Gelungene Wissensvermittlung

Mittwoch 16. November 2011

Gelungene Wissensvermittlung

Verleihung des «Prix Média akademien-schweiz»

Mit dem Prix Média zeichnen die Akademien der Wissenschaften Schweiz spannende Beiträge von herausragender Qualität aus, die leserfreundlich und gut verständlich verfasst sind, einen Gesellschafts- und Gegenwartsbezug aufweisen und in einem regelmässig erscheinenden Schweizer Medium publiziert wurden. Eine Fernsehsendung (SF), eine Radiosendung (DRS2) und zwei Artikel (Das Magazin und NZZ FOLIO) werden nun am 25. November in Zürich ausgezeichnet.

Andreas Moser (Naturwissenschaften)
«Wer ist der Wolf? – Wie anders Wölfe sind, als man denkt», 9. September 2010, Sendung «NETZ NATUR», SF1

Der Wolf – ein Reizthema in der Schweiz. So sehr, dass das Parlament den Bundesrat beauftragt hat, den strengen Schutz für das Raubtier aufzuweichen. Andreas Moser zeigt in seinem Film, dass dies nicht notwendig ist; dass ein Zusammenleben mit dem Wolf auch ohne Abschüsse möglich ist. Dies gelingt ihm durch eine ungewöhnlich tiefe Recherche: Er hat sich in vier europäischen Ländern zeigen lassen, wie man dort mit den Raubtieren umgeht. Er lässt Forscher zu Wort kommen, Wildhüter, aber auch Schafhirten, die ihre Herden mit Hunden und Elektrozäunen schützen. Die Hirten verschweigen die Schwierigkeiten dabei nicht. Aber auch sie kommen zum Schluss: eine Koexistenz ist möglich und Abschüsse bieten auf Dauer keine Lösung. Diese freimütige Diskussion des Themas und die Breite der Recherche machen die Stärke dieses Beitrags aus.

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Katharina Bochsler (Geistes- und Sozialwissenschaften)
«Die anderen Geschlechter – Leben mit dem Phänomen Intersexualität», 20. und 21. Oktober 2010, Sendung «Kontext» SR DRS2

Mediziner haben sich während Jahrzehnten an der Therapie von intersexuellen Menschen versucht, teilweise in sehr fragwürdiger Art und Weise. Nicht selten auch auf Wunsch der Eltern. Und die betroffenen Kinder? Sie sind kaum zu hören. Erst seit kurzem wagen sich einige wenige erwachsene Intersexuelle an die Öffentlichkeit. Sie berichten über ihre verlorene Kindheit, über das Aufwachsen im Schweigen, über das intensive Gefühl nicht in Ordnung zu sein. Allmählich zeichnet sich eine Trendwende ab. Doch noch immer ist Intersexualität ein ungeklärtes Phänomen – medizinisch und sozial. Denn warum sich Föten intersexuell entwickeln und weshalb wir uns derart schwer tun mit geschlechtlicher Uneindeutigkeit, ist in weiten Teilen ein Rätsel. Beeindruckend sensibel bildet Katharina Bochsler das aktuelle Wissen und Nichtwissen zu diesem heiklen Thema ab und liefert einen spannenden, erhellenden und politisch brisanten Einblick in das Phänomen Intersexualität.

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Simone Rau (Medizin, Preisthema «Psychische Gesundheit»)
«Die Krankpflegerin», 22. Januar 2011, «Das Magazin»

«Die Krankpflegerin» ist die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter krank macht, um sie – vordergründig fürsorglich – wieder gesund zu pflegen. Doch in Wirklichkeit will sie sich die Aufmerksamkeit der Ärzte und Mitmenschen sichern. Sie leidet am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Es ist aber auch die Geschichte eines abwesenden Vaters, mehrerer Ärzte, die über Jahre vergeblich nach Symptomen für eine angebliche Krankheit suchten, von Gerichten und einer Vormundschaftsbehörde, die mit dem Fall völlig überfordert waren. Wie eine Kriminalgeschichte zieht der Artikel der 32jährigen Simone Rau den Leser in seinen Bann. Mit grosser Einfühlsamkeit schlüpft die Autorin in die Rollen der verschiedenen Akteure und zeigt so das ganze Ausmass des Dilemmas auf, das durch die Krankheit der Mutter entsteht. Damit ist es ihr in hervorragender Weise gelungen, eine seltene psychische Krankheit einer breiten Leserschaft in spannender Weise näher zu bringen. Der prämierte Text ist im Rahmen der Diplomarbeit von Simone Rau an der Journalistenschule MAZ entstanden. Simone Rau hat mit ihrem Artikel «Die Krankpflegerin» bereits den Nachwuchspreis 2011 des deutschen Journalistenbundes gewonnen.

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Reto U. Schneider (Technische Wissenschaften)
«Der Ketzer mit der Wärmepumpe», April 2011, NZZ FOLIO

Der Zeitgeist setzt Kernkraftgegner mit der Umweltbewegung gleich. Da kommt leise, aber bestimmt von einem Umweltaktivisten westlich des Rheins Widerspruch. Bruno Comby ist ein Umweltschützer, der sich wegen des klimaschonenden Potentials von Atomkraftwerken seit langem für die Kernkraft einsetzt. Er stellt unbequeme Fragen. Denn es ist längst noch nicht ausgemacht, dass der massive Ausbau erneuerbarer Energien angesichts des zu erwartenden Energiehungers einer Welt mit sieben Milliarden Menschen reichen wird. Und ist es nicht jetzt schon absehbar, dass für nicht gebaute oder abgestellte AKW trotz massivem Ausbau erneuerbarer Energien Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerke gebaut werden? Was bedeutet eine solche Entwicklung für den Kampf gegen die Klimakatastrophe? Reto U. Schneider versucht nicht den Leser von den Argumenten des Atom-Parias Comby zu überzeugen. Er zeigt vielmehr die Notwendigkeit auf, selbst zu denken. Der Artikel über diesen Querdenker ist ein Stück gegen ideologisch gefärbte Diskussionen. Er gehört zum Besten, was Journalismus zu leisten vermag.

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