte er an der Universität Zürich bei Rudolf Hotzenköcherle und Eugen Dieth mit einer Arbeit über die Sprache der ältesten isländischen Bibelübersetzung. Auf die Promotion folgte eine kürzere Tätigkeit am Schweizerdeutschen Wörterbuch in Zürich, der sich 1961-65 eine erste akademische Stellung als Universitätslektor für nordische Sprachen an der Universität Freiburg i. Br. anschloss. Erneute Studienaufenthalte in Skandinavien, auf Island und den Färöern legten den Grund zu einer Materialsammlung über die Haustierterminologie im Norwegischen, Isländischen und Färöischen, aus der ein zweibändiges Werk zur westnordischen Sprachgeographie erwuchs, mit dem er sich 1965 an der Universität Freiburg i. Br. habilitierte. Noch im Jahr der Habilitation auf einen ordentlichen Lehrstuhl für Germanische Philologie unter besonderer Berücksichtigung der Nordistik an die junge Universität des Saarlandes, Saarbrücken, berufen, wurde ihm drei Jahre später die Rückkehr in die Schweiz ermöglicht, nachdem 1968 ein Koordinationslehrstuhl für Nordische Philologie an den Universitäten Basel und Zürich begründet worden war, den er bis zu seiner Emeritierung 1993 innehatte.

Oskar Bandle war ein vielseitiger Philologe, und er durchdrang nahezu alle Gebiete seines weiten Fachs. Die liebsten Interessenfelder aber waren ihm nordische Sprachgeschichte und die Namenforschung. Seine Laufbahn als Namenforscher begann er 1954 mit einem thurgauischen Entwurf über „Die Naturlandschaft im Lichte der Flur- und Ortsnamen“, und nach zahlreichen Beiträgen, insbesondere im „Reallexikon der Germanischen Altertumskunde“, sah er 2007 noch die Vollendung des „Thurgauer Namenbuchs“, das er von den Anfängen an begleitet hatte. Auf sprachgeschichtlicher Seite legte die umfangreiche  Dissertation über „Die Sprache der Gu›brandsbiblía“ (1956) den Grundstein für die Erforschung des Älteren Neuisländischen. Aus den „Studien zur westnordischen Sprachgeographie“ (1967) gestaltete sich das Standardwerk „Die Gliederung des Nordgermanischen“, mit dem er 1973 die von der Schweizerischen Gesellschaft für skandinavische Studien herausgegebene Reihe „Beiträge zur Nordischen Philologie“ eröffnete. Am Ende seiner Laufbahn widmete Oskar Bandle all seine Energien einem letzten grossen Ziel: der Herausgabe des voluminösen, zweibändigen Werks „The Nordic Languages. An International Handbook of the History of the North Germanic Languages“ (HSK-Handbücher, Walter de Gruyter 2002-05), dessen 230 Artikel er als „main editor“ minutiös betreute.

Als Mitglied der Philosophischen Fakultäten der Universitäten Basel und Zürich ist es Oskar Bandle gelungen, die Schweizer Nordistik aus bescheidenen Anfängen zu einem vielseitigen, modernen  Fach zu entwickeln, welches die komplexen sprachlichen, literarischen und landeskundlichen Verhältnisse des Nordens mit einem entsprechend differenzierten Studienangebot zu bewältigen suchte. Trotz der erheblichen Mehrbelastung, die seine Doppelprofessur bedingte und die er zeitweise auch als Last empfinden mochte, hat er als Forscher mit breitem Interesse sowohl für philologisch-linguistische Sachgebiete wie für neuere und neueste skandinavische Literaturgeschichte, als Herausgeber und als Organisator wissenschaftlicher Kongresse und Symposien der gesamten deutschsprachigen Nachkriegsskandinavistik entscheidende Impulse zu vermitteln gewusst und massgeblich zu ihrem heutigen internationalen Erscheinungsbild beigetragen.

Oskar Bandle verfügte über eine aussergewöhnliche Sprachbegabung. Er stellte sie glänzend unter Beweis, als er 1961 als junger Lektor nach Freiburg i. Br. berufen wurde, wo er bis 1965 in sämtlichen nordgermanischen Sprachen höchst erfolgeich unterrichtete. Für seine wissenschaftliche Lebensleistung wurde ihm hohes Ansehen zuteil - Ehrendoktorate der Universitäten von Uppsala und Reykjavík, Mitgliedschaften in Akademien, Preise und Anerkennungsgaben. Er war ein geselliger Mensch, aber sein liebster wissenschaftlicher und sozialer Ort war „Gustav-Adolfs Akademien“ in Uppsala, wo er über Jahrzehnte sein Kontaktnetz so intensiv pflegte, dass er in Sprache und Habitus ohne weiteres als fast schon sprichwörtlicher ‚Uppsalaprofessor’ durchgehen konnte. Der „Schweizerischen Gesellschaft für skandinavische Studien“, zu deren Gründungsvätern er gehörte, stand er lange Jahre als Präsident vor, und er beeindruckte uns Mitglieder immer wieder durch seine Grosszügigkeit an Jahresfeiern und akademischen Anlässen, für die er zahlreiche und berühmte Künstler und Gelehrte aus ganz Skandinavien zu gewinnen vermochte.

Für die letzten Lebensjahre kehrte der Emeritus in seine Heimatlandschaft zurück, die früh motivierend auf sein Schaffen als Thurgauer Ortsnamenforscher gewirkt hat und der er stets eng verbunden blieb. Die letzte Ruhestätte hat er sich aber an seinem langjährigen Wohnsitz Greifensee gewünscht.

Hans-Peter Naumann



PD Dr. Ulrike Sprenger (28. Juli 1921 – 9. November 2008)

Am 9. November letzten Jahres verstarb Ulrike Sprenger, Privatdozentin für Altisländisch an der Universität Basel. Die in Rheinfelden (AG) geborene Ulrike Sprenger promovierte nach einem Studium in Basel bei Friedrich Ranke und war danach während vieler Jahre bei der Firma Sandoz berufstätig. Vor allem in den 1960er und 70er Jahren widmete sie sich daneben weiterhin der nordischen Philologie, so dass sie sich 1978 an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel habilitieren konnte, womit sie übrigens die erste nordistische Habilitation in Basel überhaupt ablegte. Anschliessend nahm Ulrike Sprenger zwischen dem Sommersemester 1979 und dem Sommersemester 1987 regelmässig und engagiert Lehraufträge an der Abteilung für Nordische Philologie wahr und deckte ausser den Einführungs- und Fortgeschrittenenveranstaltungen im Altisländischen den ganzen Bereich der altnordischen Literaturgeschichte sowie ausgewählte Themen aus der schwedischen Kulturgeschichte ab. Als Dozentin war sie bei den Studierenden ob ihrer philologischen Strenge gefürchtet und ob ihrem Enthusiasmus für die alte Literatur und ihrer Menschlichkeit geschätzt.

 

Im Lauf ihrer über fünfzigjährigen wissenschaftlichen Publikationstätigkeit befasste sich Ulrike Sprenger mit einigen der zentralen Gebiete, Themen und Texte des Fachs. Ihre Arbeiten basieren auf grossangelegten Quellenstudien und beeindrucken durch ihren Materialreichtum. Viele davon wurden in namhaften Zeitschriften und Reihen herausgebracht. Die 1951 bei Schwabe als Band 11 der Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur unter dem Titel Praesens historicum und Praeteritum in der altisländischen Saga. Ein Beitrag zur Frage Freiprosa-Buchprosa erschienene Dissertation ist eine Untersuchung des Erzählstils der Isländersagas und kommt zum Schluss: “Freiprosa und Buchprosa, wie dies bereits Heusler selbst in der Agerm. Dicht.2 ausgeführt hat.” Bei der Habilitationsschrift Untersuchungen zum Gebrauch von und nachgestelltem inn in der altisländischen Prosa, welche 1977 als Band 6 der Beiträge zur nordischen Philologie herauskam, handelt es sich um eine morphosyntaktische Analyse des Gebrauchs zweier Pronomina in der altisländischen Prosa; hier kann die Verfasserin zeigen, dass das ich-deiktische den Sagaerzählern feine Mittel an die Hand gibt, die eine “Profilierung des Stoffes und Beteiligung des Vortragenden erlauben”, während der Gebrauch von nachgestelltem inn die Entstehung der Saga in der mündlichen Sprache wahrscheinlich macht. Dies sind Fragestellungen, die die aktuelle Medialitätsforschung nach wie vor umtreiben. Ein vielbeachteter Wurf gelang Ulrike Sprenger 1992 nach einer Reihe von Vorstudien mit der in der renommierten Reihe Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde publizierten Darstellung Die altnordische Heroische Elegie (Band 6). Hier wendet sie sich gegen Mohrs These, dass es sich bei den elegischen Gedichten der Edda um Fremdstofflieder handle, und knüpft an Heuslers Konzeption einer “isländischen Spätblüte” an. Als letzte Monographie brachte Ulrike Sprenger 2000 eine konzentrierte Analyse von Sturla Þórðarsons Hákonar saga Hákonarsonar heraus (Texte und Untersuchungen zur Germanistik und Skandinavistik, Band 46); sie beschliesst den kleinen Band mit der bescheidenen Feststellung: “Sturla ist eine vielschichtige Persönlichkeit mit vielen Facetten; er ist nicht einfach zu charakterisieren.”

 

Daneben setzte sich Ulrike Sprenger in zahlreichen Aufsätzen und Lexikonartikeln mit sämtlichen Genres der altisländischen Literatur auseinander, etwa in gewichtigen Beiträgen zu “Nibelungensagen”, “Jungsigurddichtung” oder “Gudrunlieder” im Reallexikon. Im Mittelpunkt steht immer wieder die Beschäftigung mit der (Isländer-)Saga und den Heldenliedern der Edda. Oft tragen ihre Arbeiten gemeisselte, phantasieanregende Titel: “Zum Schwimmen im Blut”, “Der Kaltgerippte”, “Hirschvergleich und Totenpreis”, “Gefrorensein und Schmelzen”, “Zum Übertölpeln in Isländersagas”. In den achtziger und neunziger Jahren war Ulrike Sprenger in der internationalen Mediävistik durch diese Publikationen und regelmässige Tagungsteilnahmen sehr präsent. Ihre sorgfältigen, unprätentiösen, klugen Schriften werden weiter Beachtung finden.

 

Jürg Glauser, Basel

 




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