Schweizerische Gesellschaft für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft 23.10.2009 - 24.10.2009 | Universität Basel
Probleme der Gattungstheorie
Internationales Jahreskolloquium der Schweizerischen Gesellschaft für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft (SGAVL)
Universität Basel, 23.-24. Oktober 2009
Konzept der Tagung
Im Rahmen des Kolloquiums sollen Probleme der Gattungstheorie aus der Perspektive der allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft zur Sprache kommen. Der Begriff der Gattung ist also auf „Textgruppenbildungen“ (Klaus W. Hempfer) oder „Ordnungsmuster“ (Rüdiger Zymner) zu beziehen, die im engeren Sinne literarisch sind, und nicht zugleich auf den Bereich der Gebrauchstexte, der Gegenstand der Textsorten-Linguistik ist. Zugleich ist er aber weit zu fassen: Gemeint sind sowohl die allgemeinen, primären ‚Dichtweisen‘ Lyrik, Epik und Drama, die Goethe als „Naturformen der Dichtung“ bezeichnete, als auch die besonderen, sekundären ‚Dichtarten‘ wie Lied, Roman und Tragödie und deren Untergruppen wie Volkslied, historischer Roman und bürgerliches Trauerspiel. Dementsprechend kann mit dem Begriff der Gattungstheorie sowohl die Theorie bestimmter Einzelgattungen gemeint sein als auch die Theorie dieser Theorie, d.h. eine allgemeine Reflexion, die es, wie Zymner kürzlich dargelegt hat, mit den folgenden grundlegenden Problemen zu tun hat: „1. der Frage nach dem ontologischen Status von Gattungen; der Frage nach Kriterien und Möglichkeiten der Begriffsbestimmung und Beschreibung von Gattungen; 3. der Frage nach der Einteilung der Lit[eratur] als solcher in Gattungen; 4. der Frage nach dem Verhältnis von ‚Dichtarten‘ (Roman, Ballade, Tragödie) und ‚Dichtweisen‘ (Epik, Lyrik, Drama); 5. der Frage nach dem Verhältnis von Gattungen zu ‚Schreibweisen‘[gemeint sind Invarianten wie ‚das Narrative‘ oder ‚das Dramatische‘, M.W.] […]; 6. der Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten der Gattungsgeschichte; 7. der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gattungen und im weiteren Sinne soziologischen Sachverhalten (Funktionen von Gattungen, Gattungen als Institutionen, Gattung und Geschlecht); 8. der Frage nach den biopoetischen bzw. anthropologischen Dispositionen, welche Gattungen bedingen oder gar erzwingen“ (Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. D. Burdorf u.a. Stuttgart / Weimar 2007, S. 263).
Vor Probleme sieht sich aber auch die Theorie der Einzelgattungen gestellt, etwa vor das ihrer historischen oder transhistorischen Bestimmbarkeit; kann z.B. der Begriff der Tragödie so gefasst werden, dass er zur Beschreibung von konstitutiven Merkmalen sowohl der griechischen als auch der Shakespeareschen Tragödie taugt? Ein anderes Problem ist das der Ersetzung von Gattungskriterien durch Strukturmerkmale ästhetischer oder anthropologischer Konzepte. So wird im Bereich der Komödientheorie die Bestimmung der Gattung häufig durch die Angabe von Strukturmerkmalen des Komischen ersetzt.
Darüber hinaus sieht sich die Gattungstheorie – die der Einzelgattungen ebenso wie die grundlegende Reflexion über solche Theorie – mit dem Problem konfrontiert, dass die nationalsprachlichen Gattungssemantiken bisweilen deutlich voneinander abweichen. So schließt der Begriff der phantastischen Erzählung („conte fantastique“) im Französischen auch Teile jener Gruppe von Texten ein, die im Deutschen als „Kunstmärchen“ aus dem Bereich der phantastischen Erzählung ausgegrenzt werden. In ähnlicher Weise ist es in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft üblich, zwischen Legende und Sage zu unterscheiden, während der Begriff der Legende in der französischsprachigen Literaturwissenschaft auch die Sage beinhaltet; offenbar ist hier das Kriterium für jene Unterscheidung, der Gegensatz zwischen heiligem und profanem Personal, nicht ausschlaggebend für die Gattungsdefinition. Ebenso ist die Unterscheidung zwischen Gattung und Genre, die in Teilen der deutschsprachigen Gattungstheorie vorgenommen wird, im Französischen, aus dem das Wort Genre entlehnt ist, wie auch im Englischen unbekannt. In der vergleichenden Gattungstheorie zeigt sich also beim Übergang von einer Nationalsprache zur anderen, dass häufig dieselbe Sache mit verschiedenen Begriffen bzw. mit demselben Begriff nicht dieselbe Sache bezeichnet wird.
Die Probleme der Gattungstheorie, die im Rahmen des Kolloquiums zur Sprache kommen können, lassen sich nach dem Gesagten drei Gruppen zuordnen:
Die Theorie einzelner literarischer Gattungen.
Gattungstheorie als allgemeine „Theorie der literarischen Gattungen überhaupt“ (Zymner).
Divergenzen nationalsprachlicher Gattungssemantiken und nationalsprachlicher Gattungstheorie-Semantiken.