Jahresbericht 2017

Jahresbericht 2017

WISSENSCHAFTLICHE TÄTIGKEIT

TAGUNGEN

Wer spricht für den Islam in der Schweiz? Im Spannungsfeld von Alltag und Ansprüchen – Veranstaltung SAGW Bern, 23.10.2017


Am 23. Oktober 2017 führte das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) in Kooperation mit SGMOIK, SGS, SGR und GRIS an der Universität Bern eine öffentliche Abendveranstaltung zum Thema „Wer spricht für den Islam in der Schweiz? Im Spannungsfeld von Alltag und Ansprüchen“ durch. Das Format bestand in Kurzreferaten und einer Podiumsdiskussion, Organisatoren waren Prof. Dr. Hansjörg Schmid (Universität Freiburg) und Prof. Dr. Andrea Rota (Univ. Bern).
Die Tagung behandelte die Frage, wem im innermuslimischen Diskurs der Schweiz eine legitime Sprecherrolle zukommt, was für Medienberichterstattung und Beziehungen zwischen staatlichen Stellen und Muslimen von grosser Tragweite ist. Religiöse Autorität ist aber selten eindeutig vorgegeben, sondern wird erst in Gemeinden, informellen Netzwerken und gesellschaftlichen Debatten ausgehandelt. Daher wurde nach der Verortung der Akteure im Spektrum der Meinungsvielfalt unter Schweizer Muslimen gefragt, welches durch muslimische Dachverbände und meist ethnisch geprägte Vereine geprägt ist, während v. a. Jugendliche sich an andere Autoritäten wenden mögen. Wichtige Fragen waren folglich, auf welche Weise Musliminnen und Muslime in der Schweiz nach Autorität und Orientierung für ihren Lebensalltag suchen, welche Rolle weibliche und männliche Autoritäten oder Internet-Prediger spielen, und wie sich das gesellschaftliche Bedürfnis nach autoritativen muslimischen Stimmen auf innermuslimische Diskurse auswirkt.
Es wurde deutlich, dass Imame zwar wichtige Funktionsträger, jedoch bei weitem nicht als einzige religiöse Autoritäten angesehen werden können, zumal sie innerhalb ihrer Gemeinden wie in der Gesellschaft mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert sind, die sie u. a. wegen mangelnden Ressourcen nur partiell erfüllen können. Jugendliche und junge Erwachsene orientieren sich bei der Suche nach ihrer religiösen Identität an einer Vielzahl von Autoritäten wie Eltern, Freunden, Verwandten und Imamen. Aber auch Informationsplattformen im Internet und Internetprediger spielen für sie eine wichtige Rolle. Manche suchen gezielt nach Orten, um ihre Spiritualität und Religion ausserhalb der herkömmlichen Moscheevereine praktizieren zu können. Weibliche Autoritäten spielen für Frauen eine besondere Rolle, wenn es um Fragen der Erziehung oder Lebensführung im Islam aus Frauensicht geht.
Vereine und Dachverbände sind auf lokaler und kantonaler Eben bereits seit vielen Jahren mit den Behörden in Kontakt und fungieren als Ansprechpartner. Einige Teilnehmer betonten die Repräsentationsfunktion der Vereine, während andere diese in ihrer Repräsentativität und Exklusivität in Frage stellten und andere darauf hinwiesen, dass übertriebene Medienaufmerksamkeit diesem Spannungsverhältnis nicht zuträglich seien. Ein weiterer Gesichtspunkt besteht der kantonalen Religionspluralitätspolitik und der Frage nach Projektförderung, welche sich nach dem Grade der Anerkennung richtet. Auch wenn es zu keinem Konsens kam, wurde der Dialog zwischen den verschiedenen Positionen aus Wissenschaft und Praxis von den Teilnehmenden als positiv gewürdigt. Es wurde deutlich, dass eine Diskrepanz zwischen einem öffentlichen Bild des Islams und den Erwartung der Behörden einerseits sowie der Realität und den Strukturen der Muslime und ihrer Vereine auf der anderen Seite bestehen. Ohne diese Realität und Strukturen zu kennen, können Öffentlichkeit und Behörden nicht handeln bzw. wird eine Zusammenarbeit durch falsche Vorannahmen und Erwartungen behindert.
Beitragende per Referat und Diskussion waren Dr. Andreas Tunger-Zanetti (Universität Luzern), Dr. Petra Bleisch (Pädagogische Hochschule Freiburg), Prof. Dr. Hansjörg Schmid (Universität Freiburg), Prof. Dr. Andrea Rota (Universität Bern), Bekim Alimi (FIDS), Amira Hafner-Al Jabaji (Islamwissenschaftlerin und Publizistin), Martin Koelbing (Kanton Bern), Jasmin El-Sonbati (Offene Moschee Schweiz) und Dr. Ricarda Stegmann (Universität Freiburg).

Islam und Naher Osten zwischen Medien & Wissenschaft: Tagung und Publikumsanlass vom 23. November 2017 an der Universität Zürich

Angesichts einer von Ängsten geprägten und polarisierenden öffentlichen Debatte über den Islam, eine oft problematische mediale Berichterstattung und einen oft mangelhaften Kontakt zwischen Medienwelt und Fachwissenschaft suchten Islamwissenschaftler, Medienwissenschaftler und Journalisten auf der Tagung gemeinsam nach Lösungen für eine faktenbasierte Öffentlichkeit. Anhand von Fachvorträgen, Erfahrungsberichten und Roundtables wurden Faktoren des Gelingens und Scheiterns kommunikativer Handlungen und Inszenierungsmuster analysiert. An der nachmittäglichen Expertentagung wurden die Erwartungen von Fachwissenschaftlern und Medienschaffenden sowie darauf aufbauend Verbesserungsvorschläge zum Gelingen einer wissensbasierten Kommunikation herausgearbeitet und an der anschliessenden Abendveranstaltung mit einem breiten, zu beträchtlichen Teil der SRG zugehörigen Publikum diskutiert (94 Teilnehmer). Organisatoren waren Prof. Dr. Vinzenz Wyss (Journalistik, ZHAW, SGKM) und Prof. Dr. Henning Sievert (Islamwissenschaft, Univ. Bern, SGMOIK, Initiator).
Ausgehend vom Befund oft einseitiger, oberflächlicher oder skandalisierender Medienaufmerksamkeit und Berichterstattung über die oft vermischten Themen Naher Osten und Islam (bzw. Religion überhaupt) wurden Framing, Stereotypen, Mangel an Hintergrundwissen und Einordnungsfähigkeit, Medienlogik und Blinde Flecken diskutiert, um eine gemeinsame Gesprächsbasis für Journalisten und Fachwissenschaftler herzustellen, zu deren Etablierung künftige Veranstaltungen und hier geknüpfte Netzwerke beitragen sollen. Durch Zusammenarbeit mit der Trägerschaft der SRG Zürich Schaffhausen gelang es, Mitarbeitende der SRF-Fachredaktionen und medieninteressierte SRG-Mitglieder für das Thema und den Anlass zu interessieren. Damit wurden die Ziele der Tagung aus der Sicht der Organisatoren erreicht.
Beitragende per Referat und Diskussion waren neben den Organisatoren Dr. Christoph Ramm (Univ. Bern), Dr. Ulrich Brandenburg (Univ. Zürich), Dr. Alp Yenen (Univ. Basel), Dr. Andreas Tunger-Zanetti und Dr. Jürgen Endres (beide Univ. Luzern); Judith Wipfler und Antonia Moser (SRF Radio), Katia Murmann (Ringier), Arthur Rutishauser (Tagesanzeiger), Helene Aecherli (Annabelle); Prof. Dr. Urs Dahinden (HTW Chur), Prof. Dr. Michael Haller (Hamburg Media School), Dr. Melanie Verhovnik (Univ. Eichstätt), Dr. Lea Hellmueller (Univ. Zürich), Dr. Carmen Koch und Mirco Saner (beide ZHAW), Amira Hafner-Al Jabaji (Islamwissenschaftlerin und Publizistin), Regula Stämpfli (Journalistin/Politikwissenschaftlerin), Reinhard Schulze (Univ. Bern) und Erich Gysling (Journalist/Publizist).

Die Problematisierung des Islam im öffentlichen Diskurs. Öffentliche Vorträge und Podiumsdiskussion am 24. 11. 2017 an der Universität Zürich


Im öffentlichen Diskurs wird der Islam häufig als „Problem“ dargestellt, und viele Muslime fühlen sich hinsichtlich Religion und Lebenswelten nicht fehlrepräsentiert. Davon ausgehend fragte die Veranstaltung erstens damit, welche Konstellationen zu dieser Problematisierung des Islams führten und wer die Akteure in diesem Prozess sind, und zweitens, welche Auswirkungen dies auf Medien, Politik, Gesellschaft und muslimische Organisationen hat.
Diese Fragen betrachteten zunächst unter verschiedenen Blickwinkeln die Vorträge von Prof. Dr. Thijl Sunier (Ethnologe, Freie Univ. Amsterdam), Prof. Dr. Werner Schiffauer (Ethnologe, Univ. Frankfurt), Dr. Patrik Ettinger (Soziologe, Univ. Zürich) und Dominik Müller (Ethnologe, Univ. Zürich) und anschliessend die Podiumsdiskussion mit Jacqueline Fehr (Regierungsrätin, Kanton Zürich), Amira Hafner-Al Jabaji (Islamwissenschaftlerin und Publizistin, SRF), Dr. Montassar BenMrad (Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz), Prof. Dr. Werner Schiffauer, Dr. Patrik Ettinger und Dominik Müller (Moderation) und gaben Anstösse für einen Dialog zwischen beteiligten und betroffenen Akteuren. Organisator der Veranstaltung war Dominik Müller (Univ. Zürich) in Kooperation mit SGMOIK und SEG im Rahmen der Reihe «La Suisse existe – La Suisse n’existe pas»».
Der Vortrag von Prof. Sunier stellte eine Diversifizierung, Pluralisierung und Polarisierung von globalen, nationalen und lokalen Islam-Debatten fest, die mal miteinander in Kontakt stehen und mal nicht. Anders als vor Jahren sind heute Muslime aktiv an den Debatten beteiligt, und Konflikte werden v. a. global und national, aber weniger lokal ausgetragen. Prof. Schiffauer behandelte die Kategorisierung islamischer Gemeinden durch das deutsche Bundesinnenministerium aus wissenssoziologischer Sicht. Als Wissensproduzent interagiert Staat hier mit anderen wissensproduzierenden Systemen wie Medien oder Wissenschaft. Prof. Ettinger kritisierte die Einseitigkeit der schweizerischen Medienberichterstattung über Muslime, da diese sich oft auf Radikalisierung und Terror konzentriert und dies mit distanzvermittelnden, emotionalisierten und pauschalisierenden Aussagen verbindet, ohne eine weitergehende Einordnung vorzunehmen. Dagegen seien gelingende Integration und Alltagsthemen kaum repräsentiert. Die Podiumsdiskussion war als kritisch reflektierender Dialog von Vertretern aus Politik, Medien, Wissenschaft und Bekenntnisorganisationen angelegt und diskutierte Problematisierungsprozesse, divergierende Problemwahrnehmung, die Auswirkungen und den Umgang mit dem aktuellen Islamdiskurs und schliesslich die wechselseitigen Erwartungen der anwesenden Vertreter, was mit Publikumsfragen abgeschlossen wurde. Auf entsprechende Fragen entgegnete Frau Fehr, eine kantonale Anerkennung als Religionsgemeinschaft sei schwierig, weil sie nur durch eine Volksabstimmung möglich sei, deren Chancen zur Zeit tief seien.

PUBLIKATIONEN


Das SGMOIK-Bulletin wird in Layout und Druckqualität professioneller gestaltet als zuvor, indem von kostenloser Amateurarbeit zu bezahltem Auftrag übergegangen wurde, was wiederholte Anpassungen erforderlich machte, um das Verhältnis von Kosten und Qualität in einer für die Verhältnisse der SGMOIK geeigneten Weise zu gestalten. Alle anderen damit verbundenen Tätigkeiten übernimmt weiterhin die Redaktionsleiterin und Vizepräsidentin in ihrer Freizeit. Aufgrund dieser Umstellungen konnte 2017 nur ein Bulletin veröffentlicht werden (Nr. 44 zum Thema «Die Aneignung des Orients»), während das zweite sich im Februar erscheint (Nr. 45: «Die Golfstaaten»).
Das jeweils aktuelle Bulletin wird gedruckt an die Mitglieder verschickt und auf der Homepage als pdf-Datei zugänglich gemacht.

INTERNATIONALE BEZIEHUNGEN


Die SGMOIK ist Mitglied der European Association of Middle Eastern Studies (EU-RAMES).

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT/INFORMATION


Die SGMOIK publiziert einen eigenen kostenlosen elektronischen Newsletter, der viermal im Jahr erscheint und weit über den Kreis der SGMOIK-Mitglieder hinaus versandt wird.
Die Forschungs- und Netzwerkplattform auf der SGMOIK-Homepage wird weiter ausgebaut.

ADMINISTRATION


Die ordentliche Generalversammlung fand am 1. April 2017 in Bern statt.

Henning Sievert

esense GmbH