Vorwort zu den Tagungsakten «Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?»

Vorwort

von Dr. Marlene Iseli

Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?
Tagungsakten
«Ein pluralistisches Theorieverständnis, methodische Vielfalt, eine Vielzahl von Unter-suchungsgegenständen sowie die hohe Bedeutung der Individualforschung zeichnen die Geisteswissenschaften aus. Zunehmend gerät dieses Wissenschaftsverständnis in Kol-lision mit Megatrends in anderen wissenschaftlichen Disziplinen und mit wissenschafts- und forschungspolitischen Vorgaben. Wir beobachten eine Verschmelzung von Diszipli-nen zu neuen Konglomeraten (Life Sciences, Convergent Technologies), die Standardi-sierung von Methoden und Verfahren und die Ausrichtung auf Grossprojekte. Hinzu kommt, dass andere Wissenschaftsbereiche zumindest gegen aussen mit hoher Ge-schlossenheit auftreten. Dem steht ein selbstkritisches Verständnis der Geisteswissen-schaften gegenüber dem eigenen Tun und ihren Objekten entgegen. Die Problematisierung der Geisteswissenschaften manifestiert sich nicht nur und nicht hauptsächlich in der Aussenwahrnehmung – sie ist als Folge eines problematisierenden Selbstverständnis-ses der Selbstwahrnehmung eingeschrieben.
So stellt sich die Frage, ob eine ‹neue› Wissenschaftskultur für die Geisteswissenschaften notwendig geworden ist und wie diese auszusehen hätte. Mit der Tagung soll eine dis-ziplinenübergreifende Debatte über die künftige Position der Geisteswissenschaften lanciert werden; sie bildet den Auftakt für weiterführende Aktivitäten.» So lautete die Einführung in das Programmheft zur dreitägigen Veranstaltung «Für eine neue Kultur der Geisteswissen-schaften?», die vom 30. November bis zum 2. Dezember 2011 in Bern durchgeführt wur-de. Dem Kongress ging eine intensive, rund einjährige Vorbereitungszeit seitens der Arbeitsgruppe «Wissenschaftskultur» der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) und des Programms für Wissenschaftsforschung der Uni-versität Basel voraus. Dabei wurde die geisteswissenschaftliche Praxis in vier Hand-lungsfelder aufgegliedert und diese jeweils unter einem spezifischen Problematisie-rungsbegriff beleuchtet:

  • Forschung im Zeichen der Projektifizierung
  • Lehre im Zeichen der Employability
  • Hochschulsteuerung im Zeichen von Qualität und Leistung
  • Öffentlichkeiten im Zeichen der Nutzung

Diese vier Themenfelder wurden jeweils von mehreren ReferentInnen aus einer Innen- und einer Aussenansicht beleuchtet und im Plenum debattiert. Im vorliegenden Band wird diese die Veranstaltung prägende Struktur beibehalten. Zu Beginn jedes Themen-felds werden jeweils die Leitfragen wiedergegeben, die den ReferentInnen vorgegeben wurden. Der Tagungsbericht, der die wesentlichen Ergebnisse der Tagung zusammen-fasst, schliesst die Publikation ab. Auf der Grundlage der Ergebnisse der Tagung wur-den in der Zwischenzeit weiterführende Massnahmen eingeleitet. Aktuelle Informationen finden Sie auf der Website www.sagw.ch/geisteswissenschaften. Ebenso finden Sie dort die STICHWORTE zur aktuellen Lage der Geisteswissenschaften – verfasst vom Pro-gramm für Wissenschaftsforschung Basel –, die vier tagungsrelevanten Dossiers des SAGW-Bulletins wie auch Stimmen aus der Presse oder relevante hochschulpolitische Berichte.
Beim Lesen der in diesem Band publizierten Beiträge, deren Autoren und Autorinnen wir an dieser Stelle nochmals herzlich danken, wird deutlich, dass Handlungsbedarf be-steht, will man sich nicht mit Verweis auf Andersartigkeit und Sonderstellungsbedarf
aus der Verantwortung stehlen.


 

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