"Spazieren muss ich unbedingt", Robert Walser und die Kultur des Gehens

Donnerstag 18. Mai 2017 — Sonntag 21. Mai 2017 — Zentrum Paul Klee, Robert Walser-Zentrum

"Spazieren muss ich unbedingt", Robert Walser und die Kultur des Gehens

Robert Walser-Zentrum, Universitäten Bern und Lausanne, Pädagogischen Hochschule Bern und Zentrum Paul Klee

»Spazieren [...] muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.« Robert Walsers Erzählung Der Spaziergang, aus der diese Zeilen stammen, ist 1917 erschienen. Heute zählt sie zu seinen wichtigsten Werken, wird weltweit gelesen und diskutiert – für uns Anlass, Gäste von nah und fern nach Bern zu bitten. Von Walser ausgehend, öffnet sich die Tagung auf ein thematisch breites und interdisziplinäres Umfeld hin. Zur Sprache kommen die Geschichte der Kulturtechnik des Spazierens, der Spaziergang als Erzählmodell, die Naturwahrnehmung des romantischen Wanderers, die zerstreute Aufmerksamkeit des Spaziergängers, der Ausstellungsbummel, das Spazieren als Therapie, der städtische Flaneur, die Darstellungen des Spazierens in den bildenden Künsten oder das Gehen als Performance.

Die Kultur des Gehens entwickelt sich als Alternative zu Formen mechanisierter Fortbewegung in Kutsche, Eisenbahn und Automobil und knüpft zugleich an jene alte Tradition an, die zwischen ›Gehen‹, ›Denken‹ und ›Schreiben‹ Korrespondenzen entdeckt. Auch Ansätze wie ›Ecocriticism‹ können für Walsers Texte fruchtbar gemacht werden; im ›Walking‹ von Henry David Thoreau etwa hat er einen illustren Vor-Gänger, ebenso in Jean-Jacques Rousseau, Friedrich Schiller oder den Romantikern. Aus diesen Traditionsbezügen heraus setzt Walser den urbanen Flaneuren seiner Generation wie Walter Benjamin, Franz Hessel oder Marcel Proust ein ganz eigenes Spazieren entgegen, das sich selbst beobachtet und reflektiert. Thomas Bernhard, Michel de Certeau oder Peter Handke haben solche Ansätze weiterentwickelt. Sie liegen auch der ›Strollology‹ bzw. ›Promenadologie‹ zugrunde, dem von Lucius Burckhardt begründeten Forschungsansatz, der das konstruktive Moment der Wahrnehmung von Landschaft und Umwelt betont.

Die Tagung richtet sich an Walser-Leserinnen und Walser-Leser, an Spaziergangslustige und an alle andern, welche die Kultur des Gehens entdecken wollen. Wir freuen uns, Sie im Berner Schöngrün begrüßen zu dürfen! Veranstaltet wird die Tagung vom Robert Walser-Zentrum gemeinsam mit den Universitäten Bern und Lausanne, der Pädagogischen Hochschule Bern und dem Zentrum Paul Klee. Allen, die uns unterstützt haben, ein herzliches Dankeschön!

Annie Pfeifer und Reto Sorg

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